Genosse Schicksal entscheidet

Regieren oder untergehen: Die Mitglieder der SPD haben die Wahl. In der Partei herrscht vor der Auszählung des Abstimmungsergebnisses die größte anzunehmende Verunsicherung.

Natürlich, es gibt die Optimisten, die auch auf Nachfrage unerschütterlich bleiben. Jene, die sagen: Das wird schon, keine Bange. Die SPD-Mitglieder an der Basis seien doch viel vernünftiger als die Funktionäre und Parteitagsdelegierten. Jetzt die Partei mit einem Nein zum Koalitionsvertrag aus der großen Koalition herauszuwählen, wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tode.

Und dann gibt es die anderen. Und die sind in der Mehrheit. Viele Genossen trauen sich nicht mehr, eine Prognose abzugeben, wie der Mitgliederentscheid ausgehen könnte, dessen Ergebnis am Sonntagmorgen feststehen wird. Sie trauen sich selbst, ihrem Gespür und ihrer Partei nicht mehr. Zu viel ist in den vergangenen Wochen kaputtgegangen bei den atemberaubenden Führungs- und Richtungswechseln. Irgendwo zwischen Martin Schulz, Olaf Scholz und Andrea Nahles, zwischen Nein, Jein und Ja zur Groko ist ein Band zerrissen. In NRW herrsche geradezu „Anarchie“, klagt ein Parteistratege – und Nordrhein-Westfalen stellt nun einmal ein Viertel aller Mitglieder. Es sieht nicht gut aus.

Andrea Nahles sagt schon einmal vorsorglich, im Falle einer Ablehnung müssten alle „sehr tapfer“ sein. Das gilt vor allem für die Parteiführung selbst. Die amtierende Fraktions- und designierte Parteichefin hat gemeinsam mit dem kommissarischen Vorsitzenden Olaf Scholz und den Vizes alles an politischem Gewicht in die Waagschale geworfen, um eine Mehrheit für die große Koalition hinzubekommen. Sollte das nicht reichen, wäre die Führung – die doch die Zukunft gestalten sollte –  komplett desavouiert.


Ob Nahles dann noch im April offiziell an die SPD-Spitze gewählt werden könnte? Wer im wahrscheinlichen Falle von Neuwahlen als Kanzlerkandidat oder -kandidatin antreten würde? Und ob das überhaupt angezeigt wäre angesichts von Umfragewerten unter 20 Prozent? Fragen über Fragen, auf die niemand eine Antwort hat. Oder nur Antworten, die am besten sofort verdrängt werden.

Der Juso-Chef Kevin Kühnert, Anführer der NoGroko-Bewegung, kann in diesen Tagen noch so häufig betonen, die Abstimmung richte sich nicht gegen Personen, sondern gegen ein Programm und eine ungeliebt Koalition. Trotzdem ist der Mitgliederentscheid auch ein Votum über diejenigen an der Parteispitze. Darüber hinaus eine Wahl zwischen Pragmatismus und Oppositionsromantik, zwischen Verantwortung und Flucht aus ihr.

Vor beiden Optionen haben viele Sozialdemokraten Angst. Am Sonntag werden sie wissen, welche überwogen hat.