Wie Kim Jong Un vom Geächteten zum gefragten Gesprächspartner wurde

Dass Kim Jong Un als ein Gewinner des Gipfels von Singapur dastehen würde, war bereits klar, bevor das Treffen mit Donald Trump begonnen hatte. Zwölf Stunden vor dem historischen Handschlag mit dem US-Präsidenten brach Nordkoreas Diktator zu einem Sightseeing-Trip durch den Stadtstaat auf: Er besuchte die Parkanlage Gardens by the Bay, spazierte über den Singapore River, betrachtete von der Dachterrasse im 57. Stock des Luxushotels Marina Bay Sands die wohlhabende Metropole von oben.

Dem Mann, der noch vor einem Jahr international geächtet wurde, jubelten Schaulustige zu wie einem Rockstar. Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan machte sogar ein Selfie mit ihm – und lächelte freundlich, so als wäre der Mann im Mao-Anzug ein gewöhnlicher Staatsgast.


Um kurz nach neun Uhr morgens marschierte Kim am vorigen Dienstag auf Trump zu. Vor aufgereihten nordkoreanischen und amerikanischen Flaggen schüttelt er Trump 13 Sekunden lang die Hand. Trump berührt ihn mehrmals am Oberarm. Kim vermeidet es, Körperkontakte zu initiieren, wie es sich in der koreanischen Kultur Älteren gegenüber gehört.

Trump revanchiert sich für den höflichen Auftritt des Nordkoreaners mit überschwänglichem Lob für den – wahrscheinlich – 34 Jahre alten Herrscher. Als sehr intelligenten, talentierten Mann und hervorragenden Verhandler preist er Kim. Nordkoreas Propagandamedien sind am nächsten Tag voll mit den Bildern der Inszenierung.

Während die Abschlusserklärung viel Kritik bekam, weil sie mit Blick auf die atomare Abrüstung nur vage Zusagen enthielt, werteten Beobachter Kims Auftritt als vollen Erfolg für den Nordkoreaner. „Besser hätte es für Kim Jong Un nicht laufen können“, kommentierte Van Jackson, Politologe an der Universität von Wellington. Trump habe ihm dabei geholfen, die gravierenden Menschenrechtsverletzungen seines Regimes zu relativieren.


Angesprochen auf die mehr als 100.000 politischen Gefangenen, die laut UN in Kims Lagern Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgesetzt seien, sagte Trump, dass es auch anderswo ruppig zugehe.

Die Äußerungen wirken wie eine Aufforderung, Nordkoreas Status als Pariastaat zu beenden. Tatsächlich haben wohl bereits mehrere Staatschefs Interesse bekundet, sich ebenfalls mit Kim zu treffen: neben Russlands Präsident Wladimir Putin auch der japanische Premierminister Shinzo Abe.

Abe hofft, dass Kim seinen Worten Taten folgen lassen wird.

„Wir haben beschlossen, die Vergangenheit hinter uns zu lassen. Die Welt wird einen großen Wandel erleben“, versprach Kim während seines Treffens mit Trump. Experten halten es nicht für ausgeschlossen, dass der Herrscher, der in der Schweiz zur Schule ging und 2011 nach dem Tod seines Vaters an die Macht kam, tatsächlich bereit ist, sein Land grundlegend zu ändern.


„Er könnte Nordkorea in die Richtung von weniger repressiven und wohlhabenderen kommunistischen Diktaturen wie China, Vietnam oder Laos lenken“, kommentiert Isaac Stone Fish, Analyst bei der Organisation Asia Society. Er glaube aber, dass es Nordkorea vor allem darum gehen werde, internationale Hilfsgelder zu erlangen.

Trumps überaus optimistischer Auftritt in Singapur dürfte Kims Position in künftigen Verhandlungen weiter stärken. Schließlich betonte der Präsident mehrmals, dass er überzeugt davon sei, dass Kim es mit seinen Abrüstungsversprechen ernst meine.

Er ergänzte, man solle ihn in sechs Monaten an der Aussage messen. Das bringt Kim die Chance, Trump unter Druck zu setzen – indem er mit einer Rückkehr zu den früheren Aggressionen droht und so Trump innenpolitisch schaden könnte.

Doch wie Kim wirklich tickt, ist auch nach dem Gipfel von Singapur schwer zu sagen. Im Gegensatz zu Trump, der sich in einer mehr als einstündigen Pressekonferenz erklärte, waren von Kim nur wenige Worte zu hören.


In Spekulationen über seine Absichten bekommen deshalb die wenigen Menschen, die über persönliche Kontakte mit Kim sprechen können, besondere Aufmerksamkeit. Deshalb ist auch der Basketballspieler Dennis Rodman, der Kim in Pjöngjang besuchte, plötzlich ein Gesprächspartner zu weltpolitischen Fragen.

Rodman hat seine eigene Theorie zu den Plänen des Diktators: Kim sei wie ein großes Kind, das einfach eine gute Zeit haben wolle. „Er möchte nach Amerika kommen, er will sein Leben genießen.“