Chef der indischen Tata-Gruppe glaubt an Stahl aus Europa – „Gekommen, um zu bleiben“


Für wichtige Angelegenheiten nimmt sich Natarajan Chandrasekaran die nötige Zeit. Zum Wochenauftakt ist der Chef der Tata-Gruppe am frühen Morgen eigens aus Mumbai eingeflogen, um mit Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger den Vertrag für den Zusammenschluss des europäischen Stahlgeschäfts zu unterzeichnen.
Bevor der 56-jährige Inder wieder zum Flughafen aufbricht, spricht er mit dem Handelsblatt in einem Brüsseler Hotel – und zwar über sehr viel mehr als nur über die Zukunft des Stahlmarkts.

Herr Chandrasekaran, zwei Jahre lang haben Tata und Thyssen-Krupp die Fusion ihrer europäischen Stahlsparten verhandelt. In der Zeit hat sich die Welt mit dem Brexit und dem von US-Präsident Donald Trump angeheizten Protektionismus dramatisch verändert. Was macht Sie so sicher, dass Thyssen-Krupp Tata Steel ein Erfolg wird?
Wenn das Joint Venture schon vor zwei Jahren Sinn gemacht hat, dann heute noch viel mehr.

Warum das?
Die Stahlkapazitäten in Europa sind einfach zu groß. Damit die Branche ihre Anlagen ausreichend auslasten kann, bräuchten wir Wachstum. Auf unserem Heimatmarkt Indien haben wir das, in Europa nicht. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, und dafür ist die Fusion der beiden Firmen zu einer starken Nummer zwei der beste Weg.

Die Verbindung von zwei Unternehmen muss nicht immer die beste Lösung sein.
Bei uns ist es so. Wir sind zusammen effizienter, wettbewerbsfähiger und können unseren Kunden ein besseres Produktangebot bereitstellen. Schauen Sie alleine auf die Synergien. Jährlich werden diese in einer Größenordnung von 500 Millionen Euro liegen. Unsere bisherige Positionierung verbessert sich damit erheblich. Gegenüber den Wettbewerbern gibt uns das einen Vorteil.

Ein Selbstläufer war der Deal aber nicht.
Natürlich haben uns Ereignisse wie der Brexit behindert. Wir haben uns davon aber nicht aufhalten lassen. Als ich vor einem Jahr die Leitung von Tata übernommen habe, da habe ich mich in Deutschland mit Heinrich Hiesinger getroffen.

… dem Chef von Thyssen-Krupp.
Wir sind dabei zu der festen Überzeugung gekommen, dass wir dieses Gemeinschaftsunternehmen schaffen wollen. Bei dem Treffen haben wir uns auf einige Grundsätze geeinigt, an denen wir festgehalten und die wir nun auch realisiert haben. Einer davon war, dass wir langfristig in dem Joint Venture investiert bleiben werden. Das ist wichtig für das gegenseitige Vertrauen. Außerdem soll Thyssen-Krupp Tata Steel auf starke Beine gestellt werden. Dazu haben wir das Niveau der Schulden auf ein verträgliches Maß beschränkt.

2,5 Milliarden Euro Schulden und rund vier Milliarden Euro an Pensionsverpflichtungen sind nicht gerade wenig.
Aber tragbar! Auf dieser Basis ist die Gemeinschaftsfirma gut aufgestellt.


Die Briten werden die Europäische Union verlassen, quer durch das neue Unternehmen läuft damit eine Grenze. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?
Wir werden sehen müssen, ob es zu einem weichen oder harten Brexit kommt. Ich kann das heute nicht absehen. Idealerweise werden wir einen freien Handel in Europa haben, was wenig Veränderung bedeuten würde.

Und wenn es ein harter Brexit wird?
Das wäre der schlimmste Fall. Über dessen Auswirkungen möchte ich nicht spekulieren – aber wir werden auch damit klarkommen. Eine gewisse Erfahrung mit länderübergreifenden Operationen haben wir. Bereits heute verteilt sich das Geschäft von Tata Steel mit Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien über mehrere Länder. Wir können auch damit umgehen.

Für Thyssen-Krupp bedeutet das Joint Venture der Einstieg in den Ausstieg aus dem europäischen Stahlgeschäft. Wird Tata über das Jahr 2025 hinaus in dem Bereich investiert bleiben?
Grundsätzlich ist es immer schwierig, Aussagen über die ferne Zukunft zu treffen. Ich kann also nur Signale senden. Schauen Sie sich die Geschichte von Tata an, die 150 Jahre zurückreicht. Tata war in Indien der erste Stahlproduzent, und wir waren die ersten Betreiber von Hotels, Banken und Versicherungen. Tata führt eine Airline, und wir sind im Telekommunikations- und IT-Geschäft aktiv. Diese Sicht gilt auch für das Joint Venture. Wir sind gekommen, um langfristig zu bleiben.

Investoren definieren Langfristigkeit deutlich kürzer als Familienunternehmen wie Tata.
Wie gesagt: Tata ist vor 150 Jahren gegründet worden.


Gilt diese Aussage auch für einen Börsengang, den Thyssen-Krupp der Vereinbarung zufolge eigenständig initiieren kann?
Ja, natürlich!

Bei einem Börsengang würde Ihr Anteil auf 45 Prozent sinken. Ist es für Sie denkbar, die Beteiligung aufzustocken und womöglich die Mehrheit von Thyssen-Krupp Tata Steel zu übernehmen?
(Lacht) Das ist eine sehr hypothetische Frage. Erst müssen wir doch das Gemeinschaftsunternehmen gründen, dafür brauchen wir die Zustimmung der Europäischen Kommission. Auf dieses Ziel müssen wir so schnell wie möglich hinarbeiten. Wenn das erreicht ist, dann müssen wir die Synergien heben und dann die Vorbereitungen für einen möglichen Börsengang schaffen.

Stahlproduzenten haben häufig eine lange Verbindung mit ihren Kunden. In Deutschland sind das vor allem die Autobauer. Die dürften sich nun fragen, was sich mit dem Joint Venture für sie ändern könnte. Wie wollen Sie auf die Kunden zugehen?
In den beiden vergangenen Jahren haben Manager von Thyssen-Krupp und Tata Steel intensiv verhandelt und das Vorhaben gründlich vorbereitet, was den Kunden nicht verborgen geblieben ist. Ihnen sollte in dieser Zeit deutlich geworden sein, dass wir ein stabiles Unternehmen schaffen werden. Thyssen-Krupp Tata Steel ist sehr viel besser gegen Verwerfungen am Markt abgesichert. Das sollte auch im Sinne unserer Kunden sein – und übrigens auch im Sinn der Mitarbeiter. Gemeinsam sind wir stärker.

Haben Sie je das Wort „Mitbestimmung“ gehört?
Nein, das kenne ich bislang nicht.

Es beschreibt das Recht der Beschäftigten, in die Entscheidungen des Managements eingebunden zu werden.
Wir haben damit sehr große Erfahrungen. Unsere Stahlmitarbeiter in Großbritannien und den Niederlanden sind sehr gut eingebunden; das gilt auch für die Beschäftigten unserer IT-Aktivitäten in Deutschland. „Mitbestimmung“ kennen wir also, auch aus Indien. Obwohl es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, sprechen wir uns in Indien mit den Gewerkschaften ab. Wir kommen so zu besseren Lösungen.


In der Stahlindustrie gibt es seit Jahrzehnten den den Trend zur Konsolidierung. Wird er anhalten?
Der Stahlabsatz in Europa ist gut, da die Nachfrage aus der Industrie da ist. Aber die Nachfrage reicht nicht, um die Anlagen ausreichend auszulasten. An dem Thema arbeiten derzeit alle Hersteller. An einer weiteren Konsolidierung werden wir uns erst einmal nicht beteiligen, da wir nun mit der Integration der beiden Unternehmen beschäftigt sein werden.

Eine Beteiligung an dem Joint Venture ist für andere Stahlhersteller also nicht möglich?
Ich sehe dazu keine Veranlassung.

Die wirtschaftlichen Beziehungen mit Indien reichen lange zurück, allerdings hat die deutsche Industrie ihren Fokus in Asien auf China gelegt. Erwarten Sie einen Impuls durch das Joint Venture?
Wir haben eine sehr gute Verbindung mit Deutschland über unsere IT-Sparte Tata Consultancy Services, die seit Jahren für etliche Großkonzerne arbeitet. BASF, Daimler und andere Unternehmen haben ihrerseits in Indien eigene Werke aufgebaut. Ich hoffe doch, dass unser Joint Venture helfen wird, die wirtschaftlichen Beziehungen unserer beider Länder zu vertiefen.

Will die Tata-Gruppe ihrer Präsenz in Deutschland ausbauen?
Wenn sich Optionen ergeben, dann werden wir darüber nachdenken. Tata ist ein sehr internationales Unternehmen. Tata Consultancy Services zum Beispiel generiert bereits 93 Prozent der Umsätze im Ausland. Tata Motors mit den Marken Land Rover und Jaguar verkauft die Modelle weltweit.

Im Duisburger Thyssen-Krupp-Werk waren Sie bislang nicht. Wann steht da Ihr Antrittsbesuch an?
Bislang konnte ich das aus Wettbewerbsgründen leider nicht machen. Ich habe mit Heinrich Hiesinger aber vereinbart, dass wir bei der nächsten Gelegenheit das Werk besuchen werden. Ein Termin steht bislang nicht fest.

Herr Chandrasekaran, vielen Dank für das Interview.