Genosse Trotzdem

Für einen Mann, der schon in rund 48 Stunden Geschichte sein könnte, lässt Martin Schulz sich nichts anmerken. Er hat mittlerweile sogar Schlagfertigkeit einstudiert.


Berlin, Gendarmenmarkt, am Freitagabend: Rund 8000 Menschen sind für den SPD-Chef und Kanzlerkandidaten gekommen, darunter auch ein paar Störer, die lautstark "Martin raus!" rufen. Schulz hält kurz inne. "Wenn gute Argumente Glückssache sind", ruft er, "dann habt ihr 'ne Pechsträhne." Gelächter bricht los, Treffer für Schulz.

Und überhaupt: der Merkel-Herausforderer mag keine Chance mehr haben, den Wahlsieg am Sonntag davonzutragen, aufgeben tut er nicht. Berlin, das ist Schulz' Wahlkampfabschluss, das Finale, und er gibt sein Mögliches. Prangert den Pflegenotstand an, attackiert die Rentenpolitik der Union ("Was die wollen? Gar nix!"), beruft sich ein letztes Mal auf NRW-Übervater Johannes Rau: Er wolle das Leben der Menschen jeden Tag ein bisschen besser machen.

Merkel, ruft er, das sei doch die Weltmeisterin des Ungefähren. Eine Frau, die nur "Schlaftablettenpolitik" betreibe. Mag alles sein. Nur dass Schulz damit immer auch die große Frage seiner Kampagne offen lässt: warum er nie das Aufputschmittel fand.


Schulz bleibt nur die Rolle des Genossen Trotzdem. Die Abschlusskundgebung hat jedenfalls etwas spürbar trotziges. Es ist, als wolle der SPD-Chef noch ein letztes Mal per Applaus beglaubigt wissen, doch das Richtige und Wichtige gewollt zu haben. Ja, überhaupt etwas gewollt zu haben. Vor drei, vier Wochen hat er ganz andere Reden gehalten: länger, detaillierter, erklärender. Sogar bisweilen lauter. In Berlin ist nur noch ein konzentrierter Schluss-Schulz zu hören. Ein Mann, der nicht mehr umwirbt, sondern abwirft. Ein allerletztes Mal.

"Ich kämpfe nicht aus Selbstzweck", sagt er dann. "Ich kämpfe nicht für Zahlen." Nichts könnte weiter weg sein von der Wahrheit. Denn allein die Zahlen werden am Sonntag darüber entscheiden, ob Schulz wird weichen müssen oder ob er bleiben kann. 21 oder 26 Prozent, das wären für die SPD und ihn selbst zwei grundverschiedene Welten: erstere bedeutete Desaster und Depression. Letztere schon fast einen kleinen Sieg. Wahrscheinlich glaubt Schulz deshalb seinen eigenen Worten nicht. Aber ganz sicher glaubt er, sie sich verdient zu haben.