"Es geht nicht darum, wer die beste Aktie am schnellsten gekauft hat" - Warum Maria Mann einen Robo-Advisor für Frauen gründete

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Gründerin und CEO von Financery, Maria Mann.
Gründerin und CEO von Financery, Maria Mann.

Maria Manns Nachname ist irreführend - denn Männer gehören kaum zu ihren Kunden. "Eine Handvoll" habe über ihr Unternehmen Financery investiert, sagt die 38-jährige Gründerin im Gespräch mit Business Insider. Und das, obwohl Manns Firma mit Sitz in Düsseldorf in einer Branche tätig ist, die normalerweise sehr männlich dominiert ist - dem Anlegen.

"Unsere Zielgruppe sind junge Frauen, die schon ein paar Jahre im Beruf tätig sind und die noch nicht vor der Kaufentscheidung für eine Immobilie stehen", sagt Mann. Derzeit ist ihre jüngste Kundin 20 Jahre alt, die älteste 86. Diesen Frauen soll über Financery geholfen werden, ein Vermögen aufzubauen - per Anlegen in ETFs.

Ab 50 Euro im Monat kann man in ETFs investieren

Dafür kooperiert Financery mit der Vermögensverwaltung Nowinta, die auch über die nötige Lizenz der Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin) verfügt. Zusammen mit Nowinta entwickelt Financery die Anlagestrategien, mit denen wiederum der Algorithmus des Robo-Advisors angelernt wird. Die Depots der Kunden lagern bei der FIL Fondsbank, per Video-Ident werden sie eröffnet. "Bei uns dauert der komplette Prozess zur Eröffnung eines Depots rund 8 Minuten", sagt Mann. Und auch die Einstiegsbeträge sind bewusst niedrig gehalten, ab 50 Euro im Monat geht es los. Die Kundinnen und Kunden wählen dabei ihr gewünschtes Risiko und die Laufzeit der regelmäßigen Investition. Provision müssen die Anlegerinnen und Anleger keine zahlen, statt dessen eine Servicegebühr von einem Prozent des jährlich investierten Betrags.

Trotz all dieser niedrigen Hürden ist das Produkt von Mann noch nicht in der breiten Masse angekommen. Gerade mal über 2 Millionen Euro verwaltet Financery seit dem Start im April 2019 laut Eigenauskunft auf der Website. Bei einem Prozent Gebühr macht das rund 20.000 Euro Umsatz. Über die Anzahl der Kunden will Mann nicht sprechen.

Zum Vergleich: Einer der größten Robo-Advisor wie Scalable Capital, der 2016 an den Start ging, verwaltet mittlerweile rund 4 Milliarden Euro seiner 250.000 Kunden, zu den Investoren gehört unter anderem Blackrock. Mann hat als Startkapital ihres Unternehmens ihr eigenes ETF- und Aktiendepot aufgelöst, als einziger Investor ist ein Family Office aus der Schweiz an Bord. Mittlerweile hat Mann sich ein neues Depot aufgebaut - über Financery, wie sie sagt.

Mann ist mit ihrem Unternehmen Vorreiterin in einer Szene, die gerade im Kommen ist: spezielle Finanzprodukte für Frauen, die ohne Pink und Genderklischees daher kommen, sondern stattdessen versuchen, durch Erklärungen und Inhalte aus weiblichen Sparerinnen weibliche Anlegerinnen zu machen. Zu dieser Gruppe gehören auch die Finanz-App Alice, das Finanz-Portal Finmarie oder der Online-Broker Heyfina.

Der typische Anleger ist männlich - warum ein Produkt für eine Nischen-Zielgruppe bauen?

Doch trotz dieser Bewegungen sind immer noch Männer deutlich in der Mehrheit beim Thema Investieren. Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung des Bankseminars der Universität zu Köln mit 448 Anlegern vom Juni 2020 ist der typische Nutzer von Robo-Advisorn 40 Jahre alt und männlich. Warum also ein Produkt für eine Zielgruppe bauen, die man erst dafür begeistern muss? "Würde ich nur ein Unternehmen gründen, um möglichst viel Geld zu verdienen, würde ich etwas anderes machen", sagt Mann in unserem Gespräch. Ihr gehe es aber um mehr: den "Purpose", wie sie sagt, also den Sinn ihres Tuns. Denn anstatt auf wohlhabende Frauen zu setzen, steht Manns Zielgruppe der Millennials eher an der Schwelle zum eigenen Vermögensaufbau.

Was Mann allerdings in die Karten spielen dürfte: Es gibt kaum eine Generation, für die Sparen unattraktiver ist, ausgelöst durch Faktoren wie die steigende Inflation und die ebenfalls steigenden Negativzinsen. Auch die Rentenabsicherung fällt für diese Generation weg. Mann: "Den Millennials ist es schon bewusst, dass es nicht so einfach ist, Vermögen aufzubauen - aber dennoch ist für viele das Thema Rente weit weg." Mit Financery sei sie daher auf keinen akuten Bedarf ihrer Zielgruppe aufgesprungen, sondern habe eine pragmatische Lösung entwickelt für ein Problem, dass erst später entsteht - sich dann aber mit voller Wucht entfalten kann. "Es ist die Kunst, Bewusstsein zu schaffen, für ein langweiliges Thema - denn Altersarmut ist nicht sexy", sagt Mann.

Männer investieren wegen des Wettbewerbs, Frauen wollen verstehen

Financery richtet sich vor allem an junge Frauen.
Financery richtet sich vor allem an junge Frauen.

Anders als Online-Broker wie Robin Hood oder Trade Republic, bei denen Kunden gerne schnell Aktien kaufen und verkaufen, sollen Kundinnen bei Financery langfristig und ganzheitlich ein Vermögen aufbauen können. Mann: "Anders als bei Portalen, die sich eher an Männer richten, funktioniert unseres nicht über einen Wettbewerb oder Gamification. Es geht nicht darum, wer die beste Aktie am schnellsten gekauft hat. Es geht darum, ganzheitlich Vermögen aufzubauen und Wohlstand zu schaffen."

Um es dennoch anschaulich zu machen, wählt sie einen Bildungsansatz, um ihre Zielgruppe zu erreichen: Auf der Website werden nicht nur die Bedeutungen von ETFs und Depots erklärt, sondern auch Workshops angeboten zu Themen wie Altersvorsorge oder Kindersparplan.

Mann selbst mit Anfang 30 kam zum Investieren, weil sie ihrer vorherigen Rolle als Beraterin IT-Projekte für Banken anschob. Ihr erstes Investment floss dann auch direkt in ETFs, Einzelaktien kaufte sie erst später dazu. "Ich war nie eine gute Sparerin, habe dann aber regelmäßig direkt einen größeren Teil meines Monatsgehalts investiert - und gesehen, dass es sich lohnt", erinnert sich Mann. Sie habe damals bereits über ein Fintech ihr Geld angelegt - und ihr sei aufgefallen, wie technologisch und komplex alles abgebildet gewesen sei. Das habe sie nicht angesprochen - und das wollte sie besser machen.

Ein weibliches Team für eine weibliche Zielgruppe

Um die Zielgruppe gut zu verstehen, ist auch Manns Team sehr weiblich. "Alle Schlüsselpositionen, auch in der IT und App-Entwicklung sind mit Frauen besetzt", sagt Mann. Wo sie die Bewerberinnen herbekommt, in einer Branche, die gerade für ihre fehlenden weiblichen Führungskräfte bekannt ist? "Viele kommen zu uns, weil sie selber an den Sinn des Produkts glauben", sagt Mann.

Natürlich stelle sie dennoch nicht nur Frauen ein, auch Männer bewerben sich. "Aber die Frauen, die wir einstellen, haben sich gegen männliche Bewerber durchgesetzt", sagt Mann. Dennoch stünde sowohl das Unternehmen als auch das Produkt allen Geschlechtern offen. Nur eines irritiere die männlichen Kunden öfter mal: In den Nutzungsbedingungen wird durchgängig das generische Femininum verwendet, also Kundinnen statt Kunden. "Diese Bezeichnung umfasst jedoch alle Geschlechter", heißt es am Anfang. Männer sind also mitgemeint.

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