Gefangen in der Zwickmühle

Der IWF warnt vor neuen Risiken für das Finanzsystem. Dahinter steckt ein Dilemma: Die Welt braucht zwar eine lockere Geldpolitik, um das Wachstum zu stützen. Aber genau diese Politik schürt die Gefahr von Blasen an den Märkten.


Wenn man im neuen Stabilitätsbericht des IWF zum Finanzsystem nach einer guten Nachricht sucht, dann lautet die: Die Banken sind zehn Jahre nach Ausbruch der großen Krise deutlich stabiler als damals. Das heißt aber noch lange nicht, dass dadurch auch das gesamte System sicherer geworden ist. Denn die schlechte Nachricht ist: Die Risiken haben sich lediglich verschoben, weg von den Banken hin zu den Märkten.

Dahinter steckt vor allem die ultralockere Geldpolitik, mit der die großen Notenbanken versucht haben, die Folgen der Finanzkrise abzufedern. Diese Politik sei noch immer notwendig, um die wirtschaftliche Aktivität zu beleben und die Inflation auf ein vernünftiges Niveau zu heben, heißt es im neuen Finanzstabilitätsbericht des IWF. Aber die Liquiditätsschwemme führe auch zu immer höheren Bewertungen an den Kapitalmärkten und treibe die Verschuldung an.


Mit ihrer Warnung stehen die Ökonomen des IWF nicht alleine. Anfang der Woche war es der scheidende Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der vor Verwerfungen durch die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken warnte. Die Zentralbanken hätten Billionen an Dollars in das Finanzsystem gepumpt, weshalb die Gefahr von „neuen Blasen“ wachse. Der Präsident der niederländischen Notenbank, Klas Knot, sieht das ähnlich. Er fürchtet, dass die Investoren die Risiken an den Märkten unterschätzen.


Der IWF sieht nur einen Ausweg aus der Zwickmühle: Die Notenbanken müssen den Rückzug aus der unkonventionellen Geldpolitik so fein austarieren, dass das Wachstum und die Inflation nicht abgewürgt werden, gleichzeitig aber der Aufbau weiterer Risiken außerhalb des Bankensektors vermieden wird.

Doch diese heikle Aufgabe gleicht der Quadratur des Kreises: Nach Einschätzung des IWF hat die Liquiditätsschwemme der Notenbanken „erhebliche Portfolioanpassungen des privaten Sektors erzwungen“. Dadurch seien die Reaktionen der Märkte auf eine striktere Geldpolitik deutlich schwerer vorauszusagen als in der Vergangenheit. Gleichzeitig würde aber eine Verlängerung des geldpolitischen Stimulus zu „weiteren finanziellen Exzessen“ führen.


IWF: Risiken im chinesischen Finanzsystem

Verschärft werden diese Sorgen durch die wachsende Schuldenlast in der Welt. In den Volkswirtschaften der G20-Staatengruppe liege die Verschuldung außerhalb des Finanzsektors inzwischen höher als vor Ausbruch der Finanzkrise, rechnet der IWF vor. Dieser Anstieg habe zwar das Wachstum gestützt, gleichzeitig aber die Anfälligkeit des privaten Sektors gegenüber steigenden Zinsen verstärkt. Sollte es den Notenbanken nicht gelingen, die Balance zwischen Wachstumsförderung und Blasengefahr zu finden, könnte der Anstieg der Verschuldung zusammen mit zu hohen Bewertungen an den Märkten zu einer Vertrauenskrise führen.


Der IWF hat ein Szenario mit stark steigenden Renditen, einem Kursverfall an den Märkten und einem Rückzug der Investoren aus den Schwellenländern durchgerechnet. Ergebnis: Die weltweite Wirtschaftsleistung würde um 1,7 Prozent im Vergleich zum erwarteten Basisszenario schrumpfen, die USA müssten die langsame Verschärfung ihrer Geldpolitik zurückdrehen, und in der Euro-Zone würde sich die Normalisierung weiter hinausschieben.

Besondere Risiken sieht der IWF im chinesischen Finanzsystem, in dem die Bilanzsumme der Banken auf 310 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen ist. 2012 lag dieser Wert noch bei 240 Prozent. Weltweit habe sich die Stabilität des Bankensystems aber verbessert, lobt der IWF. Allerdings mit der wichtigen Einschränkung, dass einige der weltgrößten Banken noch immer nicht genug verdienen und noch immer auf der Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell sind. Nach den Berechnungen des IWF betrifft dieses Problem ein Drittel der als bedeutend für das Weltfinanzsystem eingestuften Geldhäuser mit einer Bilanzsumme von insgesamt 17 Billionen Dollar.

Zu diesen Geldhäusern dürfte auch die Deutsche Bank zählen, deren Einnahmen in diesem Jahr geschrumpft sind. Allerdings hat sich das Frankfurter Geldhaus aus der tiefen Vertrauenskrise, die es im Herbst 2016 überschattet hatte, wieder herausgekämpft. Das erkennt auch der IWF an, zumindest indirekt. 2016 hatte der Finanzmarktexperte des Fonds, Peter Dattels, noch explizit das Geschäftsmodell der Deutschen Bank kritisiert, in diesem Jahr kommt das Institut nur in einer Fußnote vor.