German Property Group: Russische Investoren bekamen Millionen zurück — kurz vor der Insolvenz des Unternehmens

Marta Orosz
·Lesedauer: 4 Min.
Firmensitz der German Property Group in Langenhagen. Früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.
Firmensitz der German Property Group in Langenhagen. Früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.

Wo ist das Geld der Anleger? Auf diese Fragen suchen nun seit knapp einem Jahr Insolvenzverwalter und Gläubiger der Immobilienfirma German Property Group (GPG) die Antwort.

Rentner aus Großbritannien und Irland, private Anleger aus Südkorea und Singapur vertrauten dem Firmenchef Charles Smethurst aus Langenhagen und investierten fünf- bis siebenstellige Summen in die GPG. Seit spätestens 2019 kommen Anleger nicht mehr an ihr Geld. Viele fühlen sich betrogen und werfen dem Unternehmensgründer vor, ein Schneeballsystem aufgebaut zu haben. Insgesamt schätzt der Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt die Forderungen der Gläubiger auf 1,2 Milliarden Euro, abgewickelt worden sind nach aktuellen Schätzungen mindestens 3,1 Milliarden. Gegen Firmengründer Charles Smethurst und zwei weitere Personen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Erste Hinweise liefert ein Gutachten des vorläufigen Insolvenzverwalters einer der wichtigsten Gesellschaften der GPG, die Projektgesellschaft Dolphin Capital 80 (DC80). Insolvenzanwalt Gerrit Hölzle und sein Team folgten der Spur des Geldes – soweit die chaotische und teilweise nicht vorhandene Buchführung der DC80 es erlaubte und fassten ihre Erkenntnisse in einem 161-seitigen Gutachten zusammen, das Business Insider einsehen konnte.

Zahlungsfähig unter Druck

Laut dem Gutachten des vorläufigen Insolvenzverwalters Gerrit Hölzle war die Firmengruppe bereits August 2018 zahlungsunfähig. Dass es zu dieser Zeit schon ernsthafte Liquiditätsprobleme gab, räumte der Firmengründer Smethurst im Dezember 2020 gegenüber der Staatsanwaltschaft Hannover ein. Smethurst gab zu, trotz „der misslichen Lage“ Investorengelder eingesammelt zu haben.

Neu ist jedoch, dass trotz Zahlungsunfähigkeit einige Investoren kurz vor dem Insolvenzantrag ausgezahlt wurden und dass Gelder in Höhe von 311 Millionen die Konten verließen.

In die Immobilienprojekte der GPG investierten auch russische Anleger. Eine kleinere Gruppe hat ein Privatbankier vermittelt. Laut Gutachten befürchteten sie bereits Ende 2019, „dass ihre Investitionen gefährdet sind.“ In diesem Jahr kamen auch erste Berichte ans Licht, wonach die Zahlungen an die Anleger wegblieben. Die acht russischen Investoren sollen, so das Gutachten, Druck ausgeübt haben, um ihre Gelder zu bekommen. Anders, als tausende geschädigte Anleger aus Großbritannien, Irland, Südkorea und Singapur, ist es ihnen gelungen, einen Großteil ihrer Anlagen einzutreiben.

Ein Investor aus Russland und seine Familie bekamen 70 Prozent der ursprünglichen Investition ausgezahlt, weitere sieben Anleger erhielten ebenfalls einen bedeutenden Teil ihrer Gelder zurück. Die letzteren bekamen das Angebot, ihre Forderungen an eine GPG-Tochter zu verkaufen. Letztendlich sollten sie zwischen 60 und 80 Prozent ihrer Investitionen erhalten.

Das Gutachten erbringt Beweise für Überweisungen in Höhe von 2,6 Millionen Euro, die zwischen April und Mai 2020 an die russischen Anleger gingen. Das entspricht etwa einem Drittel ihrer Anlagen. Insolvenzanwalt Hölzle geht anhand von internem Schriftverkehr jedoch davon aus, dass fast alle Forderungen der russischen Anleger ausgezahlt wurden. Auf unsere Anfrage reagierten Firmengründer Charles Smethurst und der russische Privatbankier bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht.

Die Auszahlung ausgewählter Gläubiger ist aus rechtlicher Sicht fragwürdig, vor allem vor dem Hintergrund der bilanziellen Zahlungsunfähigkeit. Es könnte also im Zuge des Insolvenzverfahrens dazu kommen, dass die Gelder wieder eingefordert werden.

Hohe Vermittlerprovisionen, Zahlungen an Dritte

Die Geldflüsse im Gutachten zeigen nur einzelne Puzzlestücke aus den langjährigen Geschäftstätigkeiten. Auffällig ist aber, dass trotz Zahlungsunfähigkeit die Projektgesellschaft DC80, die als zentrale Kapitalsammelstelle in der Firmengruppe agierte, „signifikante Auszahlungen an Drittunternehmen“ getätigt haben soll, die „nach erstem Anschein keine Leistungen für die Gruppe erbracht haben.“

Außerdem gab es Forderungen gegen „diverse Drittunternehmen“, die alle „zum Lager Smethurst“ oder seinen direkten Familienangehörigen gehören. Medienberichten zufolge bekam der Homeshoppingkanal von Manou Lenz, die Frau des Gründers Charles Smethurst, mindestens neun Millionen Euro. Weitere Millionen sollen GPG-Vermittler im Ausland über ihre Provisionen hinaus entnommen haben.

Laut Gutachten soll die zentrale Kapitalsammelstelle der GPG ab September 2018, als das Unternehmen bereits zahlungsunfähig gewesen sein soll, bis zum Insolvenzantrag im Juli 2020 noch Gelder in Höhe von 311 Millionen Euro ausgezahlt haben.

Ist ein Teil des Geldes also im Umfeld des Unternehmens versickert?

Fest steht jedenfalls, dass die Vermittler, die dafür sorgten, dass Tausende Anleger den Versprechen der German Property Group Glauben schenkten und ihre Ersparnisse überwiesen, überdurchschnittlich bezahlt waren. Nach bisherigem Kenntnisstand arbeiteten die Vermittler für eine Provision von 20 Prozent. Von jedem investierten 1.000 Euro gingen also zuallererst 200 Euro direkt in die Taschen der Vermittler. Nach der Berechnung im Gutachten hat die GPG 45 Prozent der Investorengelder entweder für Vermittler oder in die Auszahlung anderer Investoren verwendet.