Genderneutrale Sprache und Pride-Netzwerke: So LGBT+ -freundlich sind SAP, Delivery Hero und Co.

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Die Regenbogenfahne steht in zahlreichen Kulturen weltweit für Aufbruch, Veränderung und Frieden. Vor allem ist sie jedoch zum internationalen Zeichen der Queer-Community geworden – Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer oder intersexuell identifizieren (LGBT+). Auch im Wirtschaftskontext sieht man die bunte Flagge mit der Zeit immer häufiger, viele Unternehmen nutzen das Symbol mittlerweile um zu zeigen, dass dort vorgeblich Toleranz und Akzeptanz gelebt werden.

So auch Delivery Hero. Der Lebensmittellieferdienst aus Schweden, der 2020 in den deutschen Dax aufstieg, verkündete Ende April, ein eigenes Beratungsgremium für Diversität und Inklusion zu starten. Der Beirat, der eng am Vorstand arbeiten soll, ist in dieser Form einer der ersten innerhalb eines Dax30-Unternehmens und soll für eine verbesserte, intersektionale Repräsentation der Beschäftigten sorgen. Das börsennotierte Unternehmen hat schon seit einigen Jahren ein "Proud Heroes"-Netzwerk für queere Mitarbeiter, Unisex-Toiletten und achtet in Verträgen sowie Stellenausschreibungen auf Geschlechter-neutrale Sprache.

"Wir haben außerdem 2019 unsere Firmenwerte angepasst, weil wir sicherstellen wollten, dass sie inklusiv sind und nicht nur Männer ansprechen", sagt Jeri Doris, Personalvorständin bei Delivery Hero. Im Gespräch mit Business Insider erzählt sie, dass das Unternehmen außerdem einen Leitfaden zur inklusiven Sprache anbietet, sowie Trainings für Manager, in denen es darum geht, unbewusste Vorurteile zu erkennen und zu überwinden.

So tolerant sind die DAX-30-Unternehmen

Mit all diesen Maßnahmen landet Delivery Hero im deutschlandweiten Vergleich auf Platz 9 der LGBT+-freundlichsten DAX30-Unternehmen. Das zeigt das "Uhlala"-Ranking aus dem Jahr 2020, das jährlich von der gleichnamigen Stiftung herausgegeben wird. Der LGBT+ Diversity Index untersucht unter anderem, ob die Unternehmen Mitarbeitenden-Netzwerke, Anlauf- und Beschwerdestellen, Veranstaltungen, Weiterbildungen und Schulungen anbieten, sowie die externe und interne Kommunikation.

Allgemein hat über die Hälfte der DAX-Unternehmen mindestens 50 Prozent der Punkte erreicht. 11 Unternehmen erreichten in der Subkategorie "LGBT+ Mitarbeitenden-Netzwerk" 100 Prozent der Punkte, was bedeutet, dass nicht nur ein Netzwerk existiert, sondern dieses und seine Mitglieder auch strukturell und finanziell gefördert werden. Auch im Bereich "Verhaltensgrundsätze und Handlungsanweisungen" konnten die Unternehmen punkten. So haben, mit Ausnahme von zwei Unternehmen, alle teilnehmenden DAX Konzernen den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität im unternehmenseigenen Verhaltenskodex verankert. Im Bereich "Weiterbildung, Schulung und Aufklärung" existiert allerdings noch Nachholbedarf: 20 der 30 Unternehmen erreichten hier nicht einmal die Hälfte der Punkte. Noch ernüchternder sieht es bei dem Thema Transgender aus. So erreichen hier lediglich 5 der Unternehmen mehr als 50 Prozent der Punkte.

Angeführt wird das Ranking von dem deutschen Softwareunternehmen SAP, das schon seit langem auf Inklusion achtet. Der Technologiekonzern feierte dieses Jahr das 20-jährige Jubiläum seines Pride-Netzwerks für queere Mitarbeiter, das weltweit mehr als 8000 Mitarbeitende umfasst. "Die Netzwerk-Beteiligten sind in allen Regionen weltweit in die Arbeit der Personalabteilungen eingebunden, gut vernetzt und genießen ein hohes Vertrauen. Sie sind eine wichtige und nicht mehr wegzudenken Quelle an Information und Beratung, wenn wir Initiativen und Programme planen", sagt Nina Straßner, Head of Diversity & People Programs bei SAP Deutschland. Sollte es trotz all der offenen Kommunikation, die sich SAP auf die Fahne schreibt, doch einmal zu einem Diskriminierungsfall kommen, reagiere das Unternehmen schnell, so Straßner: "Wir haben eine Null-Toleranz-Policy, was Mobbing oder Übergriffe in jeglicher Hinsicht anbelangt, die entschieden und individuell geahndet werden. Wir schöpfen hier alle arbeitsrechtlichen Möglichkeiten aus, setzen aber, je nach Einzelfall, auch begleitend auf Kommunikation und Mediation."

Die Queer-Community ist im Arbeitskontext besonders stark von Diskriminierung betroffen

Laut dem Diplompsychologen und Forscher Dominic Frohn vom Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung herrscht am Arbeitsplatz ein ungewöhnlich hohes Risiko für Diskriminierung, was sich wiederum auf die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden auswirkt. Dreiviertel der homosexuellen Erwerbstätigen, 80 Prozent der Transpersonen sowie 90 Prozent der Bisexuellen werden im Job diskriminiert.

Wenn Arbeitgeber LGBT+ Mitarbeitende unterstützen und ein Umfeld schaffen, in dem solche Diskriminierungen ausgeschlossen sind, hat das gute Auswirkungen auf das gesamte Unternehmen.

"Wir wissen aus mehreren Studien, dass sich ein LGBTIQ+-freundliches Unternehmensumfeld sowohl auf Beschäftigte als auch den Arbeitgeber positiv auswirkt", sagt Frohn. Für Beschäftigte führe eine offene Kultur am Arbeitsplatz zu mehr Arbeitszufriedenheit sowie Verbundenheit mit dem Arbeitgeber, was langfristig die Fluktuationskosten für Unternehmen niedrig halte.

Queer-freundliche Unternehmen sind wirtschaftlich erfolgreicher

Zum anderen zeigen immer mehr Studien, dass ein queer-freundliches Unternehmen wirtschaftlich besser abschneidet. Erst am Mittwoch veröffentlichte die finnische Aalto-Universität Forschungsergebnisse, die belegen, dass LGBT-freundlichere Firmen eine höhere Rentabilität und höhere Börsenbewertungen aufweisen.

"Frühere Studien haben bereits belegt, dass LGBT-freundliche Unternehmen mit einem größeren Engagement der Mitarbeiter, einer höheren Arbeitszufriedenheit, einer gesteigerten Mitarbeiterproduktivität und einem altruistischeren Verhalten am Arbeitsplatz verbunden sind", sagt Studienautor Jukka Sihvonen. Seine Ergebnisse decken diese Befunde.

Hinzukommt, dass queere Menschen für Unternehmen besonders wertvoll sein können. "Aus qualitativen Forschungsinterviews wissen wir: Menschen, die eine ‚biografische Mammutaufgabe‘ wie ein Coming-Out bewältigen, verfügen häufig über besonders ausgeprägte soziale Kompetenzen", sagt Frohn. Laut dem Forscher zeige die Studienlage außerdem, dass die LGBT+-Community meist eine recht gebildete Zielgruppe sei. Ein Vorteil, der in dem Wettbewerb der Unternehmen um die besten Talente nicht zu unterschätzen sein dürfte.

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