Gaspreis in Europa auf Vorkriegsniveau: Speicher bei 83% wegen ungewöhnlich warmem Winter

Zu Beginn des neuen Jahres haben die Gaspreise in Europa Vorkriegsniveau erreicht. Die ungewöhnlich warmen Temperaturen haben die Verbrauchernachfrage gedämpft, die unterirdische Gasspeicher mussten kaum angezapft werden.

Der Handel an der niederländischen Title Transfer Facility (TTF), dem wichtigsten europäischen Handelsplatz, schloss am Mittwoch bei 65 € pro Megawattstunde (MWh) für Lieferungen im Februar.

Das letzte Mal, dass die Gaspreise an der TTF unter die Schwelle von 70 €/MWh fielen, war am 16. Februar, acht Tage vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, als sie 69,5 €/MWh erreichten.

Seit Beginn des Krieges hat die TTF ein extremes Auf und Ab erlebt, das Ende August in einem Allzeithoch von 342 € für die MWh gipfelte. Nach diesem Höchststand haben sich die Gaspreise langsam aber stetig stabilisiert, auch wenn sie nach wie vor außergewöhnlich hoch sind.

Der Abwärtstrend bietet eine Atempause für die europäischen Haushalte und Unternehmen, die seit Monaten mit schwankenden und schwer kalkulierbaren Energierechnungen zu kämpfen haben.

Rekordwarmer Winter dämpft Nachfrage

2023 herrschen rekordverdächtige Wintertemperaturen auf dem gesamten Kontinent, ein Phänomen, das laut Experten in das allgemeine Muster des vom Menschen verursachten Klimawandels passt.

Deutschland, Polen, Ungarn, Dänemark, die Niederlande, Frankreich und die Schweiz gehören zu den Ländern, mit außergewöhnlich mildem Wetter, das einige Skigebiete sogar zur Schließung gezwungen hat.

Die Einwohner von San Sebastián in Nordspanien konnten diese Woche am Strand Sonnenbaden, während in der Tschechischen Republik 19 Grad Celsius gemessen wurden.

Gasspeicher zu 83 % voll

Die unterirdischen Gasspeicher in der Europäischen Union, die die steigende Nachfrage im Winter decken sollen, sind derzeit zu 83 % ausgelastet.

"Das ist eine ziemlich gute Situation für diese Jahreszeit", so ein Sprecher der Europäischen Kommission.

"Aufgrund des milden Wetters, das wir erlebt haben, war die Nachfrage geringer als in den Vorjahren. Und die Lagerbestände sind auf einem hohen Niveau geblieben. Ich denke, das hat sich beruhigend auf den Markt ausgewirkt, die Volatilität verringert und die Preise gesenkt."

Trotz niedriger Preise zahlen Verbrauer viermal so viel wie vor einem Jahr

Trotz der Atempause wird Gas aber weiter zu ungewöhnlich hohen Preisen abgerechnet.

Im Januar 2021 zahlten die Europäer über 17 Euro pro MWh für ihre Gaslieferungen, fast viermal weniger als am Mittwoch.

Die Kommission warnt, dass die hohen Energiepreise zum Quasi-Standard der europäischen - und globalen Wirtschaft geworden seien - wegen eines anhaltenden Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage. Verzerrt wurde die Preisbildung erst durch die steigende Nachfrage bei Ende der COVID-19 Beschränkungen und dann verschärft durch Russlands Krieg in der Ukraine.

Diese neue Normalität hat die Kommission und die EU-Mitgliedstaaten dazu veranlasst, Energieeinsparungen als das wirksamste Instrument zur Kontrolle der Preisspirale zu fördern.

Die EU hat beispiellose Pläne zur Senkung des Gas- und Stromverbrauchs aufgestellt, um Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, und eine hart erkämpfte Obergrenze für die Gaspreise eingeführt, die erst dann in Kraft tritt, wenn der TTF an drei aufeinanderfolgenden Arbeitstagen 180 MWh überschreitet.

"Nachfragereduzierung ist hier der Schlüssel", sagt Simone Tagliapietra, Senior Fellow bei Bruegel, einer Brüsseler Denkfabrik, gegenüber Euronews.

Tagliapietra begrüßte den jüngsten Rückgang der Gaspreise, betonte aber, dass Europa "keinen Raum für Selbstzufriedenheit" haben sollte, da ein Kälteeinbruch über Nacht kommen und die Preise wieder in die Höhe treiben könnte.

"Es geht um die Temperaturen", sagt der Analyst. "Und darum, dass die Speicher nicht genutzt, sondern wieder aufgefüllt werden."