German Property Group: Leipziger Wirtschaftsprüfer schreibt positive Gutachten - ohne Bilanzen zu kennen

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Firmensitz der German Property Group in Langenhagen: Früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.
Firmensitz der German Property Group in Langenhagen: Früher hieß das Unternehmen Dolphin Trust.

Im Fall der insolventen German Property Group, die Tausende Anleger aus dem Ausland um ihr Erspartes brachte, tauchen immer neue Details auf.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover zur German Property Group (GPG) weiten sich auf sechs Personen aus, erfuhr Business Insider. Neben dem Hauptbeschuldigten Charles Smethurst, der die GPG-Gruppe gründete, ermittelt die Behörde gegen vier ehemalige Geschäftsführer und einen ehemaligen Mitarbeiter. Der Verdacht besteht, dass sie Anlagebetrug und diverse Insolvenzdelikte begangen haben. Eine Wirtschaftskanzlei spricht von „einer der größten Kriminalinsolvenzen in der deutschen Immobilienbranche.“

Wie wir aus früheren Finanzskandalen wissen, tragen Wirtschaftsprüfer eine besondere Verantwortung, wenn sie Unternehmen testieren. Einer, der im Auftrag der heute insolventen German Property Group arbeitete, soll Gutachten geschrieben haben, ohne dabei auf die Buchhaltung der Firmen Zugriff gehabt zu haben. Die Konsequenz: Über 300 Millionen Euro sollen die Firmengruppe noch vor dem Insolvenzverfahren verlassen haben. Wie Recherchen von Business Insider und der „Sächsischen Zeitung“ ergaben, gehen die Geschäftsbeziehungen zwischen dem Leipziger Wirtschaftsprüfer und dem Gründer der GPG auf viele Jahre zurück.

2018 gab es bei der German Property Group zwei Wahrheiten: Eine, die zu verbergen immer mehr Mühe kostete. Firmengründer Charles Smethurst sprach im Nachhinein in seiner Einlassung an die Staatsanwaltschaft von einer misslichen Lage im Unternehmen. Die Nachforschungen des Insolvenzanwalts Gerrit Hölzle zeigen, dass die GPG zu dieser Zeit schon zahlungsunfähig war.

Erstaunliches Ergebnis

Eine andere Wahrheit sollten Gutachten eines Wirtschaftsprüfers aus Leipzig im Auftrag der GPG darstellen. Das zeigen Unterlagen, die Business Insider vorliegen. Demnach beauftragte die GPG die Knoll Beck AG, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unter der Leitung von Prof. Heinz-Christian Knoll, Gutachten zur Zahlungsunfähigkeit für 63 Gesellschaften der Firmengruppe zu erstellen. Ziel des Gutachtens war zu beurteilen, ob es im Unternehmen einen Insolvenzantrag begründet wäre.

Wie der Insolvenzanwalt Hölzle rekonstruiert, attestierte Knoll, dass Mitte 2018 alle Firmen zahlungsfähig waren. „In seinen sämtlichen Gutachten kommt Herr Prof. Dr. Heinz-Christian Knoll, Rechtsanwalt/Wirtschaftsprüfer/Steuerberater, unterschiedslos zu dem (erstaunlichen) Ergebnis, dass zum 30. Juli 2018 bei keiner der geprüften Gesellschaften eine Zahlungsunfähigkeit im Rechtssinne bestehe“, steht im vertraulichen Schlussgutachten.

Besonders wichtig ist die Prüfung der DC80 GmbH, der zentralen Gesellschaft innerhalb des GPG-Geflechts. Ein Großteil der Anleger zahlte ihre Investitionen in die DC80 ein, die dann verschiedene lukrative Immobilienprojekte hätten finanzieren sollen. Insgesamt wickelte alleine diese Gesellschaft im Zeitraum 2012 bis 2020 über 3 Milliarden Euro ab. Nun warten tausende geschädigte Privatanleger auf ihre Gelder.

Zum Ende Juli 2018 stellt Knoll über diese Gesellschaft fest, dass sie über 134.248 Euro Liquidität verfüge, der gegenüber keine sofort fällige Verbindlichkeiten bestünden. Der Insolvenzanwalt hält dies später für eine „nicht näher begründete und deshalb nicht nachvollziehbare Feststellung.“

Denn nachdem Knoll sein Gutachten erstellt hat, verließen 311 Millionen Euro die Konten der Gesellschaft. Es sei nicht erklärbar, worauf diese Zahlungen basieren, so der Insolvenzanwalt Hölzle. Seine Untersuchungen legen nahe, „dass ein erheblicher Teil dieser verbuchten Zahlungen an Dritte außerhalb des Unternehmensverbundes gegangen sind.“

Das könnte auch erste Antworten auf die Frage liefern, wo das Geld der Anleger ist. Glaubt man dem Insolvenzanwalt, dass die Firmengruppe bereits im August 2018 faktisch zahlungsunfähig war und dennoch über ein Gutachten verfügte, das eine Insolvenz nicht für begründet hielt, bekommen die Gutachten Knolls eine größere Relevanz. Der GPG standen demnach zwei Jahre zur Verfügung, um Gelder in einem faktisch insolventen Unternehmen zu bewegen.

Das Schlussgutachten der DC80 formuliert klare Vorwürfe: „Es ist davon auszugehen, dass die Knoll Beck AG und/oder Herr Knoll wegen des eingetretenen Insolvenzverschleppungsschadens haftbar sind.“

Auf unsere Anfrage reagierte der Anwalt von Heinz-Christian Knoll, dass er „aufgrund der von Berufs wegen auferlegten Verschwiegenheitsverpflichtungen“ keine Stellung zu unseren Fragen nehmen kann. Er stünde weder im Fokus der strafrechtlichen Ermittlungen, noch wurden Forderungen an ihn gestellt.

Es lag keine Buchhaltung vor

Wie konnte die Realität des Wirtschaftsprüfers von der Realität des Insolvenzanwalts so weit auseinander gehen? Dazu liefert Knoll selbst in seinem Gutachten eine Erklärung: „Es liegt bei den einzelnen Gesellschaften der Dolphin-Gruppe (Anm.d.red.: Die GPG hieß früher Dolphin) keine aktuelle Buchhaltung vor“, schreibt der Wirtschaftsprüfer. Diese Umstände bestätigt später auch der Insolvenzanwalt. Die Firmengruppe reichte seit 2015 keine ordentlichen Jahresabschlüsse ein.

Wem die Firma Geld schuldete, konnte Knoll nur aus einem internen Finanzplan der GPG entnehmen – lediglich eine Planungsrechnung. Auch die Verträge mit einzelnen Anlegern lagen ihm nicht vor.

Doch er erstellte trotzdem das Gutachten und machte sich damit angreifbar. Denn das Institut der Deutschen Wirtschaftsprüfer (IDW) fordert „vollständige, verlässliche und schlüssige“ Informationen um die Insolvenzreife eines Unternehmens zu beurteilen. Dazu gehört auch, dass die Informationen aus der Rechnungslegung übernommen werden müssen. Genau das war bei den Gesellschaften der GPG-Gruppe nur beschränkt oder gar nicht vorhanden.

Der Insolvenzanwalt schreibt, dass mit Knolls Gutachten gegen den Standard der IDW „eklatant verstoßen wurde“ und wirft ihm vor, seine Pflichten verletzt zu haben.

Gemeinsame Geschäfte

Warum attestierte Knoll trotzdem, dass die Firmen von Smethurst zahlungsfähig waren und keine Schulden hätten?

Eine Suche im Geflecht der über 200 Firmen, die zur German Property Group gehören, liefert erste Antworten. Kontakte zwischen dem Gründer der GPG-Gruppe Charles Smethurst und dem Wirtschaftsprüfer Heinz-Christian Knoll liegen einige Jahre zurück. Knoll und Smethurst saßen zeitweise im Aufsichtsrat des Leipziger Leasing- und Immobilienfirma Four Gates AG, Nachfolger eines Unternehmens, bei dem ebenfalls hunderte Privatanleger um ihre Gelder bangen mussten.

Viel wichtiger für die Beziehung der beiden dürfte sein, dass Knoll im Dezember 2020 das Unternehmen Red Rock Investment von Smethurst übernommen hat. Im Januar 2021 folgte eine weitere Beteiligung als Gesellschafter einer weiteren Firma aus dem Smethurst-Universum, die Immobilienfirma German Homes4You aus Dresden. Zu den Geschäftsbeziehungen zu Charles Smethurst äußerte sich Professor Knoll nicht.