„Es gelingt, wenn alle an einem Strang ziehen“

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„Es gelingt, wenn alle an einem Strang ziehen“

Die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren bleibt die größte Herausforderung – das bestätigen die Macher der Initiative „Wir Zusammen“. Doch Bamf-Chefin Jutta Cordt ist überzeugt: Die Anstrengungen lohnen sich.


Mohammad Ali Alnaser hat in Syrien Biologie studiert. Doch der Bürgerkrieg zwang ihn vor zweieinhalb Jahren zur Flucht. Mehr als 3000 Kilometer durch Europa, über die Balkanroute nach Deutschland. 42 Tage hat das gedauert, drei davon saß er in einem ungarischen Gefängnis.

Am Donnerstagabend steht Mohammad in der Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen, wo die vierte Veranstaltung der Initiative „Wir zusammen“ von deutschen Unternehmen stattfindet. Im schicken blauen Anzug erzählt er mit Witz und Charme von seiner Fluchtgeschichte und seiner Zeit in Deutschland. Was er nicht sagt: Noch am Morgen hat Mohammad die Nachricht erhalten, dass ein guter Freund in Syrien vom IS getötet wurde.

Menschen wie Mohammad gibt es viele: Flüchtlinge, die vor dem Krieg fliehen, um sich ein neues Leben in einem neuen Land aufzubauen. Sie kommen nach Deutschland, weil sie glauben, dass es jenes Land in Europa ist, das ihnen die Chance dazu gibt. Doch dafür braucht es Unternehmen, die Flüchtlinge wie Mohammad fördern und ihnen Schulungen, Praktika, Ausbildungs- und Arbeitsplätze bieten.


Die Initiative „Wir zusammen“ will Unternehmen in Deutschland für dieses Thema sensibilisieren. „Wir wollen Konzerne darauf aufmerksam machen und Netzwerke herstellen, um noch mehr Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagt Marlies Peine, Projektleiterin und Sprecherin von der Initiative. „Unser Ziel ist es, dass Unternehmen langfristig in Flüchtlinge investieren.“


Viele tun das bereits. Doch der Start war holprig, weiß Jutta Cordt, Präsidentin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf): „Ich bin zuversichtlich, was die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt betrifft. Aber man muss realistisch bleiben. Es geht nicht von jetzt auf morgen“. Es kämen zwar viele junge Menschen aber die müssten zunächst einmal die Sprache lernen und viele von ihnen hätten keinen formalen Bildungsabschluss.

Die Flüchtlinge stecken dabei in einem Dilemma. Sie müssen sich entscheiden: Gehen sie den langen Weg über Bildung und Qualifikation, der zunächst nur wenig Geld einbringt. Oder nehmen sie eine Abkürzung über einen beliebigen Aushilfsjob, der wenig Perspektiven bietet, aber am Anfang das schnelle Geld bringt.

Uwe Tigges, Innogy-Personalvorstand, sagt in der anschließenden Gesprächsrunde, dass die Initiative mit viel Euphorie gestartet sei, sie jedoch schnell in Ernüchterung mündete. „Am Anfang ist weniger passiert, als wir erwartet hatten. Wir haben dann festgestellt, dass wir uns fokussieren müssen und zwar auf Bildung und Qualifikation.“ Bei Thyssen-Krupp hat Ariane Derks, Chefin der Nachhaltigkeitsabteilung (CSR), ähnliche Erfahrungen gemacht. Deshalb sagt auch sie: „Wir legen jetzt mehr Wert auf die Vor-Qualifikation der Flüchtlinge“. Viele von ihnen müssen sich zunächst als Praktikanten bewähren – 300 sind es bei Thyssen-Krupp, 100 bei Innogy. „Es funktioniert und es wird sich in Zukunft lohnen“, ist sich Thyssen-Managerin Derks sicher. Der Dax-Konzern plant in Zukunft 150 Ausbildungsplätze für Flüchtlinge zu schaffen.



Unternehmen und Flüchtlinge müssen sich anpassen



Die kulturellen Unterschiede unter den Flüchtlingen und ihre Beschäftigungslosigkeit hat Wolfgang Anthes, Geschäftsführer von Open Grid Europe, am Anfang als größte Herausforderung wahrgenommen. Bei Thyssen-Krupp wurde Ariane Derks damit ebenfalls konfrontiert. Es habe einen angehenden Koch gegeben, der wollte nicht mit Schweinefleisch arbeiten. Ein anderer wollte eine Frau nicht als Chefin akzeptieren. „Von diesen Flüchtlingen mussten wir uns trennen“, sagt Derks. Die Integration der Flüchtlinge in Unternehmen sei ein Weg, den man gemeinsam gehen müsse. Auf diesem Weg müssten sich beide Seiten, die Unternehmer aber auch die Flüchtlinge, anpassen und verändern.


Nach der Diskussionsrunde bekommen die Gäste die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln: Mohammad Ali Alnaser aus Syrien betritt die Bühne, zusammen mit einem Flüchtling aus dem Iran. Beide haben ein Stipendium der Deutschen Universitätsstiftung, das von teilnehmenden Unternehmen mitfinanziert wird, und sind sichtlich glücklich darüber. „Das Stipendium ist Gold wert“, sagt Mohammad mit einem breiten Lachen. „Aber nicht nur wegen des Geldes, sondern vor allem wegen der Menschen, die uns helfen.“

Auch Paula Risius, Forscherin am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, sagt, Deutschland sei wegen des demografischen Wandels auf diese jungen Arbeitskräfte angewiesen. Allerdings ist Risius etwas skeptischer, was die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt betrifft. „Die Aussichten sind mittelprächtig. Es wird lange dauern und wir können sie nur meistern, wenn alle an einem Strang ziehen.“

Bamf-Präsidentin Cordt sieht das ähnlich. Unternehmer müssen mehr investieren und geduldiger sein, als bei Arbeitnehmern, die aus heimischen Kulturkreis kommen und die Sprache beherrschen. Doch Cordt bleibt zuversichtlich. „Ich glaube trotz allem daran, dass es sich langfristig für Unternehmen und vor allem für unsere Gesellschaft lohnen kann, wenn sie die höheren Investitionen in Kauf nehmen.“