"Ein Geräusch wie ein Pfeifen" - Kiew wieder unter Raketenbeschuss

Die Regierung in Kiew spricht von Energieterror: Erneut hat das russische Militär mit Luftangriffen gezielt Infrastrukturanlagen in mehreren Landesteilen unter Beschuss genommen. Neben Städten wie Saporischschja und Charkiw wurde auch Kiew getroffen. 80 Prozent der Bevölkerung der Hauptstadt müssen nun bis auf weiteres ohne Leitungswasser auskommen.

Die Reparaturarbeiten liefen sofort auf Hochtouren, obwohl jederzeit mit einem neuen Raketenhagel gerechnet werden muss. Laut des Chefs der Nationalpolizei wurden 13 Menschen durch die jüngsten Attacken verletzt. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete, 350 000 Haushalte in Kiew seien ohne Strom.

Eine junge Frau sagte an einer Wasserverteilstelle in einem Park in Kiew: "Die Behörden haben uns mitgeteilt, dass das Wasser am linken Ufer zurückkehren wird, und teilweise am rechten Ufer. Ich weiß nicht, ob das Wasser zurückkommt oder nicht, aber in diesem Park gibt es einen Springbrunnen. Wir sind seit zwei Jahren in Kiew, wir sind gekommen, um Wasser zu holen, und wir warten in der Schlange, um Trinkwasser zu bekommen, weil ich denke, dass wir und die Kinder Wasser brauchen."

Widersprüchliche Berichte über den Bombenhagel

Über den Raketenbeschuss gibt es unterschiedliche Darstellungen. In seinem täglichen Lagebericht verkündete der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, alle Angriffe hätten ihr Ziel erreicht.

Der Generalstab in Kiew erklärte dagegen, 44 der 50 russischen Marschflugkörper seien abgeschossen worden. Ein Raketenteil sei auf das Gebiet der Republik Moldau gestürzt, ohne Schäden anzurichten. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, die Luftwaffe hätte die 44 Raketen noch vor dem Morgenkaffee abgeschossen.

Die Bankangestellte Victoria Popova schilderte im Zentrum von Kiew, wie sie den Beschuss erlebt hat: "Wir haben ein Geräusch wie ein Pfeifen gehört. Danach flog etwas über uns hinweg. Wir hörten die Explosion und alle rannten hinaus."

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba schrieb bei Twitter, Russland kämpfe nicht auf dem Schlachtfeld, sondern gegen die Zivilbevölkerung.

Kein Ausweg aus Bachmut

Als besonders dramatisch wird die Lage in der dauerhaft umkämpften Stadt Bachmut in der Region Donezk beschrieben. Dort sollen die verbliebenen oft alten oder kranken Menschen weder Strom oder Wasser noch Gas zum Heizen haben. Trotzdem harren dort noch Freiwillige aus und verteilen Notrationen an diejenigen, die nicht wegkönnen oder -wollen.

Journalisten der Nachrichtenagentur Anadolu berichteten aus Bachmut, auf der Suche nach Wasser würden die Menschen in ihrer Verzweiflung Leitungen der kaputten Heizungen anzapfen und Regenwasser auffangen.