Wie General Motors sich neu erfindet


Das Topmanagement von General Motors sah sich in der vergangenen Woche einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: Zuerst verblüffte der Autohersteller die Analysten mit einem glänzenden Gewinn, der mit 2,4 Milliarden Dollar um satte 44 Prozent höher ausfiel als im Vorjahresquartal. Dennoch fiel die Aktie am gleichen Tag um rund fünf Prozent – der schlimmste Absturz seit sieben Jahren.

Aufgrund höherer Materialkosten durch neue Aluminium- und Stahlzölle bleibt GM in diesem Jahr auf einer Milliarde Dollar Zusatzkosten sitzen, doppelt so viel wie zuvor prognostiziert. Damit fällt der Gewinn aufs ganze Jahr gesehen deutlich niedriger aus. „Die Schwierigkeiten sind größer als gedacht“, bekennt GM-Finanzvorstand Chuck Stevens.

Dabei gab es doch zuvor gewichtige Managemententscheidungen, die GM neue Kräfte verliehen hatten: So zahlten sich der Verkauf von Opel und der Ausstieg des Konzerns aus Märkten wie Australien umgehend aus. Drei Jahre in Folge verzeichnete GM immer höhere Gewinne, allein 2017 war es eine Rekordsumme von knapp 13 Milliarden Dollar.


Hinzu kam: Als das japanische Unternehmen Softbank kürzlich bei der GM-Tochter Cruise einstieg, war die Euphorie groß. Der IT-Konzern investierte 2,25 Milliarden Dollar und erhielt dafür knapp ein Fünftel der Firma. Damit beläuft sich deren Gesamtbewertung auf 11,5 Milliarden Dollar. Viel Geld für ein Start-up, das selbstfahrende Autotechnik entwickelt und vor 2016 noch aus 50 Mitarbeitern bestand. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung von GM beläuft sich auf derzeit 52 Milliarden Dollar. „Die Teams von Cruise und GM haben in den vergangenen zwei Jahren unglaubliche Fortschritte erzielt“, schwärmte Chefin Mary Barra.

Die Aktie von GM kannte nach dem Deal zunächst kein Halten mehr, stieg im vergangenen Juni auf 47 Dollar – bevor sie jetzt im Sog der amerikanischen Zollpolitik rund ein Viertel ihres Wertes verlor.
Zölle auf Aluminium

Die von US-Präsident Donald Trump eingeführten Zölle auf Aluminium von zehn Prozent und auf Stahl in Höhe von 25 Prozent treffen alle Autoproduzenten in den USA hart. Laut Unternehmensberatung Ducker Worldwide entfallen im Schnitt elf Prozent des Fahrzeugmaterials auf Aluminium, 53 Prozent auf Stahl.

Jetzt droht die US-Regierung damit, Einfuhrzölle von 25 Prozent auf Auto- und Autoteile zu erheben. Was als Schutzaktion für die heimischen Hersteller gedacht ist, trifft GM aufgrund seiner Werke in Mexiko und Kanada hart. Der Konzern importiert jedes Jahr eine Million Fahrzeuge, rund ein Drittel seiner Gesamtproduktion. Bereits vor einem Monat warnte er vor höheren Autopreisen und einem möglichen Arbeitsplatzabbau in Amerika.


Allerdings lassen die jüngsten Gespräche zwischen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und Donald Trump hoffen, dass die Zölle doch noch vermieden werden können. „Es ist derzeit sehr kompliziert“, sagte GM-Finanzvorstand Stevens.

Der Kurssturz war für Barra besonders ärgerlich. Die Aktie ist in den mehr als vier Jahren, in denen sie den Konzern leitet, kaum vom Fleck gekommen. Dabei reformierte sie den größten US-Autohersteller grundlegend, richtete ihn konsequent auf Profitabilität aus und investierte stärker als die Konkurrenz in Zukunftstechnologien – Elektroautos und selbstfahrende Autotechnik. „General Motors ist unter Mary Barra ein anderes Unternehmen geworden“, sagte Greg Joswiak, der bei Apple für Produktmarketing zuständig ist. „Sie weiß um die Wichtigkeit von Technologie und setzt ein unglaublich gutes Team daran.“

Dass bei GM ein neuer Wind weht, zeigt sich auch an personellen Neuausrichtungen. Nicht nur der Name ist ungewohnt: Dhivya Suryadevara wird in wenigen Wochen offiziell die Finanzchefin von General Motors sein, löst den langjährigen CFO Stevens ab. Sie ist die erste Frau in der Geschichte des größten US-Autoherstellers in dieser zentralen Position. Ihr Alter überrascht: Die gebürtige Inderin ist erst 39 Jahre alt. Mit 25 Jahren kam sie zu GM, weil sie die „herausfordernde und schwierige Aufgabe“ reizte, wie sie heute sagt. Mit der Ernennung von Suryadevara ist GM der einzige US-Konzern, der von zwei Frauen dominiert wird.


Suryadevara gehört zu denen, die einmal auf Barra folgen könnten. Laut Analyst David Whiston von Morningstar wird sie GM in den kommenden 20 Jahren entscheidend prägen. „Die Branche ist sehr wettbewerbsintensiv und stark im Umbruch“, sagt Whiston, „GM muss dabei die Nase vorn haben.“

Eine weitere Schlüsselfigur ist Dan Amman (46), die rechte Hand von Barra. Der frühere Investmentbanker von Morgan Stanley kennt sich aus mit Zahlen, bringt seine Wall-Street-Erfahrung mit in den Vorstand. Gemeinsam, so Barra, seien sie „systematisch durch das Geschäft gegangen, Region um Region, Sparte um Sparte, und wir haben uns gefragt: Können diese Bereiche profitabel sein? Und ist unser Kapital dort gut investiert?“

Die Ergebnisse der Prüfung sendeten Schockwellen bis Deutschland. Nach fast 100 Jahren verabschiedete sich GM 2017 von Opel, verkaufte die schwächelnde Marke an den französischen Konkurrenten Peugeot. Opel war „ein Geld verlierendes Rätsel, das GM in Jahrzehnten nicht lösen konnte“, sagte Autoanalystin Rebecca Lindland vom Branchendienst Kelley Blue Book. Die Trennung sei nur konsequent gewesen.

Wie sehr die Chefin an ihre Aktionäre denkt, zeigt eine kleine Anekdote aus dem Frühjahr 2014. Damals trennte sich Warren Buffett, alarmiert vom Zündschloss-Skandal, von einem großen GM-Aktienpaket. Die GM-Chefin flog umgehend nach Omaha und chauffierte Buffett persönlich in seinem acht Jahre alten Cadillac DTS zum Mittagessen in ein Restaurant. Während der Fahrt überzeugte sie die Investorenlegende in vielfacher Weise – vom Kauf eines neuen Cadillac, von den GM-Aktien und von sich. „Nach fünf oder sechs Minuten hatte sie mich überzeugt“, sagte Buffett, der seinen Bestand an GM-Aktien stark erhöhte.


Was ihn am meisten beeindruckte, war ihr Renditeversprechen, das sie im März 2015 in ihrem Wall-Street-Manifest formulierte. In ihrem „Capital Allocation Framework“ kündigte sie eine „festungsstarke Bilanz“ und mehr Geld für Aktienrückkäufe und Dividenden an, versprach eine Rendite auf investiertes Kapital (ROIC) von mehr als 20 Prozent.

Eine ambitionierte Vorgabe. So lag das ROIC 2012 in den boomenden Märkten USA und China nur bei 16 Prozent. Um die 20-Prozent-Marke zu überschreiten, waren „mutige Entscheidungen“ notwendig, wie sich GM-Manager Dan Amman erinnert. Vor Investoren und Analysten kündigte er Anfang 2015 den Rückzug der GM-Marke Chevrolet aus Europa an, erläuterte, warum sich der Konzern ganz aus Märkten wie Russland, Thailand oder Indonesien zurückziehen musste, „um das ROIC zu verbessern“. Dann war Opel dran.

Große Einkaufstour

Aber Barra spart nicht nur. Ungewöhnlich früh und intensiv investierte sie in Start-ups. So kaufte sich der Konzern Anfang 2016 für 500 Millionen Dollar beim Fahrdienst Lyft ein. Keine zwei Monate später zahlte GM eine Milliarde Dollar für das Softwareunternehmen Cruise Automation. Amman war es, der den Deal einfädelte. Vor wenigen Wochen verkündete Barra eine interessante Personalrochade. Amman gibt seine Verantwortung für die Luxusmarke Cadillac ab, um sich auf den Bereich selbstfahrende Technik konzentrieren zu können. „Das gibt ihm mehr Zeit für Cruise“, sagte Analyst Whiston von Morningstar. „Er wird sehen, ob ein Spin-off Sinn ergibt.“

Im Vergleich zu deutschen Herstellern kann sich GM mehr als sehen lassen. Bei autonomer Fahrtechnik ist der Konzern laut Marktforscher Navigant zusammen mit Waymo von Google führend, dicht gefolgt von Daimler und VW.

Auch beim Margenvergleich holte der US-Hersteller stark auf – hat dabei allerdings einen großen Vorteil. Die lukrativen Pick-ups sind mit Abstand das meistverkaufte Fahrzeugsegment in den USA – und schon seit Jahrzehnten mit einem Einfuhrzoll von 25 Prozent vor ausländischer Konkurrenz geschützt.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.