Das Geheimnis der Gier: Warum sie uns antreibt, aber auch zerstören kann

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Hohe Provisionen für die Vermittlung von Masken und medizinischer Ausstattung, Werbung für diktatorische Staaten, Lobbyismus für Unternehmen: Mitglieder der CDU und CSU haben in den vergangenen Monaten Schlagzeilen mit fragwürdigen Nebentätigkeiten und Einkünften gemacht.

Bundestagsabgeordnete wie Philipp Amthor, Georg Nüßlein oder — bis zur Mandatsniederlegung — Mark Hauptmann verdienen im Monat regulär 10.083,47 Euro brutto. Hinzu kommen weitere Zahlungen wie eine steuerfreie Aufwandspauschale, mit der beispielsweise eine Zweitwohnung in Berlin finanziert werden kann. Dieses Einkommen sollte für ein gutes Leben ausreichen. Warum haben Politiker trotzdem mit dubiosen Deals ihr wichtigstes Gut riskiert, ihre Glaubwürdigkeit?

"Bis zu einem gewissen Grad ist jeder Mensch gierig", sagt Paula Lutum-Lenger. Sie ist Volkskundlerin und Direktorin im Haus für Geschichte in Stuttgart. Dort hat sie gerade eine Ausstellung zum Thema Gier in all ihren Facetten eröffnet. Von einem Sammler, der 153 Schuhe zusammengetragen hat und seine Leidenschaft selbst als Gier bezeichnet, bis hin zum Raub von jüdischem Eigentum in der Zeit des Nationalsozialismus.

"Wir wollten ein breites Spektrum der Gier darstellen, auch die Ambivalenz. Von der Neugier oder der Wissbegierde bis zur Machtgier und Habgier, obwohl sie wesensmäßig völlig verschieden sind", sagt Lutum-Lenger im Gespräch mit Business Insider. Gier, sagt sie, könne durchaus auch positiv belegt sein. "In Fußball-Reportagen heißt es beispielsweise: 'Die Mannschaft ist gierig'."

"Gier kann der Antrieb für positive Entwicklungen für die Gesellschaft sein"

In der berühmten "Gier ist gut"-Rede im Film "Wall Street" sagt Michael Douglas als Börsenmakler Gordon Gekko: "Gier — in all ihren Formen — die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen, hat die Entwicklung der Menschheit geprägt." Ist Gier also auch ein Motor des Fortschritts?

"Ich würde den Satz von Gordon Gekko unterschreiben", sagt Lutum-Lenger. "Gier kann der Antrieb für positive Entwicklungen für die Gesellschaft sein. Eine gewisse Neugier ist gut, aber wann kippt es in die Maßlosigkeit? Wann geht es zulasten anderer oder wann kommen andere zu Schaden?"

Gier trägt also eine gewisse Ambivalenz in sich. Ein gutes Beispiel dafür ist das Verhalten von Fritz Haber. Der Chemiker entdeckte als erster Wissenschaftler die Ammoniaksynthese — was auf lange Sicht die Herstellung von Kunstdünger ermöglichte. Damit schuf Haber die Grundlage für eine moderne leistungsfähige Landwirtschaft und die Ernährungsgrundlage vieler Menschen. 1919 hat er dafür den Nobelpreis erhalten. "Aber er nutzte sein Wissen und seinen Forschungsdrang auch für den Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg", so Lutum-Lenger.

Die Gier treibt in vielen Fällen das Verhalten von Menschen an. So gehen Wissenschaftler heute etwa davon aus, dass die meisten Mitglieder der NSDAP im Dritten Reich dies weniger aus ideologischen, sondern vor allem aus opportunistischen Gründen waren. Wer sich mit der Regierung von Adolf Hitler gut stellte, konnte beispielsweise von der Enteignung von Juden profitieren, wie der Unternehmer Günther Quandt.

Der Großvater der BMW-Großaktionäre Stefan Quandt und Susanne Klatten bereicherte sich durch Arisierungen und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern. Doch auch "normale" Bürger griffen bei Plünderungen von jüdischen Geschäften zu. "Manchmal ist die Versuchung vielleicht zu groß, nicht alle können damit souverän umgehen", sagt Lutum-Lenger. "Aber wenn man anderen Menschen schadet, geht es um existenzielle Dinge. Das muss jeder für sich überlegen."

Welche Faktoren maßlose Gier begünstigen

Erich Kirchler, Leiter des Instituts für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Wien, beschäftigt sich damit, warum und wann ein Verlangen maßlos wird. "Die Frage, die sich stellt, ist, wo Gier beginnt", sagt der Psychologe. Das Streben nach mehr sei individuell und gesamtgesellschaftlich nicht verwerflich, sondern schüre die Leistungsmotivation. Negativ aber seien Habgier und Raffgier oder Habsucht und Rachsucht — und nicht umsonst werde in diesen Worten klar auf Sucht und ihre Ursachen und Wirkungen verwiesen. "Gier", sagt Kirchler, "ist das heftige und maßlose Verlangen nach Besitz und die Erfüllung der eigenen Wünsche, und manchmal erscheinen 'alle Mittel recht', um das Verlangen zu stillen."

Kircher beschäftigt sich in seiner Forschung mit Steuerhinterziehung und der Steuermoral der Bürger. Einen "typischen" Steuerhinterzieher gibt es ihm zufolge nicht. Laut Studien sind Ältere aber tendenziell ehrlicher als Jüngere und Frauen etwas ehrlicher als Männer. Wer mehr Möglichkeiten habe, Steuern auf grenzwertige Art und Weise zu sparen, nutze diese allerdings auch öfter aus. Die Gier braucht also auch das passende Umfeld, in dem sie sich etablieren kann.

Auch unter hoch bezahlten Sportlern, Managern und Unternehmern gibt es viele, die durch Steuerhinterziehung und unlautere Geschäfte noch mehr Geld für sich herausschlagen wollen. Doch wenn sie auffliegen, verlieren sie nicht nur Geld, sondern auch ihr Ansehen — und manchmal sogar ihre Freiheit. Uli Hoeneß, Alice Schwarzer, Klaus Zumwinkel, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Theo Sommer, Boris Becker, Silvio Berlusconi — die Liste der prominenten Steuersünder ist lang.

Warum riskieren es selbst Menschen mit einem überdurchschnittlich hohen Einkommen, durch Steuerhinterziehung oder Korruption Schaden zu nehmen? "Wesentliche Faktoren sind die Kontrollillusion, das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben; die Meinung, überdurchschnittlich gut zu sein und das Gefühl, unantastbar zu sein. Auch übersteigerter Narzissmus und das Gefühl, ein Recht auf mehr zu haben, können gierigem Verhalten zugrunde liegen", sagt der Wiener Wirtschaftspsychologe.

Die Verlockungen in der Situation, Angebote bis zur Korruption, der Vergleich mit anderen und daraus entstehender Neid und Gier, die Unterschätzung von Entdeckungswahrscheinlichkeiten und die Illusion der Kontrollierbarkeit des Geschehens bis hin zum Gefühl in hoher Position unantastbar zu sein können ihm zufolge zu Verhaltensweisen führen, die nicht nur Gier ausdrücken, sondern schlichtweg illegal sind.

Wer Besitz einen hohen Wert beimisst, erliegt schneller der Verführungskraft des Geldes

Doch vom Reichtum in die Pleite führt manchmal nur ein kurzer Weg. Der Fall Thomas Middelhoff könnte als mahnendes Beispiel dienen. Der gebürtige Düsseldorfer war zunächst wissenschaftlicher Assistent an der Universität, bevor ihm ein spektakulärer Aufstieg gelang. Mit Mitte 40 wurde er Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, traf US-Präsidenten und Bundeskanzler zum Abendessen und feierte mit Weltstars auf Partys.

Boni in dreistelliger Millionenhöhe hätten ihn gierig gemacht, bekannte Middelhoff später: „Ich dachte, ich kann über Wasser gehen. Ich dachte, mir kann sowieso keiner mehr was sagen.“ Als Chef von KarstadtQuelle, später in Arcandor umbenannt, ging Middelhoff sehr großzügig mit Firmengeldern um, während gleichzeitig die Mitarbeiter des Konzerns harte Einschnitte erleiden mussten. 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Wenige Monate danach ging er in Privatinsolvenz.

Middelhoff hatte zum Höhepunkt seiner Karriere seine Bodenhaftung verloren. Lange Zeit war er der Inbegriff des gierigen Managers — und schadete damit am Ende auch sich selbst. Wer Besitz einen hohen Wert beimesse und bewundert werden wolle, erliege schneller der Verführungskraft des Geldes, so Wirtschaftspsychologe Kirchler. "Geld gibt nicht nur das Gefühl von materieller Sicherheit, sondern auch soziale Anerkennung, Macht, bis hin zu erotischer Ausstrahlung."

In der Gesellschaft muss es deswegen Regeln geben, die auch eingefordert werden, und Sanktionen, wenn diese Regeln nicht eingehalten werden. Aber auch Vertrauen in die Gemeinschaft und die "Verwalter", wie Politiker, ist wichtig, meint Kirchler. Wer nicht selbst vom Geld verführt werden will, kann durchaus vorbeugen, so der Psychologe. "Vor Gier schützen Genügsamkeit, kritische Reflexion des eigenen Verhaltens, sich einen Spiegel von anderen vorhalten lassen — und ehrliches Feedback einholen."