Gendern am Arbeitsplatz? Ob und wie inklusive Sprache gelingen kann

Hendrikje Rudnick
·Lesedauer: 5 Min.

Chef, Chef*in, Führungskraft? Das Thema Gendern spielt eine immer wichtigere Rolle in Unternehmen – sowohl intern als auch extern. So hat sich etwa Autohersteller Audi dazu entschlossen, den Mitarbeitenden Richtlinien zur gendergerechten Sprache an die Hand zu geben. Die „Augsburger Allgemeine“ berichtet, dass der Konzern mit dem Gendergap zukünftig alle Personen ansprechen möchte. Deshalb heißen die Beschäftigten seit März „Audianer_innen“. Doch wie genau sieht gendergerechte Sprache eigentlich aus? Ist sie wirklich sinnvoll – und wenn ja, welche Formulierungen sind geeignet?

Natalie Schaaf beschäftigt sich schon seit Längerem mit dieser Frage. Sie ist freie Texterin und Sprecherin, die Unternehmen zum Thema inklusive Sprache berät. Dass bestimmte Wörter mittlerweile nicht mehr gebraucht werden, weil sie als rassistisch oder sexistisch empfunden werden, ist in den meisten Unternehmen mittlerweile angekommen, sagt Schaaf.

Jedoch gebe es häufig noch stereotypische Bilder, die weiter reproduziert werden. Verwendet man beispielsweise das Wort „Krankenschwester“ statt „Pflegepersonal“, dann verankert man damit Frauen als Norm in diesem Beruf – und zwar jedes Mal, wenn man diesen Begriff verwendet, sagt sie. „Und jedes Mal, wenn nur vom Manager – und nicht von der Managerin – die Rede ist, haben wir das Bild des Krawatten tragenden Mannes im Kopf.“

Doch die subtilste Art der Benachteiligung ist es, jemanden gar nicht zu nennen, sagt Schaaf. „Man macht die Personen dadurch unsichtbar. Denn wer nicht da ist, kann nicht so wichtig sein. Und das geschieht jedes Mal, wenn wir das generische Maskulinum verwenden.“

Vor allem Frauen finden inklusive Sprache wichtig

In Deutschland herrscht keine Einigkeit zum Thema Gendern. Eine Umfrage von Februar 2021, die von YouGov im Auftrag des Online-Karriereportals Monster durchgeführt wurde, zeigt: 41 Prozent der Befragten finden gendergerechte Sprache wichtig, sind aber unschlüssig, wie man diese am besten umsetzen kann. 14 Prozent der 2.048 Befragten sprachen sich klar für das Gendern aus.

Betrachtet man die unterschiedlichen Altersgruppen, werden deutliche Unterschiede sichtbar: 23 Prozent der 18 bis 24-Jährigen und 19 Prozent der 25 bis 34-Jährigen sagen ganz klar „Ja“ zu gendergerechter Sprache. Anders sehen das die älteren Befragten. Ab 35 wollen sie eher das generische Maskulinum beibehalten.

Vor allem Männer sind dagegen: 40 Prozent der männlichen Teilnehmer sagten, dass das generische Maskulin weiterhin genutzt werden soll. Ihnen gegenüber stehen 43 Prozent der befragten Frauen, die auf eine inklusive Sprache setzen.

Welche Fragen ein Unternehmen sich stellen muss

Der erste Schritt muss sein, unternehmensintern über die Thematik zu sprechen, sagt Schaaf. Dabei sollte es Raum für Debatten geben, sodass die Mitarbeitenden Vor- und Nachteile besprechen können. Auch sollte den Mitarbeitenden klar kommuniziert werden, was die Intention hinter der Entscheidung für oder gegen das Gendern ist.

Wer ist die Zielgruppe des Unternehmens? Soll die Zielgruppe erweitert werden, zum Beispiel mehr junge Frauen ansprechen? Wie ist Geschlechterverteilung in der Belegschaft? Möchte man eine diverse Unternehmenskultur fördern? Was halten die Mitarbeitenden von dem Thema?

Kommt es zu einem Entschluss für die geschlechtergerechte Sprache, sind klare Leitlinien wichtig – am besten eine Art Styleguide, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese nachlesen können. Schaaf: „Man muss sich bewusst sein, dass es etwas Zeit und einige schlaue Köpfe benötigt, um eine gute Lösung und Einheitlichkeit zu finden.“

Als Nächstes kommt die Kommunikation nach außen. „Es braucht unternehmerischen Mut, sich mit dem Thema und dem gesellschaftlichen Wandel öffentlich auseinanderzusetzen.“ Sicherlich kann es zu Widerworten kommen – mit denen man sich dann auseinandersetzen muss.

Ist Gendern gleich Aktivismus?

Der Gegenwind und auch der Widerwillen mancher, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen, hat womöglich damit zu tun, dass das Gendern noch immer ein Hauch von Aktivismus umgibt. „Ich glaube, dass Gendern aktuell noch als Art Positionierung gesehen wird – allerdings befinden wir uns diesbezüglich im Wandel“, sagt Schaaf. Schließlich ändert Sprache sich ständig und neue Prozesse werden immer wieder angestoßen. „Ich persönlich denke, dass es bald eher andersherum sein wird: Wer nicht gendert, fällt auf.“

Für Unternehmen kann Gendern verschiedene Innen- und Außenwirkungen erzielen. „Firmen, die gendern, wirken agiler und progressiver“, sagt Schaaf. „Sie zeigen: Wir sind offen und tolerant, haben Rückgrat und scheuen uns nicht davor, mit Gegenwind umzugehen.“ Auch intern setzt das Unternehmen ein Signal. Es zeigt Frauen und Menschen anderer Geschlechter, dass man ihnen zuhört.

Allerdings gehört natürlich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema dazu, meint Schaaf. „Nur, weil ein Unternehmen gendert, bedeutet das nicht gleich, dass Gleichberechtigung herrscht. Es muss sich auch strukturell noch viel verändern“

Und: Wer eine ältere Zielgruppe ansprechen möchte, kommt mit Gendern sicherlich nicht so weit. Die YouGov-Umfrage bestätigt immerhin: Besonders junge Menschen legen Wert auf Gendern: Personen über 35 Jahre bevorzugen es, wenn nicht gegendert wird.

Welche Arten von Gendern gibt es?

Laut Natalie Schaaf werden folgende Möglichkeiten am häufigsten genutzt:

  • Geschlechtsneutrale Alternativen, wie Kundschaft, Geschäftsleitung, Team, Studierende oder Belegschaft

  • Doppelnennung, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

  • Binnen-I, Doppelpunkt oder Schrägstrich, wie KundInnen, Geschäftsführer:innen oder Mitarbeiter/innen

  • Unterstrich oder Genderstern, wie Student_innen oder Kolleg*innen

Wer sich für die Doppelnennung, Binnen-I, Doppelpunkt oder den Schrägstrich entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass diese Formen vom binären Geschlechterkonstrukt aus Mann und Frau ausgehen, gibt Schaaf zu bedenken. Der Genderstern ist unter den Gender-Kurzformen die geläufigste Schreibweise. Sabine Krome vom Rat für deutsche Rechtschreibung sagt: „Aktuell ist der Stern mit rund 68 Prozent die am häufigsten belegte Form. Danach folgen der Unterstrich, der Doppelpunkt und andere Zeichen.“

Schaaf erklärt: „Der Stern und der Unterstrich lassen eine Lücke zwischen dem Wort. Somit sollen auch Menschen angesprochen werden, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen.“ Dafür gibt es seit dem 22. Dezember 2018 auch eine Rechtsgrundlage: Es ist gesetzlich anerkannt, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt.

Das Argument, dass Letzteres nicht so viele Menschen in Deutschland betrifft, kennt Schaaf natürlich auch. „Jedoch sollte man sich als Unternehmen bewusst machen, dass sich viele Menschen mit diversen Personen solidarisieren“, sagt sie. So könne es sein, dass sie sich selbst zwar nicht ausgeschlossen fühlen – aber trotzdem sehen, dass eine bestimmte Personengruppe nicht angesprochen wird.