Die Geheimnisse einer unterschätzten Sportart

Eric Böhm
Das deutsche Petanque-Duo feierte bei den World Games einen Sieg gegen Frankreich

Es hat wohl jeder schon einmal gespielt.

Das sehr beliebte Freizeitvergnügen Boule ist aber auch ein umkämpfter Leistungssport, wie bei den World Games 2017 in Breslau (täglich LIVE im TV auf SPORT1 und LIVESTREAM) zu sehen ist. Unter Boule werden dabei die verschiedenen Varianten zusammengefasst.

Für Deutschland treten beim Petanque Lea Mitschker und Indra Waldbüßer an. In dieser Variante müssen die Kugeln aus dem Stand möglichst nahe an die kleine Zielkugel - genannt Schweinchen - geworfen werden. Ähnlich wie beim Darts beeindruckt die Präzision der Athleten.

"Die Faszination dieses Sports ist für mich, dass jeder den Sport ausführen kann, aber es dennoch sehr schwierig ist, zu gewinnen. Auf dem Boule-Platz ist jeder gleich, egal ob Arzt oder irgendetwas anderes. Die körperlichen Voraussetzungen spielen keine Rolle. Es packt einen sehr schnell", sagt Lehrerin Lea Mitschker im Gespräch mit SPORT1.


Konzentration über 10 Stunden gefordert

Die beiden Deutschen legten in der Doppelkonkurrenz einen starken Start hin und fügten dem Boule-Mutterland Frankreich eine 11:10-Niederlage zu - verspielten dann aber mit Niederlagen gegen Madagaskar (5:13) und im zweiten Duell mit Frankreich (4:13) ihr Medaillenchance.


Ein leichter Sport ist Petanque nicht, das macht das deutsche Duo deutlich.

"Viele unterschätzen das und sagen 'bisschen Kugeln werfen', aber dabei muss man sich klarmachen, dass ein Wettkampftag locker zehn Stunden andauert. Fußballer bringen 90 Minuten ihre Leistung, aber dann kommt der Abpfiff. Bei uns ist dann noch lange nicht Schluss", betont Mitschker. 

Ruhe und Konzentration seien entscheidend, sagt sie. Ihre Partnerin ergänzt: "Ein gewisses Ballgefühl schadet nichts. Zum Beispiel haben Handballer ein ganz gutes Händchen dafür."


In Frankreich Nationalsport

Soldaten brachten zu Zeiten Napoleons die Urform des Spiels nach Deutschland, seitdem erfreut es sich auch hier großer Beliebtheit, denn jeder kann mitmachen. Die Variante Petanque gibt es seit 1910. Die Legende berichtet, ein großer Boule-Spieler hätte Rheuma bekommen und fortan nur noch aus dem Stand spielen können.

In Frankreich ist Boule eine Art Nationalsport. Es gibt etwa 300.000 registrierte Spieler - in Deutschland sind es laut Sportdirektor Jürgen Hatzenbühler aktuell etwa 18.000. Viele kommen über die Familie zum Boule, so auch Mitschker und Waldbüßer.

Generell wird in Teams aller Variationen gespielt: Mixed, jung und alt, auch behinderte und nicht-behinderte Menschen spielen zusammen. Bei den Großereignissen wie Weltmeistershaften oder den World Games treten Frauen und Männer jedoch in getrennten Wettbewerben an.

Neben Frankreich sind international auch asiatische Länder wie Thailand sehr stark. Dort ist sogar die Königsfamilie im Boule begeistert aktiv. Auch Madagaskar hat exzellente Athleten.

Olympia 2024 ist möglich

Die Olympiabewerbung von Paris könnte ein Glücksfall für die Sportart werden. Denn der Verband ist in Frankreich sehr einflussreich. Eine Aufnahme 2024 wäre durchaus möglich.

"Zumindest als Einladungssport ist es sehr realistisch. In Frankreich stehen viele Leute dahinter. Sie werden alles daran setzen, dass es klappt", ist sich das deutsche Duo einig.


Boule in Deutschland reiner Freizeitsport

Auch für die beiden Deutschen, die zweimal die Woche trainieren und am Wochenende fast immer Wettkämpfe bestreiten, wäre Olympia natürlich ein Traum.

Sie verkörpern den olympischen Gedanken in Reinform. Boule ist für die beiden eine reine Freizeitangelegenheit.

Umso beeindruckender sind Leidenschaft und Leistungen dieser Meister der Präzision.