Der gefallene Held von New York

Eric Böhm
Quarterback Eli Manning wurde bei beiden Super-Bowl-Erfolgen zum MVP gewählt

Dieses Ende hat Eli Manning nicht verdient.

Statt mit ihm die Saison durchzuziehen und den verdienten Quarterback dann stilvoll zu verabschieden, degradierten ihn die New York Giants inmitten einer völlig verkorksten Saison - nicht zugunsten des jungen Talents Davis Webb, sondern der beim Rivalen im Big Apple schon kolossal gefloppte Geno Smith ersetzt Manning am Sonntag nach 210 Starts in Folge und 13 Jahren.

Die Krönung der Demütigung: Head Coach Ben McAdoo bot Manning wegen seiner Serie noch an, zu starten und kurz darauf ausgewechselt zu werden. Das lehnte der 36-Jährige natürlich dankend ab.

"Es ist schon hart, aber du startest nicht nur, um eine Serie fortzusetzen. Ich find es natürlich nicht gut, aber ich komme damit klar. Ich bin ein guter Teamkollege", sagte Manning am Dienstag.


Seit Super Bowls gegen Patriots eine Legende

Manning war nie ein Lautsprecher. In New York, wo sich Fans und Medien mit hektischen und überdrehten Überreaktionen zu ihren Sportteams regelmäßig überbieten, war er ein Ruhepol. Die immer mal aufkommende Kritik konterte er mit Leistung.

Aus dem Schatten seines großen Bruders Peyton - einer der besten Quarterbacks aller Zeiten - hatte er sich schon mit dem sensationellen Comeback 2007 gegen die bis dahin perfekten Patriots gespielt.

Spätestens nach dem zweiten Super-Bowl-Triumph über das übermächtige Team aus dem verhassten Boston und deren Megastar Tom Brady war der viermalige Pro Bowler unantastbar und der Held von New York.


Alle Giants völlig überrascht

Umso überraschender nun das überstürzte Ende der Manning-Ära, das selbst die Nachfolger völlig unvorbereitet traf.

"Wenn es einen Mount Rushmore für New Yorker Sportstars gäbe, Eli wäre auf jeden Fall drauf", sagte Webb mit Blick auf die legendären Präsidentenportraits in South Dakota.

Sportlich macht McAdoos Entscheidung ohnehin keinen Sinn. Manning spielt trotz vieler Verletzungsprobleme in der Offense mit nur sieben Interceptions eine ordentliche Saison.


Fadenscheinige Erklärung des Coaches

Zwar gehen die Giants mit neun Pleiten aus elf Spielen nirgendwo hin, aber jetzt Smith bringen? Der Ex-Jet ist sicher nicht die Zukunft der Giants.

"An diesem Punkt liegt es in meiner Verantwortung, Geno und später Davis die Möglichkeit zu geben, um sich für nächstes Jahr zu empfehlen", sagte McAdoo.

Hinter einer nicht NFL-reifen Offensive Line und ohne die verletzten Top-Receiver Odell Beckham Jr. und Brandon Marshall - von so etwas ähnlichem wie einem Laufspiel ganz zu schweigen - kann von einer fairen Chance für Smith aber kaum eine Rede sein. Webb könnte so sogar verbrannt werden.

Mannings Vater nicht überrascht

Nicht nur Elis Vater Archie Manning vermutet - neben einer offensichtlichen Tanking-Strategie, um einen Top-Draftpick zu bekommen - eine Verzweiflungstat von McAdoo und General Manager Jerry Reese, um ihre Jobs zu retten.

"Es ist kein Schock, wenn man sich die Saison anschaut. Als Quarterback über 35 ist alles gut, solange das Team gut ist. Wenn das Team nicht mehr gut ist, wird es eng", sagte der frühere NFL-Spielmacher bei ESPN.

McAdoo, der ob seiner Menschenführung von der New York Post schon als "Offensiv-Roboter" verspottet wurde, hatte schon zu Saisonbeginn versucht, Manning für einen Coaching-Fehler zum Sündenbock zu machen.

Im Spiel gegen die Lions kassierten die Giants beim vierten Versuch vor der Endzone eine Strafe für Spielverzögerung und mussten dann ein Field Goal kicken.

Statt Manning den Spielzug schneller zu übermitteln oder eine Auszeit zu nehmen, sagte McAdoo nach dem Spiel, der Fehler wäre eine "schlampige Quarterback-Aktion" gewesen.


Manning hatte für McAdoo geworben

Manning schluckte die Kröte als der Teamplayer, der er immer war. Dabei hatte er 2015 für McAdoo geworben, obwohl dieser nie zuvor Head Coach war - noch nicht einmal auf High-School-Level.

Die Giants rühmen sich für ihre Klasse und Tradition. Sie spielen immer in den gleichen Trikots, sie haben keine Cheerleader oder Maskottchen.

Ihre Identität haben die "G-Men" jedoch in der chaotischen Saison 2017 verloren. Es ist bittere Ironie, dass das langjährige Gesicht der Giants jetzt dafür büßen muss.