Gender-Verwirrung bei Erdem: Haarige Beine auf dem LFW-Laufsteg

Nina Baum
Freie Autorin für Yahoo Style
Haarige Beine: Ein ungewöhnlicher Anblick bei einer Fashionshow. (Bild: Scott Garfitt/REX/Shutterstock)

Als Erdem Moralioglu seine neue Kollektion auf der London Fashion Week präsentierte, zog die Körperbehaarung seiner Models fast noch mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Outfits. Dahinter steckt jedoch mehr als zuerst ersichtlich.

Unter den extravagant-hochgeschlossenen Kreationen des kanadischen Modedesigners blitzten Beine hervor, die eindeutig nicht frisch rasiert waren – und zwar mit Absicht: Bei der Präsentation seiner Frühjahrskollektion 2019 wollte Moralioglu ganz bewusst die Grenzen zwischen maskulin und feminin verwischen.

Der Designer hat sich bei der Kollektion nämlich von Frederik Park und Ernest Boulton inspirieren lassen, zwei berühmte viktorianische Cross-Dresser, die Ende des 19. Jahrhunderts als „Fanny“ und „Stella“ in England lebten und aufgrund ihrer Neigung, in Frauenkleidung herumzulaufen, sogar vor Gericht landeten.

Mann oder Frau? Erdem wollte seine Besucher rätseln lassen und versteckte zwei männliche Models im Cast. (Bild: Scott Garfitt/REX/Shutterstock)

„Das war kurz vor Oscar Wildes Gerichtsverfahren, in einer Zeit, in der London immer konservativer wurde. Ich war sehr interessiert an diesen Menschen, die sich als die Personen kleideten, als die sie sich fühlten“, so Moralioglu gegenüber „The Guardian“. Seine konservativ anmutenden, von der viktorianischen Zeit beeinflussten Looks mit Dandy-Note verbinden so feminine Elemente wie Floralprints, Rüschen und übergroße Schleifen mit gepolsterten Schultern, Hosenanzügen und flachen Slippern.

Die Frühjahrskollektion ist ausgezeichnet durch Floralprints und wird von den Farben Blau, Gelb und Rosa dominiert. (Bild: WWD/REX/Shutterstock)

Was noch weiter zur Gender-Verwirrung beitrug: Viele der Models trugen Hüte und Gesichtsschleier. „Ich fand diese kleinen Geheimnisse in der Show so interessant – dass man vielleicht nicht ganz erkennen konnte, ob manche der Frauen Männer waren oder umgekehrt“, berichtet Erdem Moralioglu gegenüber dem Branchenmagazin „Footwear News“.

Und tatsächlich hatten sich zwei Männer im Cast der Erdem-Show versteckt, die man eigentlich nur an ihrer Beinbehaarung erkennen konnte. Rasieren war trotzdem keine Option: „Das war eine große moralische Frage. Sollten wir sie rasieren? Ich dachte schließlich: Nein, machen wir nicht!“, verrät der Designer laut dem Magazin.

Erdem verbindet viktorianische und Dandy-Mode sowie feminine und maskuline Looks. (Bild: WWD/REX/Shutterstock)

Die Inspiration für die Gesichtsverhüllung fand Erdem übrigens auch im viktorianischen Zeitalter, genauer gesagt: in der Pornografie des späten 19. Jahrhunderts. „Sie dachten damals, dass es etwas Sexuelles hatte, sein Gesicht zu verstecken, aber sonst alles zu zeigen“, erklärt der Kanadier.