Warum die Gehälter weiter auseinander driften

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Warum die Gehälter weiter auseinander driften

Digitale Fachkräfte werden in Zukunft immer besser bezahlt, Geringqualifizierte immer schlechter – das zeigt eine aktuelle Studie der Personalberatung Hays. Was Unternehmen dagegen tun können.


Deutschland boomt, die Beschäftigung ist auf Rekordniveau. Nicht nur im europäischen Vergleich, sondern auch weltweit präsentiert sich Deutschland stark. Das zeigt eine neue Studie über die Arbeitsmärkte in 33 Ländern, die die britische Personalberatung Hays erstellt hat. Deutschland wird darin ein gutes Bildungsniveau und hohe Beschäftigungsquote attestiert. Im globalen Ranking liegt das Land auf Platz vier - hinter Schweden, Dänemark und Luxemburg, aber vor den Vereinigten Staaten oder Frankreich.

Doch die Analyse, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, liefert ebenso ein Warnsignal: Der Fachkräftemangel setzt Deutschland mehr und mehr zu. Die Firmen sind nicht in der Lage, hoch qualifiziertes Personal im benötigten Maße zu finden, heißt es in dem Hays-Report. Die Nachfrage vor allem nach Digitalexperten steige seit mehreren Jahren rasant, die Erneuerung des Ausbildungssystems halte damit aber nicht Schritt. Der Engpass werde sich in den kommenden Jahren noch verstärken, prognostiziert Hays.

Für die begehrten Digitalexperte ist dies erstmal eine gute Nachricht: Sie können sich die Jobs aussuchen und gute Gehälter fordern. Der Lohndruck im oberen Segment des deutschen Arbeitsmarktes ist anhaltend hoch, und die Gehälter werden weiter steigen.


Hays registriert eine Spreizung auf dem Arbeitsmarkt: „Geringqualifizierte werden immer schlechter, Hochqualifizierte immer besser bezahlt“, sagt Dirk Hahn, Vorstandsmitglied der deutschen Hays-Tochtergesellschaft. Soft- und Hardwareentwickler, IT-Berater, Projektmanager sowie Business-Analysten sind besonders gefragt.

Hahn rät Unternehmen zum Wandel, um mit dem Personalengpass besser klar zu kommen. Viele reagieren bereits mit mehr Projektarbeit, für die sie freie Mitarbeiter etwa für die Digitalisierung engagieren, heißt es in der Studie. Die Zahl der Freiberufler unter den Hochqualifizierten steigt.


Doch vor allem bei der Rekrutierung im Ausland versagen viele. Unternehmen müssten erst einmal eine entsprechende internationale Kultur aufbauen, um attraktiv für ausländische Fachkräfte zu sein, sagt Hahn. Konkret bedeutet das, sie müssen gleichwertige Studienabschlüsse aus dem Ausland anerkennen und ihre internationalen Standorte enger zusammenarbeiten lassen. 

Personalberater beobachten, dass gerade der vom Fachkräftemangel besonders stark bedrohte Mittelstand mitunter zu provinziell ist und sich nicht genug um neue Mitarbeiter aus dem Ausland bemüht. Das fängt bei der Firmensprache an: In fast allen größeren Unternehmen sind die Projekte global, dennoch wird hauptsächlich Deutsch gesprochen. Dort, wo Englisch Pflicht ist, funktioniert das internationale Recruiting besser – beispielsweise in der Healthcare-Branche.


Aus Sicht Hahns machen viele Unternehmen den Fehler, in Stellenanzeigen die eierlegende Wollmilchsau zu suchen. Sie wollen Experten mit IT-Kenntnissen, aber Marketing und Vertrieb sollen ebenfalls beherrscht werden. „Solche Spezialisten gibt es nicht“, sagt der Hays-Vorstand. Die Herausforderung für die Firmen liege vielmehr darin, die richtigen Fachexperten im Team zusammenzuführen - also dass etwa der Marketingexperte eng mit dem Datenanalysten zusammenarbeitet. 

Von den Beschäftigten selbst wiederum seien im Zeitalter der Digitalisierung neue Qualifikationen gefragt. Allen voran Offenheit: „Es müssen nicht plötzlich alle Beschäftigten IT studieren, damit sie fit für die Digitalisierung sind“, glaubt Hahn. Viel wichtiger sei es, sich ungeachtet von Position und Fachbereich, stets auf neue Technologien einzulassen und zu lernen damit umzugehen.