Gekränkt und gedemütigt: Warum laufen Menschen Amok?

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Wer läuft Amok? "Am Anschlag" blickt auf die Vorgeschichte eines Attentats im Einkaufszentrum. (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)
Wer läuft Amok? "Am Anschlag" blickt auf die Vorgeschichte eines Attentats im Einkaufszentrum. (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)

Wie wird ein Mensch zum Amokläufer? Dieser Frage nähert sich die sehenswerte Miniserie "Am Anschlag" mit Blick auf "Die Macht der Kränkung". In fünf Episoden lotet die ZDFneo-Produktion aus, was Demütigungen und Schicksalsschläge bewirken können.

Fünf Jahre ist es her, dass bei einem Attentat am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen ums Leben kamen. Der 18-jährige Täter versetzte damals eine ganze Stadt in Panik, die Schockwellen durchzogen die gesamte Nation. Wie Hilflosigkeit und Angst die Betroffenen erstarren lässt und warum ein Mensch zu einer derart schrecklichen Tat in der Lage ist, versucht nun eine ZDFneo-Serie auszuloten, die ebenfalls von tödlichen Schüssen in einer Shoppingmall handelt: "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" erzählt in sechs Episoden (Dienstag, 24.8., und Mittwoch, 25.8., je drei Folgen, ab 21.45 Uhr) von einem Amoklauf in einem Wiener Einkaufszentrum. Eindrucksvoll lässt Regisseur Umut Dağ die jeweils dreiviertelstündigen Folgen um die Motivation des Täters kreisen, dessen Identität dem Zuschauer bis zum Ende verborgen bleibt.

Klar ist nur: Diese Tat komme nicht aus heiterem Himmel, sie habe eine Vorgeschichte namens "Kränkungsprozess", erklärt ein Experte im fiktiven TV-Interview. Der gezeigte Fachmann ist indes nicht ausgedacht, im Gegenteil: Reinhard Hallers Buch "Die Macht der Kränkung" lieferte die Grundlage für das Format, der Psychiater selbst ist in einem Cameoauftritt zu sehen. Die Frage, an der sich der österreichische Therapeut und Autor ebenso wie die Serie abarbeitet, lautet: Wie kann es geschehen, dass ein Mensch so tief gekränkt ist, dass er gewalttätig gegenüber anderen wird? Was führt dazu, dass jemand auf fürchterliche Art und Weise austickt?

Bei der Suche nach Antworten auf diese schwer beantwortbaren Fragen lässt das herausragende Drehbuch von Agnes Pluch viel Platz für Ambivalenzen. Weil jede Episode eine andere Person beleuchtet, die Täter oder Täterin sein könnte, sind einfache Erklärungen von Vornherein passé. "Jeder kränkt im Laufe seines Lebens, jeder ist kränkbar und wird gekränkt", sagt die Autorin zu ihrem Stoff, wobei "oft kleine persönliche Verletzungen am Anfang ganz großer Katastrophen" stünden. In der Unklarheit darüber, welchen der Charaktere ein Rückschlag im Leben zum Äußersten führt, liegt der große Reiz der als "neoriginal" produzierten Miniserie.

Georg (Murathan Muslu) setzt seinen Job und seine große Liebe aufs Spiel.
 (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)
Georg (Murathan Muslu) setzt seinen Job und seine große Liebe aufs Spiel. (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)

Wer wird Täter und wer Opfer?

Da ist Georg, ein von Muratan Muslu natürlich als taffer Kerl verkörperter Sicherheitsmitarbeiter der "Sunshine City"-Mall, der sich nach der Erblindung seiner Frau hart gegen das Leben gemacht hat. Doch statt des besonnenen Securitys gibt er immer wieder den ausrastenden Typen am Limit. Sein Job und seine Liebe stehen auf der Probe. Am Rande befindet sich auch Mira (toll: Julia Koschitz), die mit ihrem Chef eine Affäre hat, von diesem bei einer Produktvorstellung aber hinters Licht geführt wird. Auch privat scheint Mira durch die abweisende Art ihrer Mutter Ingeborg (Ulrike Willenbacher) gekränkt, die nach dem Tod ihres Mannes selbst zu kämpfen hat. Halt gibt ihr nur ihre neue Online-Liebe sowie ihr Nachhilfeschüler.

Dessen alleinerziehende Mutter Sarah (Johanna Wokalek) wiederum erträgt das harte Dasein als Ärztin nur mit Alkohol und Tabletten, zudem muss sie sich mit Unterhaltsstreitereien und finanziellen Problemen herumschlagen. Und dann wäre da noch Lorenz (Jonas Holdenrieder), der in der Mall als Kellner arbeitet, in die Friseurin Saschi (Lea Zoë Voss) verliebt ist, sich aber plötzlich wieder von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt sieht. Clever verwebt "Am Anschlag" die Leben, Konflikte und Emotionen der fünf Hauptfiguren, die sich am "Tag X", so der Titel der finalen aufklärenden Episode, allesamt im Einkaufszentrum befinden.

Doch wer tötet am Ende, und wer wird zum Opfer? Eifersucht, Neid, Rache, Verzweiflung - jeder und jede auf unterschiedlichste Arten Gekränkte scheint ein Motiv zu haben. Dass es bis zum Schluss spannend bleibt und die Erklärung der Tat nicht konstruiert wirkt, ist neben dem Skript und Dağs bisweilen intimer Inszenierung auch der bis in die Nebenfiguren gelungenen Besetzung zu verdanken. Weil die komplexen Beziehungen eine höchst nachvollziehbare Eigenlogik entwickeln, die trotz (oder gerade wegen) der zahlreichen Schicksalsschläge völlig unakademisch nah am Leben erscheint, verdient sich "Am Anschlag" eine Sondererwähnung im sonst oft enttäuschenden deutschen Thriller-Genre.

Georg (Murathan Muslu) und seine erblindete Frau Eva (Antje Traue) gehen durch schwere Zeiten.
 (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)
Georg (Murathan Muslu) und seine erblindete Frau Eva (Antje Traue) gehen durch schwere Zeiten. (Bild: ZDF / Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K.)
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