Geglückter Neuanfang

Das neue deutsche Wachstumssegment Scale hat sich in den vergangenen Monaten besser entwickelt als der Leitindex Dax. Die Deutsche Börse rechnet mit weiteren Zugängen – und hat keine Angst vor Konkurrenz aus Frankreich.


Ulrich Weitz ist zufrieden. Der Vorstandschef des Industriedienstleisters IBU-tec hat im März als erstes Unternehmen einen Börsengang im neuen Wachstumssegment Scale gewagt. Und das hat sich bisher ausgezahlt. „Wir sind komfortabel ins Segment reingekommen“, sagt Weitz. Das Unternehmen aus Weimar, das chemische Stoffe verarbeitet, hat bei dem Gang aufs Parkett wie angepeilt Geld für weiteres Wachstum eingesammelt. Und auch die Investoren können sich bisher freuen. Der Kurs von IBU-tec ist seit der Premiere Ende März um gut ein Fünftel auf rund 21 Euro gestiegen.

Auch die Deutsche Börse ist mit der Entwicklung ihres neuen Segments zufrieden. Die Handelsvolumina der in Scale gelisteten Unternehmen haben sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 827 Millionen Euro auf rund 1,84 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Der Scale All Share Index, der alle Unternehmen im Segment abbildet, ist um 28 Prozent gestiegen. Damit hat er besser abgeschnitten als die bekannteren Auswahlindizes Dax, MDax und SDax. „Das ist ein schönes Zeichen“, sagt Eric Leupold, der zuständige Manager der Deutschen Börse.


Leupold hat den Aufbau von Scale, in dem etablierte Mittelständler und Wachstumsunternehmen notiert sind, maßgeblich vorangetrieben. Im Frühjahr löste Scale den Entry Standard ab, der bei vielen Anlegern keinen guten Ruf genossen hatte. „Wir hatten Investoren, die gesagt haben: Wenn ihr in den Entry Standard geht, beteiligen wir uns nicht“, erzählt Weitz. Die Aufnahme in Scale sei bei den Geldgebern dagegen gut angekommen.

In dem Segment gelistete Unternehmen müssen eine Reihe von Mindestanforderungen erfüllen, etwa beim Umsatz oder der Marktkapitalisierung, und sich von zwei Analysehäusern unter die Lupe nehmen lassen. Auf diese Weise soll eine Skandalserie wie am Neuen Markt verhindert werden. Dieser war 1997 inmitten des Technologie-Booms geschaffen worden, damit Startups rasch an Eigenkapital kamen. Bis 2000 schossen die Kurse vieler Internet- und IT-Firmen in die Höhe. Nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ stürzten sie dann jedoch ins Bodenlose. Viele Unternehmen gingen Pleite, Betrugsfälle landeten vor Gericht. 2003 stellte die Deutsche Börse das Segment ein.

Doch die Wunden von damals scheinen inzwischen verheilt. Auch Investoren begrüßen deshalb, dass die Deutsche Börse mit Scale einen Neuanfang gewagt hat. „Die Performance spricht für sich“, sagt Portfoliomanager Christoph Ohme von der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank. „Das Segment bietet für uns Investoren eine gute Möglichkeit, in junge wachstumsstarke Unternehmen zu investieren.“ Und die Börse will Scale weiterentwickeln: Bis Jahresende erwartet Leupold ein bis zwei weitere Börsengange. Im ersten Quartal 2018 soll zudem ein Scale-Auswahlindex an den Start gehen.


Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch der Konkurrent Euronext seit kurzem in Deutschland um junge Wachstumsfirmen buhlt. Mit Noxxon und Probiodrug hat die europäische Mehrländerbörse bereits deutsche Biotech-Firmen angelockt. Und Anfang kommenden Jahres werde es den nächsten deutschen Börsengang an der Euronext geben, sagte Vorstandschef Stephane Boujnah kürzlich dem Handelsblatt.

Leupold lässt die Attacke aus Frankreich kalt. „Konkurrenz ist nicht schädlich und schreckt uns nicht ab“, sagt der Deutsche-Börse-Manager. Zudem werbe auch die Deutsche Börse um Unternehmen aus dem Ausland. In diesem Jahr habe das Unternehmen deshalb auch schon eine Investorenveranstaltung in Paris gemacht, sagt Leupold. „Wir haben keine Sorge, dass wir da den Markt abgegraben bekommen.“