GESAMT-ROUNDUP: Nord Stream 1 läuft wieder, aber Zweifel bleiben

LUBMIN/BERLIN/MOSKAU (dpa-AFX) - Russland liefert wieder Gas durch Nord Stream 1 - die Sorgen um eine stabile Energieversorgung im Winter sind aber alles andere als verflogen. Mit dem Betriebsbeginn der Ostsee-Pipeline am Donnerstag nach einer Wartungspause bewahrheiteten sich Befürchtungen, Moskau könnte den Hahn zugedreht lassen, zunächst nicht. Regierung, Wirtschaft und Experten bereiten sich dennoch auf ein Fortdauern oder gar eine mögliche Verschärfung der Gaskrise vor. Wirtschaftsminister Robert Habeck kündigte ein Energiesicherungspaket an. Vielfach hieß es, es gebe noch keinen Grund zur Entwarnung.

Gasflüsse bisher nach Plan: Netzdaten ließen darauf schließen, dass die vom Betreiber in Aussicht gestellten Mengen bis zum Nachmittag eingehalten wurden. So stabilisierten sich nach dem Hochfahren am Morgen die Flusswerte laut Nord Stream AG auf einem Energieniveau von knapp 29,3 Gigawattstunden (GWh) je Lieferstunde, bei geringfügigen Schwankungen. Das war in etwa so viel, wie das Unternehmen zugesagt hatte. Zahlen von den beiden Empfangspunkten im vorpommerschen Lubmin zeigten ebenfalls, dass der Gasfluss weitgehend konstant blieb.

Nord Stream teilte mit, man habe "alle geplanten Wartungsarbeiten innerhalb des vorgesehenen Zeitraums erfolgreich abgeschlossen" und die Belieferung wieder aufgenommen. In den kommenden Monaten dürfte die Gasmenge große Auswirkungen auf die deutsche Industrie, aber auch auf Privatkunden haben. Aller Voraussicht nach wird sie sich auf die Gaspreise und Befüllung der Speicher für den Winter niederschlagen.

Kein Grund zur Entwarnung: Da Russland die Menge nach dem Verhängen westlicher Sanktionen im Ukraine-Krieg bereits gesenkt hatte, überwog Vorsicht. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sagte der Deutschen Presse-Agentur, er sehe noch keinen Grund zur Entwarnung. Wenn in den nächsten Wochen etwa 40 Prozent der Pipeline-Kapazitäten ausgelastet würden, wären die ärgsten Bedenken zwar nicht bestätigt. Aber Präsident Wladimir Putin habe Aussagen getroffen, die auf 20 Prozent hindeuten. "Wir sind Russland momentan ausgeliefert, weil sie darüber entscheiden, wie viel Gas Nord Stream 1 an uns weiterleitet."

Ähnlich äußerten sich die deutschen Energieversorger. "Auf eine verlässliche Belieferung aus Russland werden wir nicht mehr bauen können", warnte Kerstin Andreae, Vorsitzende des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Dass aktuell wieder Gas fließe, könne höchstens zu "vorläufiger Beruhigung" beitragen. Die Grünen halten einen Lieferstopp weiter für möglich. "Putin will Europa spalten, wir werden das verhindern", sagte der Wirtschaftsexperte ihrer Bundestagsfraktion, Dieter Janecek, der "Rheinischen Post".

Werden die Gasspeicher rechtzeitig voll? Habecks Plan zielt unter anderem auf die Absicherung dieser Frage. Dem Konzept zufolge werden Vorgaben für die Speicher verschärft. Am 1. September sollen sie zu 75 Prozent gefüllt sein, zum 1. Oktober statt wie bisher zu 80 zu 85 Prozent, zum 1. November statt wie bisher zu 90 dann zu 95 Prozent.

Der letzte genannte Stand für die gesamte Bundesrepublik lag am Dienstag (19. Juli) bei rund 65,1 Prozent. Im größten deutschen Speicher im niedersächsischen Rehden waren es nur knapp 34,7 Prozent.

Die Bundesnetzagentur geht bisher von einem durchschnittlichen Winter 2022/23 aus. Sie nimmt zudem an, dass die ersten eigenen Terminals für verflüssigtes Erdgas (LNG) an der deutschen Küste ab Januar 2023 einsatzbereit sind - zwei sollen vorerst als schwimmende Anlagen in Wilhelmshaven und Brunsbüttel entstehen. Falls der Winter jedoch kalt wird und die Terminals nicht schnell genug in Betrieb gehen, "müsste das durch zusätzliche Einsparungen kompensiert werden", so Müller. Der Chef des Verbands Zukunft Gas, Timm Kehler, sagte: "Mit den reduzierten Gasmengen aus Russland können die angestrebten Füllstände erreicht werden, die Lage auf dem Gasmarkt bleibt aber angespannt."

Neue Appelle zum Energiesparen: Auch weitere Sparmaßnahmen etwa in öffentlichen Gebäuden sind Teil des Plans im Wirtschaftsministerium. So sei es sinnvoll, Räume, in denen man sich nicht regelmäßig aufhält - etwa Flure, große Hallen, Foyers oder Technikräume -, nicht mehr zu heizen, außer bei speziellen sicherheitstechnischen Anforderungen. Mieterinnen und Mieter sollen ferner mehr Spielraum bekommen, um selbst mehr Energie einzusparen - unabhängig von Mindesttemperaturen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), Ingbert Liebing, rief ebenso zum Energiesparen auf: "Unser Land und seine Gesellschaft werden ökonomisch von Russland attackiert - alle Maßnahmen, die den Gasverbrauch reduzieren, dienen der Vorsorge und letztlich auch unserer Verteidigung." Andreae erklärte, auch in der Industrie seien Sparpotenziale vorhanden. Der Umweltverband BUND forderte, Unternehmen müssten den Verbrauch großer Anlagen genauer offenlegen. Bisher sind Haushalte und Einrichtungen wie Kliniken im Fall einer Gas-Mangellage stärker geschützt als Industriebetriebe.

Debatte um Kohle- und Atomkraft: Die Bundesregierung will neben Steinkohle- jetzt notfalls auch Braunkohlekraftwerke aus der Reserve holen, um einen möglichen Gasnotstand abfedern zu können. Dies wird zum 1. Oktober vorbereitet. Außerdem soll es eine Verordnung geben, die Kohle und Öl im Schienenverkehr den Vorzug gibt.

Daneben geht die Debatte um die drei noch betriebenen deutschen Akw weiter. Die Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann, sagte: "Der Hahn der Gaspipeline kann jederzeit abgedreht werden. Deshalb muss die Regierung die Laufzeitverlängerung der verbliebenen deutschen Kernkraftwerke endlich vorbereiten." Umwelt- und Klimaschützer sehen selbst ein zeitweises Ausweichen auf fossile Träger kritisch. "Sicherheit vor Putins Machtspielen mit fossilen Energien gibt es nur durch einen möglichst schnellen Gasausstieg", sagte Reenie Vietheer von Greenpeace zum Thema Nord Stream 1.

Liefermengen vor dem Krieg deutlich höher: Zu beachten ist jedoch auch, dass die wiederaufgenommene Pipeline-Versorgung bislang weit unter dem Niveau vor dem Krieg legt. Eine Fortsetzung der stündlichen Mengen vom Donnerstag entspräche einem täglichen Gasvolumen von gut 67 Millionen Kubikmetern oder einer Energie von etwa 700 GWh. Ende 2021 waren pro Tag noch bis zu 167 Millionen Kubikmeter Gas durch die Leitung gekommen, bei einer Gesamtenergie von bis zu 1755 GWh.

Die Lage bei den europäischen Nachbarn: In Italien, wo knapp 40 Prozent der Importe aus Russland stammten, deutete der Versorger Eni <IT0003132476> eine leichte Entspannung an: Der russische Energieriese Gazprom <US3682872078> habe eine Erhöhung der Mengen angekündigt. Der österreichische Konzern OMV <AT0000743059> sollte am Donnerstag gut die Hälfte des vereinbarten Gases erhalten - eine Rückkehr auf das Niveau vor der Wartung von Nord Stream 1. Das Land bekommt den Großteil seiner Lieferungen aber über ukrainische Leitungen. Gazprom wollte am Donnerstag laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass rund 42 Millionen Kubikmeter durch die Ukraine pumpen - kaum die Hälfte des möglichen Umfangs.

Strategisches Spiel im Kreml? Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte, Russland wolle Garant für die Energiesicherheit in Europa bleiben. Man habe stets betont, dass Gazprom alle Verpflichtungen erfülle. "Und jedwede technischen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, rühren von den Einschränkungen her, die von der EU erlassen wurden." Peskow bezog sich damit auf die Sanktionen sowie den Streit über eine Gasturbine von Siemens Energy <DE000ENER6Y0>. Diese war in Kanada repariert, sei aber für den Betrieb von Nord Stream 1 nicht zurückgegeben worden.

Wo die Turbine aktuell ist, war am Donnerstag unklar. Putin hatte gewarnt, die Lieferungen könnten sinken, falls sie nicht bis nächste Woche wieder eingebaut werde. Der CDU-Außenexperte Norbert Röttgen sagte im Deutschlandfunk: "Putin spielt mit unserer Abhängigkeit, und er spielt auch mit unserer Angst. Es ist wichtig, dass wir lernen, an beiden seiner taktischen, machtpolitischen Spiele nicht teilzunehmen, und darum müssen wir raus aus der Abhängigkeit, so schnell es geht."

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