GESAMT-ROUNDUP: Prognosen zeichnen düsteres Bild für deutsche Wirtschaft

BERLIN (dpa-AFX) - Ökonomen und Verbände erwarten einen noch tieferen Wirtschaftseinbruch in Deutschland als die Bundesregierung. Nach einer neuen Prognose sinkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um mindestens zehn Prozent, wie DIHK-Präsident Eric Schweitzer am Dienstag bei einer Videokonferenz sagte. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) prognostiziert für das laufende Jahr einen BIP-Einbruch um 7,1 Prozent. Die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 6,3 Prozent und der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte.

Die Nachfrage nach Produkten "Made in Germany" sei massiv eingebrochen, sagte Schweitzer in Berlin. Der deutsche Export dürfte um 15 Prozent zurückgehen. Es gebe mittlerweile alle Anzeichen einer Weltwirtschaftskrise. Zudem investierten die Firmen weniger und der private Konsum komme trotz der schrittweisen Lockerung der Beschränkungen nicht in Gang. Schweitzer sprach von der größten Herausforderung für die deutsche Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die deutsche Wirtschaft wird sich nach Ansicht des IfW erst im Laufe des kommenden Jahres von den Folgen der Corona-Krise erholen. Der Aufholprozess vollziehe sich deutlich langsamer als der Einbruch, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Konjunkturprognose. Im kommenden Jahr sei mit einem Wachstum um 7,2 Prozent zu rechnen.

Ihr Vorkrisenniveau wird die Wirtschaft nach Ansicht der IfW-Experten erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 wieder erreichen. "Damit sind die Folgen der Krise aber längst noch nicht wettgemacht, da die wirtschaftliche Aktivität dann immer noch merklich unter dem Niveau liegen wird, das sich ohne den Effekt der Corona-Pandemie ergeben hätte", sagte der IfW-Konjunkturforscher Stefan Kooths. "Insgesamt dürfte die Krise Deutschland dann rund 300 Milliarden Euro an Wertschöpfung gekostet haben."

Für das laufende zweite Quartal rechnet das Institut mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres um 11,3 Prozent. "Das markiert den größten Quartalsrückgang seit Bestehen der Bundesrepublik", sagte Kooths. Ab dem dritten Quartal seien wieder Zuwächse zu erwarten. Laut der Konjunkturprognose wird die Zahl der Arbeitslosen in der Spitze auf drei Millionen steigen, die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt auf 6,1 Prozent. Im ersten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt bereits um 2,2 Prozent zum Vorquartal eingebrochen, wie das Statistische Bundesamt mitgeteilt hatte.

Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich unterdessen im Mai den zweiten Monat in Folge gebessert. Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) teilte am Dienstag mit, dass der von ihm erhobene Indikator um 22,8 Punkte auf 51,0 Zähler gestiegen sei. Bereits April hatte sich die Stimmung aufgehellt, nachdem sie im März wegen der Corona-Krise eingebrochen war. Im Gegensatz zu den Aussichten trübte sich die Bewertung der aktuellen Konjunkturlage weiter ein. Der Indikator fiel jedoch nur leicht um 2,0 Punkte auf minus 93,5 Zähler.

Die Gewerkschaft Verdi forderte unterdessen eine Konjunktur- und Investitionsprogramm zur zügigen Überwindung der Krise. Die Bundesregierung sei aufgefordert, die wirtschaftliche Erholung zu beschleunigen. Konjunkturpolitische Maßnahmen sollten dabei gleichzeitig die "sozial-ökologische Transformation der heimischen Wirtschaft und Gesellschaft" voranbringen. Das müsse nach Meinung der Gewerkschaft unter anderem die Stärkung der Daseinsvorsorge, der sozialen Sicherungssysteme sowie der Tarifbindung und der Arbeitnehmerrechte beinhalten.