Gericht lässt Anklagepunkte gegen Schlecker fallen

Der Ex-Drogeriekönig Anton Schlecker muss sich vor Gericht für weniger Anklagepunkte verantworten als angenommen. Das lässt Rückschlüsse auf das zu erwartende Urteil zu. Doch die Plädoyers gibt es vermutlich erst im November.


Der Bankrottprozess gegen Anton Schlecker geht in die Endrunde. Der Ex-Drogeriemarktkönig Anton Schlecker sieht sich – wie nach dem Verhandlungstag vor einer Woche erwartet – mit deutlich weniger Vorwürfen konfrontiert. Nach Zustimmung der Staatsanwälte ließ der Richter Roderich Martis eine ganze Liste von Anklagepunkten gegen den Ex-Drogeriekönig und seine Kinder Lars und Meike fallen. Das deutet auf ein milderes Urteil hin als die maximal möglichen fünf bis zehn Jahre Haft.

Das bedeutet aber noch keine Straffreiheit. Denn der Vorschlag des Richters beruht auf Basis des Paragrafen 154 der Strafprozessordnung. Danach kann die Staatsanwaltschaft einige Anklagepunkte fallen lassen, wenn zu erwarten ist, dass diese gegenüber den anderen Anklagepunkten nicht ins Gewicht fallen. Das heißt aber, andere gewichtige Vorwürfe bleiben bestehen.

Den Antrag von Meike Schleckers Verteidiger, erneut einen Gutachter zu befragen, lehnte der Richter mit dem Verweis ab, die Wirtschaftsstrafkammer habe genug Sachkenntnis, um strittige Bilanzierungs- und Steuerfragen zu beurteilen. Meike Schlecker, die sonst eher regungslos dem Prozess folgt, entlockten die Ausführungen des Richters zu diesem Punkt ein enttäuschtes Kopfschütteln. Sie hatte sich von einem neuen Gutachten zusätzliche Entlastung versprochen.


Richter Martis berichtete zudem über ein außergerichtliches Gespräch mit Anton Schleckers Verteidiger Norbert Scharf, in dem Scharf wohl vorfühlen wollte, welches Strafmaß Schlecker zu erwarten habe. Martis betonte bei der Widergabe des Gesprächs, dass er keinerlei Angaben zu einem möglichen Strafmaß gemacht habe.

Scharf stellte noch einige Beweisanträge, die seine Position unterstützen, dass Schlecker nicht vor Mitte 2011 eine drohende Zahlungsunfähigkeit erkennen konnte. Auf den Antrag nach einem weiteren Gutachter verzichtete er im Vertrauen auf seine Beweisanträge. Auch versuchte Schleckers Verteidigung mit Beweisanträgen zu widerlegen, dass Anton Schlecker absichtlich überhöhte Stundenlöhne an das formell seinen Kindern gehörende Logistikunternehmen zahlte und so Geld beiseite schaffte. Zumindest seien die von einem Gutachter als angemessen genannten gut 18 Euro viel zu niedrig. Schlecker hatte den Stundensatz vor der Insolvenz sogar noch auf 30 Euro erhöht.


Über die Beweisanträge entscheidet das Gericht endgültig am nächsten Verhandlungstag am 13. November. Danach könnte der Richter die Beweisaufnahme schließen. Indiz dafür war seine Anmerkung, dass die Staatsanwälte für den Termin oder den darauffolgenden am 20. November schon einmal ihre Plädoyers vorbereiten sollten. Damit steuert der seit März laufende Prozess nach über 26 Verhandlungstagen Mitte/Ende November auf sein Ende zu.

Die Staatsanwaltschaft wirft Schlecker unter anderem vorsätzlichen Bankrott vor – er soll laut Anklageschrift von 2010 bis zur Pleite im Januar 2012 mehr als 25 Millionen Euro aus der Firma gezogen haben, obwohl er dies wegen drohender Zahlungsunfähigkeit nicht hätte tun dürfen. Knackpunkt ist die Frage, ab wann genau die Zahlungsunfähigkeit drohte und Schlecker davon wusste. Die Ankläger gingen bisher vom 31. Dezember 2009 aus, änderten kürzlich aber ihren Standpunkt und sprechen jetzt nur noch von Ende 2010. Der Vorsitzende Richter nannte Januar 2011 als Zeitpunkt. Je später der Termin, desto mehr schrumpft die Schadenssumme, die wiederum Einfluss auf das Strafmaß hat.

KONTEXT

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker

Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: "Fleißig waren die beiden, unglaublich." Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. "Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels." Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker

Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als "resolut" beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker

Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com - zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker

Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.