Gareth Southgate: Englands Jürgen Klinsmann

England hat nach Jahrzehnten wieder eine Nationalmannschaft, die tatsächlich wettbewerbsfähig ist und in Russland nach dem Titel greifen kann. Der Baumeister der neuen Three Lions ist Gareth Southgate, der von der Notlösung längst zu Everybody’s Darling mutiert ist und wie ein englischer Jürgen Klinsmann wirkt.

Der Meister und sein Adjutant: Gareth Southgate (r.) mit Kapitän Harry Kane

Verrückt ist das ja alles schon: Deutschland fliegt bei einer Weltmeisterschaft schon in der Gruppenphase raus, die Italien erst gar nicht erreicht hat und in der K.o.-Runde gewinnt England auch noch ein Elfmeterschießen. Die Fußballwelt scheint komplett aus den Fugen. Am Ende ist es aber, gerade im Fall der englischen Nationalmannschaft, keine göttliche Fügung oder eine nette Laune des Zufalls. Der Erfolg der Three Lions ist nichts anderes als das Ergebnis harter, sehr akribischer Arbeit gepaart mit Leidenschaft und dem nötigen Hunger.

England hat so viele vermeintliche “Goldene Generationen” verschlissen wie keine andere Nation. Jahrzehntelang galten englische Teams als Favoriten oder zumindest Geheimfavoriten und versagten dann am Ende teilweise kläglich. Undiszipliniertheiten waren keine Ausnahmen, sondern die Regel. Beckhams Tritt gegen Simeone, Rooneys Tritt gegen Ronaldo.

Pleiten, Pech und Pannen

Die Geschichten der WAGs, der Wives and Girlfriends, überschatteten ganze Turniere. Die Yellow Press tat mit ihrer zweifelhaften Berichterstattung ihr Übriges. Die Revolverblätter weideten jede Nichtigkeit aus, schürten Emotionen und Befindlichkeiten und brachten nicht selten die Fans zu Hause gegen die Mannschaft in der Fremde auf.

Trainer kamen und mussten schnell wieder gehen, zuletzt stolperte Big Sam Allardyce nach nur wenigen Wochen über einen Enthüllungsskandal. Turniere wurden verpasst oder früh wieder verlassen. Es war ein Fluch, der die Three Lions treu begleitete. Bis dem britischen Verband FA eine kühne Idee kam.

Ein völlig neuer Stil

Gareth Southgate sollte die wichtigste Mannschaft des Landes anleiten. Der war zuvor Trainer bei Middlesbrough und trainierte dann die englische U21. Southgate war nach den vielen alten Haudegen zuvor auf der Kommandobrücke ein fast unbeschriebenes Blatt, eine Art Tabubruch in einem Verband, der viel zu lange in seinem eigenen Saft schmorte und gegen die allgegenwärtige Premier League keine Chance hatte sich durchzusetzen.

Southgate räumte zuerst im Umfeld der Mannschaft auf. Änderte die Gepflogenheiten bei Promotion- und Presseterminen, schritt den schmalen Grat zwischen nötiger Lockerheit und fahrlässigem Leichtsinn gewandt. Die Medien sind jetzt nicht die besten Freunde der Spieler oder protegieren sie, aber ein gewisser gegenseitiger Respekt hat Einzug gehalten. Und das ist schon jede Menge wert in einem Land, in dem der Boulevard bisher noch immer bestimmt hat, wo es lang geht.

Southgate wandte sich ab vom Blood-sweat-and-tears-Fußball, der heroisch sein sollte und am Ende doch nur spielerische Mängel kaschierte. Er holte die neue Generation Spieler ins Boot, trennte sich von den Alt-Stars, die schon längst zu Altlasten geworden waren und verordnete seiner Mannschaft einen Fußball, der so unbritisch und frisch ist, wie man es sich vorher hätte nicht erträumen können.

Wie der englische Klinsi

England setzt mittlerweile tatsächlich auch auf wissenschaftliche Hilfsmittel, arbeitet mit Psychologen und Schlafforschern. Früher hätten sie einen Trainer, der auf solchen Firlefanz vertraut hätte, sofort zum Abschuss freigegeben. Aber Southgate hat die Fans ebenso bekehrt wie große Teile der Presse, die an seinen Lippen hängen, als predige er das Wort Gottes.

Mit seiner eloquenten Art, seinem Stil und auch seinem Style hat er sich den Weg geebnet und mittlerweile einen Status erreicht, der ihm fast völlig freie Hand gewährt. Die Mannschaft vertraut Southgate blind, die vielen jungen Spieler mögen die flache Hierarchie in einer Mannschaft ohne Superstars. Southgate erfindet dabei den Fußball nicht neu, im Grunde ist er ein schamloser Raubkopierer. Von Pep Guardiola hat er sich Dinge abgeschaut, von Jose Mourinho und auch von Joachim Löw. Von den Besten lernen heißt siegen lernen. Und dass die Kopie (England) nun besser ist als das Original (Deutschland), bestätigt den Weg, den die Three Lions beschreiten.

Noch ist nichts gewonnen, der Viertelfinalgegner Schweden erscheint aber machbar und das erste Halbfinale nach 28 Jahren zum Greifen nahe. Und selbst wenn nicht: Mit Gareth Southgate hat England seinen ganz persönlichen Jürgen Klinsmann. Einen Projektleiter, der einen darbenden Verband wachgeküsst und womöglich auf Jahre hinaus wieder konkurrenzfähig gemacht hat. Das ist die eigentliche Leistung.