Geisterspiele sind alternativlos

Pit Gottschalk

In ernsten Krisen gibt es den einen Moment, wo weder Diskussionen noch Abstimmungen zu brauchbaren Lösungen führen. Wenn der Kapitän "SOS!" ruft, ist an Bord Handeln gefragt und nicht Demokratieverständnis in Abwägung von Einzelinteressen. Diesen Moment hat die Bundesliga jetzt erreicht.  

DFL-Chef Christian Seifert rief am Montag unüberhörbar: "Es geht ums Überleben!" Er ließ damit keinen Zweifel: Die Coronakrise zwingt die erste und zweite Liga zu unpopulären, aber offensichtlich unvermeidbaren Sofortmaßnahmen. So schnell wie möglich die Saison zu Ende bringen, notfalls mit Geisterspielen - sonst geht alles den Bach runter. Das war seine Botschaft.

Fußballspiele ohne Publikum sind für Zuschauer im Stadion wie vor den Fernsehbildschirmen eine Zumutung. Niemand, der den Fußball liebt, will Geisterspiele. Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp meinte noch am Montagmorgen, Geisterspiele seien "lächerlich". Am Nachmittag wurde auch ihm klar: Es geht nicht ohne. Er ließ diesen Satz aus seinem SPORT1-Interview nachträglich streichen.

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Zwischen 650 und 700 Mio. Euro Umsatz aus Medienrechten und Sponsoring stehen auf dem Spiel, wenn die Live-Übertragungen der restlichen 162 Matches der ersten und zweiten Liga nicht bis zum Sommer stattfinden. Seifert malte ein düsteres Bild, als er sogar die Existenz der Bundesliga, "wie wir sie kennen", infrage stellte.


Die Bundesliga-Vertreter gaben notgedrungen alle Alternativ-Szenarien auf, die sie im stillen Kämmerlein ausgeheckt hatten und eigentlich zur Diskussion bringen wollten, und verpflichteten sich zum Kassensturz. Ende März wird die Bundesliga erneut die Lage bewerten und feststellen: Geisterspiele sind alternativlos. Es glaubt ja niemand, dass die Saison Anfang April weitergeht.

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Die Bundesliga darf froh sein, wenn die UEFA auf ihrer Krisensitzung am Dienstag eine Verschiebung der Europameisterschaft (ab 12. Juni) beschließen wird. Dann gewinnt die Bundesliga nämlich Zeit, um bis Ende Juni die neun Spieltage, die fehlen, unterzubringen. Wenn alle drei Tage ein Spiel stattfindet, werden 27 Tage benötigt. 105 Tage bleiben von heute an bis zum 30. Juni noch.

Das wird nur mit Geisterspielen gehen. Niemand sollte die Hoffnung hegen, dass die Coronakrise bis April oder Mai überstanden ist. Und wenn doch: Dann freuen wir uns. Aber solange muss jeder, ob er will oder nicht, einfach tun, was der Kapitän vorgibt. Das mag für die manchmal selbstverliebten Klubfunktionäre ungewohnt sein. Eine Wahl haben sie nicht.

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