"Ich bin gerne der Astronaut zum Anfassen"

Professor Ulrich Walter (68) gehört zum erlauchten Kreis der deutschen Weltraumfahrer. Er setzt sich seit seiner Mission vor knapp drei Jahrzehnten unermüdlich für Technik und Fortschritt ein. Im Interview blickt er aber durchaus skeptisch in die Zukunft. Was fehlt, sei dir Neugier. "Wir sind zu alt und zu satt", kritisiert der Wissenschaftler. (Bild: Philipp Otte / WeltN24 GmbH)
Professor Ulrich Walter (68) gehört zum erlauchten Kreis der deutschen Weltraumfahrer. Er setzt sich seit seiner Mission vor knapp drei Jahrzehnten unermüdlich für Technik und Fortschritt ein. Im Interview blickt er aber durchaus skeptisch in die Zukunft. Was fehlt, sei dir Neugier. "Wir sind zu alt und zu satt", kritisiert der Wissenschaftler. (Bild: Philipp Otte / WeltN24 GmbH)

Er gehört zum erlauchten Kreis der deutschen Weltraumfahrer: Professor Ulrich Walter setzt sich seit seiner Mission unermüdlich für Technik und Fortschritt ein. Im Interview blickt er aber durchaus skeptisch in die Zukunft. Was fehlt, sei dir Neugier. "Wir sind zu alt und zu satt", kritisiert der Wissenschaftler.

Natürlich, sagt Ulrich Walter, die zehn Tage im Frühjahr 1993 haben sein Leben "einschneidend" verändert. Es vergehe kein Tag, an dem er nicht in irgendeiner Weise mit dem, was er vor beinahe 30 Jahren "da oben" erlebt hat, verbunden sei. Nicht selten würden ihm die Bilder von damals sogar in seinen Träumen begegnen. Der 1954 in Iserlohn geborene Physiker gehört zum hochexklusiven Kreis von derzeit elf Deutschen, die von sich behaupten können, im Weltall gewesen zu sein. Walter war unter den Astronauten der Mission STS-55 des US-amerikanischen Space Shuttles Columbia, die am 26. April 1993 auf dem Weltraumbahnhof in Florida begann und am 6. Mai jenes Jahres mit der Landung auf der Edwards Air Force Base in Kalifornien ein erfolgreiches Ende nahm.

Dass die zweite große Mission seines Lebens direkt nach STS-55 beginnen würde, sei ihm im Grunde schon damals klar gewesen, erinnert sich der Wissenschaftler, der an Bord des Orbiters für rund 90 Experimente mitverantwortlich war. Aus hunderten Kilometern Entfernung im All auf die Erde zu blicken, das habe etwas mit ihm gemacht: "Zu erleben, wie schnell man über Deutschland und ganz Europa hinweg ist, und wie vergleichsweise lange doch der Überflug über China, die USA oder Russland dauert, das rückt die Perspektiven auf die Welt und auf die Schöpfung an sich zurecht", sagt der "überzeugte Wertechrist", der sich heute in erster Linie als zugänglicher Vermittler komplexer Zusammenhänge versteht und der zunehmenden Wissenschaftsnegierung entschieden entgegentritt.

Ob man automatisch zum Welterklärer mutiert, wenn man die Erde einmal aus dem All betrachtet hat? - Das könne er pauschal nicht sagen, sagt Professor Walter. Aber bei ihm war es wohl so.

Ulrich Walter, der den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München leitet, ist bekannt als inspirierender Verfechter nicht nur der Raumfahrt und der Physik, sondern des Fortschritts an sich: "Ich bin gerne der Astronaut zum Anfassen", lacht der Autor des Bestsellers "Die verrückte Welt der Physik". (Bild: WeltN24 GmbH)
Ulrich Walter, der den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München leitet, ist bekannt als inspirierender Verfechter nicht nur der Raumfahrt und der Physik, sondern des Fortschritts an sich: "Ich bin gerne der Astronaut zum Anfassen", lacht der Autor des Bestsellers "Die verrückte Welt der Physik". (Bild: WeltN24 GmbH)

"Nehme mir die Zeit für solche Gespräche, wann immer ich kann"

Walter, der heute den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München leitet, ist längst bekannt als inspirierender Verfechter nicht nur der Raumfahrt und der Physik, sondern des Fortschritts an sich. Der 68-Jährige sitzt in Polit-Talkshows genauso wie in Unterhaltungsformaten, er spricht mit demselben Feuereifer mit Online-Portalen und Wissenschaftspostillen wie mit den großen Magazinen und öffentlich-rechtlichen Sendern. "Ich bin eben gerne der Astronaut zum Anfassen", lacht der Autor des Bestsellers "Die verrückte Welt der Physik".

Im Interview, in dem er voller Elan auch auf jede noch so "unwissenschaftliche" Frage eine schlaue Antwort gibt, erweist sich Ulrich Walter als trefflicher Gesprächspartner, der beides zugleich ist: unermüdlicher Positivdenker und Mahner. "Ich nehme mir die Zeit für solche Gespräche, wann immer ich kann", erklärt der umtriebige Familienvater, "weil ich das einfach als meine Aufgabe sehe". Also doziert der Professor ebenso gut gelaunt über die aus seiner Sicht in den nächsten paar Millionen Jahren tatsächlich nicht existierende Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit auf außerirdische Lebensformen treffen wird, wie über die ihm "schon tausendmal gestellte" Frage, ob er schon als Kind vom Flug ins All geträumt hat.

Hat er nicht, sagt Ulrich Walter, "weil wir Deutschen damals in den 60er-Jahren nur Zaungäste der Raumfahrt waren". Aber er sei schon als Junge "extrem wissbegierig und neugierig" gewesen und habe erst einmal Physik studiert. Als aber Mitte der 80er-Jahre die Deutschen Wissenschafts-Astronauten suchten, da sei die Sache für ihn klar gewesen, sagt Walter: "Genau das ist mein Ding!"

Allerdings weiß auch UIrich Walter sehr wohl, dass hierzulande bei Weitem nicht mehr so viele Kinder wie einst "Astronaut" als Traumberuf nennen. "Da liegen Influencer und Co. vorne", vermutet der Physiker, wenn man auf neuere Studien blickt, nicht ganz zu Unrecht - und im Gegensatz zu Ländern wie China oder USA, wo immer noch sehr viele Kinder vom Aufbruch ins Weltall träumen.

Ulrich Walter versteht sich in erster Linie als Vermittler komplexer Zusammenhänge, der der zunehmenden Wissenschaftsnegierung entschieden entgegentritt: "Zu erleben, wie schnell man über Deutschland und ganz Europa hinweg ist, und wie vergleichsweise lange doch der Überflug über China, die USA oder Russland dauert, das rückt die Perspektiven auf die Welt und auf die Schöpfung an sich zurecht", sagt der "überzeugte Wertechrist". (Bild: 2017 Getty Images/Sean Gallup)
Ulrich Walter versteht sich in erster Linie als Vermittler komplexer Zusammenhänge, der der zunehmenden Wissenschaftsnegierung entschieden entgegentritt: "Zu erleben, wie schnell man über Deutschland und ganz Europa hinweg ist, und wie vergleichsweise lange doch der Überflug über China, die USA oder Russland dauert, das rückt die Perspektiven auf die Welt und auf die Schöpfung an sich zurecht", sagt der "überzeugte Wertechrist". (Bild: 2017 Getty Images/Sean Gallup)

"Wir sind zu alt und zu satt"

Geradezu enthusiastisch schwärmt Ulrich Walter von der Neugier, die seine Generation in den 1960er- und 1970er-Jahren geprägt habe. "Wir träumten und hatten damit die Zukunft in unseren Händen", erinnert er sich. Und die Menschen, beileibe nicht nur die Jungen, hatten "tausend Fragen". Damals seien der Aufbruch in den Weltraum und der Flug zum Mond "Massenereignisse aller Weltbürger" gewesen. Jeder habe das im Fernsehen mitverfolgt, "und Astronauten waren die wahren Helden".

Walter kann tief einsteigen in jene Zeit der "globalen Aufbruchstimmung" und des "gemeinsamen Traums von einer besseren Zukunft durch Gleichheit und technischen Fortschritt". In einem Gastbeitrag für ein Wirtschaftsportal hat er unlängst Mr. Spock zitiert, der auf die Frage, warum die Menschen trotz aller Gefahren in den Weltraum fliegen, schlicht geantwortet habe: "Neugier, nichts als schiere Neugier."

Doch, und da rührt sich der Mahner in Ulrich Walter, heute vermisse er sie vielfach, die Neugier von einst. Zugleich seien "wir ängstlicher um unsere Zukunft geworden", meint der renommierte Physiker und hat für diese These auch eine Erklärung parat: "Wir sind zu alt und zu satt - fast schon ein bisschen dekadent." In Deutschland sei die Gesellschaft im gleichen Maße um die Besitzstandswahrung bemüht, wie ihr der Pioniergeist abhandengekommen sei. So sei das Land im Begriff, seinen Status als Wissenschafts- und Technikvordenker zu verlieren. Noch seien die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung nicht spürbar, "unser klassischer Maschinenbau, wie Autos, ist international noch gefragt", weiß der Professor. "Aber neue Technologien wie Laptops, Smartphones, Robotik werden nicht mehr hier produziert." Daher sei in den kommenden Jahrzehnten sei ein Absinken des Wohlstandniveaus zu befürchten - beschleunigt durch die gesellschaftlichen Anforderungen des Krieges in der Ukraine.

Seit 2016 ist Ulrich Walter Host der Wissenschaftsserie "Spacetime", die beim Sender WELT eine treue Fangemeinde hat und am Freitag, 28. Oktober, 20.05 Uhr, mit Doppelfolgen in die fünfte Staffel geht. "Der geheime Orbit: Wettrüsten im All" heißt es zum Auftakt. Nein, dabei gehe es nicht Panikmache, sagt Professor Walter, aber er wolle aufzeigen, warum der derzeit von den meisten unbemerkt im Weltraum ausgetragene Wettbewerb um politische und wirtschaftliche Macht eine große Herausforderung für eine friedliche Welt ist. (Bild: WeltN24 GmbH)
Seit 2016 ist Ulrich Walter Host der Wissenschaftsserie "Spacetime", die beim Sender WELT eine treue Fangemeinde hat und am Freitag, 28. Oktober, 20.05 Uhr, mit Doppelfolgen in die fünfte Staffel geht. "Der geheime Orbit: Wettrüsten im All" heißt es zum Auftakt. Nein, dabei gehe es nicht Panikmache, sagt Professor Walter, aber er wolle aufzeigen, warum der derzeit von den meisten unbemerkt im Weltraum ausgetragene Wettbewerb um politische und wirtschaftliche Macht eine große Herausforderung für eine friedliche Welt ist. (Bild: WeltN24 GmbH)

"Reisen Sie in ferne Länder, und lernen Sie deren Kulturen kennen"

Professor Walter spricht mit heiligem Ernst über diese Themen. Doch zu verzagen ist seine Sache nicht, ihn spornt all das nur noch mehr an, bei seiner Mission auf Kurs zu bleiben. Ohne Frage wird er junge Menschen auch weiterhin dazu inspirieren, "neugierig zu sein und mutig in die Zukunft zu denken". Auf dass die Zukunft auch hierzulande bald wieder mehr gestaltet als verwaltet wird.

Sein wichtigster Tipp für seine Studierenden lautet: "Reisen Sie in ferne Länder, und lernen Sie deren Kulturen kennen! Das öffnet die Perspektiven, das schafft Verständnis für andere Weltanschauungen und ein Gefühl für den eigenen Platz in der Welt." Es muss ja nicht jeder gleich ins All fliegen, um Antworten auf die großen Fragen unseres Daseins zu finden.

Es vergehe kein Tag, an dem er nicht in irgendeiner Weise mit dem, was er vor beinahe 30 Jahren "da oben" erlebt hat, verbunden sei. Nicht selten würden ihm die Bilder von damals sogar in seinen Träumen begegnen. Der 1954 in Iserlohn geborene Physiker Ulrich Walter gehört zum hochexklusiven Kreis von derzeit elf Deutschen, die von sich behaupten können, im Weltall gewesen zu sein. Er war 1993 unter den Astronauten der Mission STS-55 des US-amerikanischen Space Shuttles Columbia. (Bild: WELT)
Es vergehe kein Tag, an dem er nicht in irgendeiner Weise mit dem, was er vor beinahe 30 Jahren "da oben" erlebt hat, verbunden sei. Nicht selten würden ihm die Bilder von damals sogar in seinen Träumen begegnen. Der 1954 in Iserlohn geborene Physiker Ulrich Walter gehört zum hochexklusiven Kreis von derzeit elf Deutschen, die von sich behaupten können, im Weltall gewesen zu sein. Er war 1993 unter den Astronauten der Mission STS-55 des US-amerikanischen Space Shuttles Columbia. (Bild: WELT)

"Mich hat schon immer interessiert: Wie ist der Weltraum entstanden?"

Schon seit 2016 ist Ulrich Walter Host der Wissenschaftsserie "Spacetime", die beim Sender WELT eine treue Fangemeinde hat und am Freitag, 28. Oktober, 20.05 Uhr, mit Doppelfolgen in die fünfte Staffel geht. "Der geheime Orbit: Wettrüsten im All" heißt es da gleich zum Auftakt. Nein, dabei gehe es nicht Panikmache, sagt Professor Walter, aber er wolle aufzeigen, warum der derzeit von den meisten unbemerkt im Weltraum ausgetragene Wettbewerb um politische und wirtschaftliche Macht eine große Herausforderung für eine friedliche Welt ist.

Sein Motiv ist ansonsten auch bei diesem Format wie gehabt: "Raumfahrt und Weltraum sind einfach faszinierend. Mich hat schon immer interessiert: Wie ist der Weltraum entstanden? Das Universum? Inzwischen verstehe ich es, und ich habe das Bedürfnis, das den Zuschauern näherzubringen", bekennt der ehemalige Raumfahrer, der auch auf die Frage, was denn einen Astronauten ("kein geschützter Beruf"!) überhaupt definiere, im Raketentempo mit der Antwort kommt: "Eine Person, die wenigstens eine Erdumrundung gemacht hat." Und wieder was gelernt, denkt sich da der Fragensteller nach 45 anregenden Minuten.