Geh doch nachhause, Mann!

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Unzufriedenen Bundesbürgern wurde früher gerne der Umzug “nach drüben” empfohlen (Bild: AP)

Immer wieder höre ich: Der soll in dieses Land zurück, die in jenes andere. Bricht eine neue Völkerwanderung aus? Eigentlich könnten wir die Kirche mal im Dorf lassen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es ist halt alles eine Frage des Blickwinkels. Als unsere germanischen Vorfahren in der Spätantike zu Migranten wurden und nach Mittel- und Südeuropa zogen, nannte man das „Völkerwanderung“. Das klingt nach Klassenausflug, irgendwie international und hip. Aus der Perspektive jener, welche die Germanen aufnahmen, also der Südländer, gibt es dafür einen anderen Begriff: „Einfall der Barbaren“, das klingt mehr danach, als habe der Lehrer seine Pennäler nicht ganz im Griff gehabt.

Immer ging es kreuz und quer, immerhin gehört das Gehen zum Naturell des Menschen, wie das Fliegen zu den Vögeln und das Schwimmen zu den Fischen. Jeden Kontinent haben wir uns erlaufen. Und besonders das heutige Deutschland, mitten in Europa, ist ein einziger Verkehrskreisel gewesen: Gab es ein Völkchen, das nicht unsere Wanderwege benutzte? Berlin schließlich, unsere Hauptstadt, ist schon von Beginn an eine Einwandererstadt gewesen; zuerst die Slawen als Gründer, dann Magnet der Umgebung, später Polen, Russen, Hugenotten, dann Türken und Araber, schließlich Schwaben – sie alle sind Berlin.

Umso verdutzter war ich, als ich in den vergangenen drei Wochen gleich dreimal Zeuge wurde, dass jemand einen anderen nicht ins Land wünschte, wo der Pfeffer wächst, sondern in das so genannte Heimatland. Herrje, dachte ich, es ist doch viel komplizierter.

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Im Beispiel Nummer Eins beschwerte sich ein Bekannter über das Verkehrsverhalten in Neukölln, er wohnte dort neuerdings, aus Sachsen zugezogen. Sein Autofahrstil ist übrigens energisch, da traf er Gleichgesinnte. Und Zoff. Man nannte ihn einen Nazi, das gefiel ihm nicht. Und weil ein Türke ihn so nannte, meinte er gleich, der könnte doch zurück in die Türkei, überhaupt alles Erdogan-Fans, die seien bei ihrem Sultan besser aufgehoben als hier, bei Freiheit und Demokratie.

Ich glaube, sein erster Denkfehler war anzunehmen, er sei integrierter als der Türke; das mit den Ostdeutschen hat ja eigentlich nicht so gut geklappt, das wird man ja noch sagen dürfen. Sein zweiter war, überhaupt einen Wettstreit der Integration auszurufen: Ist man dafür zwangsqualifiziert, auch wenn man hier geboren ist, oder aufgewachsen – oder überhaupt? Wer legt diese Regeln fest? Selbst ein Sepp Blatter würde sich diesen Tort nicht antun.

Im Beispiel Nummer Zwei gerieten am Rande eines Fußballplatzes eine Osteuropäerin und ein Türke aneinander, ihre beiden Jungs hatten gegeneinander gespielt, der Junge der Ersteren hatte eine recht rustikale Auffassung von Fußball als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. „Scheiß-Türke“ keifte die Mama. „Geh du doch zurück, in dein Land“, konterte der Papa. Da beleidigte also ein Mensch einen anderen rassistisch und meinte damit unausgesprochen, er möge doch bitte gehen, und zwar weder vom Platz noch aufs Klo, sondern weitweit weg – und der Gescholtene fauchte zurück, sie möge doch gehen. Ich war verwirrt. Wer soll nun wohin? Und warum überhaupt? Natürlich blieben alle, wo sie waren, diesen Wandertalk hätte man sich sparen können.

Eine Tüte Grenzen, bitte

Stattdessen entwickelt er sich zu einem Volkssport. Früher war alles besser, da sagte man im Westen zu Meckerern: „Geh doch nach drüben“, damals gab es noch die Mauer. Heute ist es komplizierter, uns fehlen Bezugsgrößen; vielleicht bauen wir deshalb in Berlin wieder ein Schloss auf und lassen manche davon träumen, um Deutschland einen großen Zaun zu ziehen, wegen des „Einfalls der Barbaren“ und so.

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Womöglich ist der Wandertalk auch eine Reaktion auf Kritik. Die mögen wir nicht, und das führt mich zu Beispiel Nummer Drei. Da beschwerte sich jemand über das Schulsystem in Deutschland. Das ist normal, eigentlich meckern alle Eltern über die Unart, wie hierzulande den Kindern Bildung eingebimst wird. In diesem Fall machte es indes den Unterschied, das Beschwerdeführerin Nummer Eins keine deutsche Staatsangehörigkeit besaß, Beschwerdeführerin Nummer Zwei schon. Irgendwann war es gut, man lässt sich ungern den eigenen Garten verunreinigen, dachte wohl letztere, und beschied: „Dann kannst du ja in ein anderes Land gehen.“ Also, wenn es ihr hier nicht passt. Ein wirklicher Lösungsweg für Bildungsprobleme sieht anders aus, aber es ging eher darum Grenzen aufzuzeigen – bis hierhin und nicht weiter!

Nun leben wir aber in einer Welt, die schon im Mittelalter globalisiert war, von uns Germanen in der Spätantike ganz zu schweigen. Der Mensch braucht Grenzen, ja. Schon allein in der Erkenntnis, was man nicht ist (zum Beispiel weder ein Stuhl noch ein Tisch), lernt man über sich. Aber mit den Grenzen übertreiben wir, wir ignorieren die Realitäten in Deutschland und anderswo. Sind wir dadurch heimatlos geworden? Im Gegenteil! Wir schauen nur weniger genau hin.