GESAMT-ROUNDUP/Regierung sieht mehr Wachstum - Arbeitslosigkeit auf Rekordtief

dpa-AFX

NÜRNBERG/BERLIN (dpa-AFX) - Unter dem Eindruck der boomenden Wirtschaft und eines stabilen Jobaufschwungs hat die geschäftsführende Bundesregierung ihre Konjunkturprognose deutlich angehoben. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) rechnet nun für 2018 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent. "Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer sehr guten Verfassung", sagte Zypries am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts. Bisher war Zypries lediglich von 1,9 Prozent Wachstum ausgegangen.

Gestützt wurde ihr Optimismus zuvor von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Danach hat der Konjunktur- und Beschäftigungsboom den zum Winterbeginn üblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit spürbar gebremst. Die Erwerbslosigkeit sei im Januar lediglich um 185 000 auf 2,57 Millionen gestiegen, teilte Bundesagentur-Chef Detlef Scheele am Mittwoch mit. Die Nürnberger Bundesbehörde verzeichnete damit die niedrigste Januar-Arbeitslosigkeit seit 27 Jahren.

Auch der geringe Anstieg der Erwerbslosigkeit sei vermutlich rekordverdächtig, hieß es bei der Vorlage der Arbeitsmarktzahlen. Vor einem Jahr hatte es in Deutschland noch 207 000 Arbeitslose mehr gegeben. Die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zum Dezember um 0,5 Punkte auf 5,8 Prozent.

Als Beleg für die anhaltende Dynamik sieht die Bundesagentur die wachsende Zahl der Jobs. So lag nach Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Erwerbstätigen im Dezember bei 44,62 Millionen - ein Plus von 67 000 gegenüber dem Vormonat. Der Anstieg gehe allein auf mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zurück, hieß es bei der BA. Diese hat nach Berechnungen der Behörde im November saisonbereinigt um 84 000 auf 32,82 Millionen zugenommen

- 756 000 mehr als ein Jahr zuvor.

Wirtschaftsministerin Zypries begründete die Anhebung ihrer Konjunkturprognose unter anderem mit dem starken privaten Konsum und der starken deutschen Exportwirtschaft. Die Wirtschaft in der Eurozone und weltweit habe sich besser entwickelt. Der Aufschwung habe an Breite gewonnen und die Investitionen seien gestiegen, sagte Zypries. Großen Anteil an der Entwicklung habe die Industrie. Die Nettolöhne und -gehälter der Arbeitnehmer würden weiter steigen. Sie seien seit 2013 durchschnittlich um mehr als 1,6 Prozent gewachsen.

Eine Gefahr der konjunkturellen Überhitzung und stark steigenden Preisen sieht Zypries nicht. Die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr mit einem etwas niedrigeren Anstieg der Verbraucherpreise auf 1,7 Prozent. Zu den größten Herausforderungen zählte Zypries den Mangel an Fachkräften. Der vor allem von den USA kritisierte Leistungsbilanzüberschuss sei zwar weiter hoch, habe sich aber in den vergangenen Jahren verringert.

Spitzenverbände der Wirtschaft mahnten unterdessen, Wachstum sei kein Selbstläufer. Sie forderten mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen von Union und SPD eine steuerliche Entlastung der Unternehmen. "Es ist grundfalsch, sich im neunten Aufschwungsjahr von der weiterhin guten deutschen Wirtschaftsleistung blenden zu lassen", sagte der Präsident des Industrieverbandes BDI, Dieter Kempf. Die Steuerpläne in den Koalitionsverhandlungen ließen die Unternehmen links liegen. "Das trifft vor allem unseren Mittelstand und ist inakzeptabel."

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Martin Wansleben sagte, viele Firmen sorgten sich, dass die starke Konjunktur den Blick der Politik auf die Herausforderungen trübe. Die Betriebe bewerteten wichtige Standortfaktoren wie Verkehrsinfrastruktur, Fachkräfteangebot oder Steuersystem zunehmend schlechter. Die Linkspartei warf Zypries hingegen "Realitätsblindheit" vor. Sie habe in ihrem Bericht kein Wort zur Spaltung des Arbeitsmarkts und der Vermögensungleichheit gesagt.