Darum gelingt Deutschland das Basketball-Wunder

Andreas Pfeffer
Deutschland ist gegen Spanien im EM-Viertelfinale krasser Außenseiter - aber vielleicht geht doch was

Noch heute muss es Dirk Nowitzki schaudern, wenn er an diesen einen Abend im Palacio de Deportes zurückdenkt.

"Schon peinlich" sei es gewesen, sagte der Würzburger im Spätsommer 2007, nachdem er mit den deutschen Basketballern im Viertelfinale der Europameisterschaft gegen Spanien untergegangen war - bei der Neuauflage soll es anders laufen als beim damaligen 55:83.

Kein einziger Nationalspieler ist von jener EuroBasket mehr dabei, wenn das deutsche Team um Dennis Schröder (ab 17.45 Uhr im LIVETICKER) die Spanier herausfordert. Genau zehn Jahre nach dem bisher letzten Sprung unter die letzten Acht steht in Istanbul der gleiche Gegner im Weg. Und die einzigartigen Gasol-Brüder führen das spanische Team noch immer an.

"Uns erwartet ein schwieriges Spiel", sagt Schröder, der NBA-Profi rechnet sich aber nach den starken Auftritten in der Vorrunde und vor allem im Achtelfinale gegen Frankreich (84:81) einiges aus. "Wir sind an einem Zeitpunkt im Turnier angekommen, wo jeder jeden schlagen kann."

SPORT1 nennt fünf Gründe, warum Deutschland das Wunder gegen den haushohen Favoriten dennoch gelingen kann.

- Der Schröder-Faktor

Dennis Schröder hat bislang jedem Spiel seinen Stempel aufgedrückt. Mit durchschnittlich 23,2 Punkten ist der Aufbauspieler nicht nur zweitbester Scorer der EM, zusätzlich hat er immer ein Auge für den freien Mitspieler. Dies beweisen starke 5,2 Assists (EM-Rang 10).

Mit seiner Geschwindigkeit war Schröder im bisherigen Turnierverlauf von keinem gegnerischen Verteidiger zu stoppen. Jetzt wartet mit Ricky Rubio ein Gegenspieler, der als exzellenter Verteidiger und ausgewiesener Balldieb gilt. Doch auch gegen Spieler solchen Kalibers hat Schröder schon mehrfach seine Klasse bewiesen.


Schröder ist das große Plus im Spiel des DBB-Teams, dieses gilt es auszuspielen. Dem Respekt des Gegners kann sich Schröder gewiss sein. "Wir müssen ihn attackieren. Gute Spieler stoppt man als Team", sagte Marc Gasol.

Versteckten sich die deutschen Nationalspieler in der Vergangenheit in Duellen gegen große Basketball-Nationen oft vor dem Gegner, hat Schröder mit seinem riesigen Selbstbewusstsein den Glauben an die eigene Stärke ins Team zurückgebracht. Gegen die Franzosen übertrug sich das vor allem in der engen Schlussphase auf die Teamkollegen.

"Es geht zwar gegen den Topfavoriten des Turniers, wir müssen uns aber trotzdem nicht verstecken. Wir haben uns gut gefunden", gibt sich beispielsweise Kapitän Robin Benzing angriffslustig. 

- Defense-Stärke im Kollektiv

Trotz eines Superstars wie Schröder im Team bedarf es eines starken Kollektivs - vor allem in der Defense. Diese agiert bisher auf einem hohen Niveau. Lediglich 71,1 Punkte erlaubte Deutschland den bisherigen sechs Gegnern durchschnittlich. Vor allem die Athletik von Daniel Theis (6,7 Rebounds pro Spiel im Turnier) ist gegen die Gasol-Brüder am Brett gefordert.

Gegen die Offensivmaschine Spanien muss die Defense erneut funktionieren. Dann tritt der nächste Punkt in Kraft.

- Flemings Highspeed-Basketball

Deutschland stellt mit Slowenien das jüngste EM-Team. Dementsprechend lässt Bundestrainer Chris Fleming mit hohem Tempo spielen. Gute Defense, Defensivrebound oder Ballgewinn - dann schaltet das Team um Turbo-Schröder in den Highspeed-Modus. Genauso liebt es er deutsche Point Guard.

Das ist auch gegen die mit fünf Spielern über 30 Jahren (Marc und Pau Gasol, Sergio Rodriguez, Juan Carlos Navarro, Fernando San Emeterio) spielenden Iberer ein mögliches Erfolgsrezept: Jugend und Schnelligkeit schlägt Erfahrung.

- Die Shooter sind aus dem Treffertief

Der Wurf von außen ist eine enorm wichtige Dimension im Spiel des DBB-Teams. Die deutschen Schützen hatten aber vor allem in den Gruppenspielen mit einem extrem kalten Händchen von der Dreierlinie zu kämpfen. Mit einer Trefferquote von gerade einmal 28 Prozent ist Deutschland statistisch die mit Abstand schwächste aller noch im Turnier verbliebener Mannschaften.

Als es im Achtelfinale gegen Frankreich aber drauf ankam liefen Lucca Staiger und Robin Benzing heiß und versenkten wichtige Distanzwürfe. Auch Daniel Theis zeigte mit zwei Treffern bei zwei Versuchen seine Gefahr von außen. Das macht Hoffnung!


Gerade gegen die spanischen Centerhünen ist ein gutes Inside-Out-Spiel von hoher Wichtigkeit. Ist der Weg unter dem Korb versperrt muss der Ball nach außen. Dort können Staiger, Benzing & Co. ihr wiedergefundenes Händchen beweisen. Dagegen sollten Schröder und Maodo Lo eher ihre Schnelligkeit ausspielen und zum Korb ziehen.

- Mögliche Überheblichkeit der Spanier

Wie kein anderes Team ist Spanien bisher durch das Turnier spaziert. Die fünf Gruppenspiele gewann der Titelverteidiger mit durchschnittlich 29,2 Punkten Differenz, im Achtelfinale gegen die Türkei (73:56) wackelten die Spanier trotz einiger Schwierigkeiten nie.

Spanien will sein viertes EM-Gold seit 2009 gewinnen, steht dementsprechend unter größerem Druck als das DBB-Team. Dies und eine durch die bisher souverän gewonnenen Spiele mögliche Spur von Überheblichkeit können sich vielleicht als Vorteil für Deutschland erweisen.