Die geheimnisvolle Bank der Superreichen unter Druck: Warum sich die Schweizer Pictet-Gruppe jetzt neu erfinden muss

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Einblick in ein Büro der Pictet Bank in Genf, Schweiz (Archivbild aus 2012).
Einblick in ein Büro der Pictet Bank in Genf, Schweiz (Archivbild aus 2012).

Die Banque Pictet & Cie SA, eine führende Schweizer Privatbank, die sich seit mehr als 200 Jahren die Vermögen der Superreichen verwaltet, hat Schwierigkeiten sich an die moderne Welt anzupassen. Wie „Bloomberg“ unter Berufung auf interne Quellen berichtet, stehe das Institut zwischen „der alten Welt der Genfer Privatbanken“ und der neuen, „globalisierten Finanzwelt, in der es international präsent sein“ wolle. Die Tradition des verschwiegenen Vermögensverwalters müsse dafür zunehmend einem eher transaktionalen Modell weichen.

Im Zuge von Umstrukturierung, die insbesondere nach dem Ende des Bankgeheimnisses im Jahr 2014 eingeleitet wurden, hätten bereits 2019 mehrere langjährige Kundenbetreuer und führende Banker gekündigt. Manche Neuankömmlinge wiederum seien angesichts des ihrer Meinung nach zu langsamen Wandels gegangen.

Der Wandel wurde insbesondere mit der Gewinnung von Boris Collardi als geschäftsführender Teilhaber im Jahr 2018 eingeleitet. In der gesamten Geschichte des Instituts haben es nur 43 Personen in diesen exklusiven Zirkel geschafft, dem aktuell sieben Männer angehören. Da sie alle beim Antritt einen erheblichen Anteil am Unternehmen erwerben müssen, bleiben Teilhaber im Schnitt 20 Jahre Partner und beaufsichtigen vom Hauptsitz in Genf aus ein verwaltetes Vermögen von 600 Milliarden Franken (ca. 540 Milliarden Euro). Die Bank erzielte „Bloomberg“ zufolge in den letzten fünf Jahren eine Eigenkapitalrendite von 16 bis 21 Prozent, womit sie deutlich besser dastehe als Schweizer Konkurrenten wie UBS, Credit Suisse oder Julius Bär.

Turbulenzen nach Übernahme-ähnlichen Umstrukturierungen

Mit den jüngsten Turbulenzen sei laut „Bloomberg“ vor allem der Name Boris Collardi verbunden. 2018 ist Collardi als CEO des Erzfeinds Julius Bär abgetreten und in die Geschäftsführung von Pictet gewechselt. Als erster externer Partner seit Jahrzehnten und jüngster Teilhaber der Geschichte hebe er sich vom auf Uniformität statt Individualismus bedachten Rest der Geschäftsführung ab. Mit seinem Einstieg stammt nun zum ersten Mal die Mehrheit der Gruppe nicht mehr von der Gründerfamilie ab.

Boris Collardi, Ex-CEO von Julius Bär und seit 2018 Teilhaber bei Pictet
Boris Collardi, Ex-CEO von Julius Bär und seit 2018 Teilhaber bei Pictet

Der Bankier sei vor allem aufgrund seiner Asien-Expertise ins Boot geholt worden, wo Pictet es auf eine Klasse von Neu-Milliardären abgesehen habe. Auch deswegen hätten die Veränderungen im Unternehmen nicht lange auf sich warten lassen. Schon innerhalb eines Jahres seien Collardi laut „Bloomberg“ mehr als 100 Loyalisten zu Pictet gefolgt — unter anderem fast ganze Teams für den Nahen Osten und Lateinamerika.

Er habe außerdem einige der dienstältesten Portfoliomanager durch deutlich jüngere Anlageberater ersetzt und mit Fong Seng Tee einen vertrauten Banker zum Leiter der Asien-Division ernannt. Den vorigen Leiter habe er dabei in eine zeremonielle Position gedrängt. Insgesamt sei als Folge der Veränderungen die Zahl der Vermögensverwalter der Bank von 740 im Jahr 2015 auf ganze 1.098 Ende 2020 angestiegen. Eine solche Expansion sei, wie „Bloomberg“ schreibt, „einer vollständigen Übernahme nicht unähnlich“.

Collardi habe sich zudem dafür eingesetzt, dass Pictet — um die asiatischen Märkte aggressiver ins Visier zu nehmen — eigene neue und potenziell risikoreichere Anlagewerte verkaufen solle. Die Partner hätten sich davon jedoch nicht überzeugen lassen und das Projekt Anfang 2020 aufgeweicht. Pictet setze in Asien also eher darauf, dass Kunden für einen risikoarmen Ansatz in der Vermögensverwaltung auf die Bank zukommen.

Ende des Bankengeheimnisses und der „lange Marsch ins 21. Jahrhundert“

Eingesetzt habe der „lange Marsch ins 21. Jahrhundert“ — trotz Collardis Turbo — allerdings schon früher. Als im Jahr 2014 das Schweizer Bankgeheimnis abgeschafft wurde, sei Pictet bereits gezwungen gewesen, seine oft auf persönlichen Beziehungen fußende, idiosynkratische Organisation zu revidieren. Den Wandel habe der ehemalige McKinsey-Manager Rémy Best angeleitet, seit 2003 Teilhaber des Instituts. Best habe zunächst das Asset Management optimiert und nach gewinnorientierten Kennzahlen ausgerichtet, bevor er sich das Wealth Management vorknöpfte — die ertragreichste Sparte der Bank.

Hier sei genau analysiert worden, welche Kunden das meiste Geld einbrachten und mit welchen das Institut Geld verlor. Das habe bei den Mitarbeitern für Aufsehen gesorgt, seien sie doch vorher nicht verpflichtet gewesen, ihre betreuten Kunden und Erträge offenzulegen. Die üblichen persönlichen Beziehungen seien auf diese Weise numerischen Scorecards und Renditezielen gewichen.

Auch die Struktur sei in diesem Zuge überarbeitet worden. Kunden wurde neu zugeordnet und kategorisiert, so „Bloomberg“. Manche Banker hätten ihr Aufträge an regionale Teams verloren — und sich zur Kündigung entschlossen. Früher hätte „Bloomberg“ zufolge bei Pictet gegolten, dass es wichtiger sei, Kunden zu halten, als Gewinn zu machen. Mit Best sei aber die moderne Unternehmenseffizienz im Institut angekommen

Collardi tritt bei Unternehmenspräsentation in den Hintergrund

Bei einer eher zeremoniellen Präsentation im Februar dieses Jahres, habe die Bank, geleitet vom Seniorpartner Renaud de Planta die Zahlen des letzten Jahres vorgelegt. Pictet habe 2020 wie viele andere Institute auch von der Marktvolatilität im Zuge der Pandemie profitiert, habe es dort geheißen. Das verwaltete Vermögen sei auf ein Rekordhoch geklettert.

Boris Collardi aber habe sich während der Präsentation aber kein einziges Mal blicken lassen. Trotz seiner prominenten Rolle bei den Turbulenzen der letzten Jahre, sei er in den Hintergrund gerutscht. Die Bank habe den Bericht nicht kommentiert.

sb

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