Gebrauchsanweisung für Großprojekte

Große Bau- und Infrastrukturprojekte werden oft teurer als geplant. Stuttgart 21, der Flughafen BER oder die Elbphilharmonie in Hamburg sind prominente Beispiele. Muss das sein? Eine Anleitung für besseres Bauen.


1. Ehrlich sein

Ideen für unterirdische Bahnhöfe wie Stuttgart 21 gab es auch in Frankfurt, München und Leipzig. Warum überlebte ausgerechnet das Projekt im Südwesten der Republik? Weil die Deutsche Bahn das Projekt S21 immer mit der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm verrechnete. Das hat den verkehrlichen Nutzen des Bahnhofs besser aussehen lassen, als er tatsächlich war. Und politisch ließ sich das Projekt so besser verkaufen – obwohl S21 vor allem ein Stadtentwicklungsprojekt ist, das viele Hektar Fläche für Wohnungen, Büros und Shoppingmalls freimacht. Mehr Ehrlichkeit wäre auch bei den Kosten angezeigt gewesen. So haben Politik und Bahn die Inflation für Bauleistungen stets verschwiegen – bis bei jeder aktualisierten Berechnung die Kosten mal wieder explodierten.

2. Risiken bepreisen

Dass es sich bei der Stuttgarter Mauer-Eidechse um einen genetischen Mischling aus einheimischen und italienischen Reptilien handelt, der daher streng geschützt werden muss, konnte kein Bahnexperte vorhersehen. Aber die Bahn hätte den Artenschutz per se als potenzielles Risiko in die Kostenkalkulation aufnehmen müssen. Beim Bau der Olympischen Sportstätten in London etwa wurde jedes theoretische Risiko mit einem Preisschild und einer Eintrittswahrscheinlichkeit versehen. Die Ist-Kosten entsprachen so später den Plankosten. Und es geht noch einfacher. „Man muss nicht jedes einzelne Risiko bepreisen“, sagt Ralf Leinemann, Anwalt und Experte für Bauprojekte. Man könne auch pauschal „mit einem Aufschlag von 30 bis 50 Prozent“ rechnen. Großprojekte würden „immer teurer, weil sich infolge ihrer Komplexität während der Ausführung stets etwas ergibt, das vorher nicht bedacht werden konnte“.




3. Bürger befragen

Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 hat am Ende immerhin aufgezeigt, wie man Streitparteien befriedet. Die Politik befragte nach einem langwierigen und öffentlich ausgetragenen Schlichtungsverfahren das Volk. Das macht das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht unbedingt besser, aber es beruhigt die Gemüter und legitimiert lange Bauphasen. Die Bürger sollten außerdem frühzeitig in die Planungen eingebunden werden. Dazu gehören transparente Informationsveranstaltungen und die Möglichkeit zur Einflussnahme.

4. Streit vorhersehen

Vertragswerke sind eigentlich dazu da, mögliche Streitigkeiten im Vorfeld auszuschalten oder zu regeln. In Stuttgart müssen sich Juristen vertippt haben. Im Finanzierungsvertrag aus dem Jahr 2009 heißt es: Im Fall weiterer Kostensteigerungen „nehmen die Eisenbahninfrastrukturunternehmen und das Land Gespräche auf“. Experten kritisieren die sogenannte Sprechklausel: Sie schließe keinen Streit aus, sondern provoziere ihn, weil sie ihn in die Zukunft verlege. Anwalt Leinemann: „Ergebnisse kann man mit Verweis auf diesen Paragrafen nicht verlangen.“ Verträge sollten besser klare Schlichtungsverfahren beinhalten.




5. Digital planen

Alle reden über Digitalisierung, nur nicht auf dem Bau. „Building Information Modeling“ (BIM), also Planen und Bauen mit 3-D-Software, könnte eine Lösung für Großprojekte sein. BIM werde aber „bisher kaum genutzt“, heißt es in einer Analyse des Bundesverkehrsministeriums. Nun soll ein Leitfaden für Großprojekte 2018 kommen. Lieber spät als nie.