GB: Mehrheit hält Reaktion der Regierung für zu langsam

Premier Boris Johnson (vorne r) leitet in der 10 Downing Street erstmals eine Kabinettssitzung per Videokonferenz.

Die Mehrzahl der Menschen in Großbritannien denkt, dass Boris Johnsons Regierung in der Corona-Krise nicht schnell genug gehandelt hat. Der Premierminister glaubt hingegen, alles richtig gemacht zu haben. Eine Lockerung der Maßnahmen sieht er aber noch nicht gekommen.

London (dpa) - Zwei Drittel der Briten glauben, dass die Regierung in London mit der Einführung von Kontaktbeschränkungen zu lange gewartet hat. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Mori hervor.

Demnach glauben inzwischen 66 Prozent der Briten, dass die Regierung zu zögerlich war. Bei einer Erhebung vor zwei Wochen hatte der Anteil noch bei 57 Prozent gelegen. Befragt wurden zwischen dem 24. und 27. April etwa 1000 erwachsene Briten.

Premierminister Boris Johnson verteidigte hingegen das Vorgehen der Regierung. «Wir haben das Richtige zur richtigen Zeit getan», sagte der konservative Politiker bei der täglichen Pressekonferenz am Donnerstag. Johnson nahm daran erstmals seit seiner Covid-19-Erkrankung wieder teil. Erst am Montag war er nach einer mehrwöchigen Auszeit in den Regierungssitz in der Londoner Downing Street zurückgekehrt. Das Land habe den Höhepunkt der Pandemie inzwischen überschritten, sagte Johnson. Die Zahlen der Neuinfektionen würden langsam zurückgehen und das zeige sich nun auch bei den Zahlen der Opfer.

Großbritannien ist inzwischen das Land mit den zweitmeisten Todesfällen durch das Coronavirus in Europa. Erst am Mittwoch wurde die Zahl dramatisch nach oben korrigiert, weil bislang die Sterbefälle in Pflegeheimen und Privathaushalten nicht mitgezählt worden waren. Bis Mittwochabend wurden 26.700 Todesfälle durch die Lungenkrankheit Covid-19 registriert. Nur in Italien gab es mehr.

Doch Kritik an der Regierung in London gibt es auch wegen der anfangs geringen Zahl an Tests und dem Mangel an Schutzkleidung für Krankenhausmitarbeiter. Inzwischen erhöhte die Regierung die Kapazitäten erheblich. Überall im Land wurden Test-Zentren eröffnet.

Premierminister Boris Johnson hatte am 23. März die Schließung von Läden beschlossen und die Briten angewiesen, zu Hause zu bleiben. Ausnahmen gelten nur für Sport sowie Einkäufe für den täglichen Bedarf, Arztbesuche und den Weg zur Arbeit, wenn nicht von zu Hause gearbeitet werden kann. Eine baldige Lockerung stellte er am Donnerstag jedoch nicht in Aussicht. Er werde aber in der kommenden Woche einen Plan vorstellen, so Johnson.

Der 55 Jahre alte Regierungschef hatte wegen seiner Infektion mit dem Coronavirus eine Woche in dem Londoner St.-Thomas-Hospital verbracht. Drei Tage lang musste der Tory-Politiker sogar auf der Intensivstation behandelt werden.