"Die ganze Liga wusste Bescheid": Sport-Doku über den Hass gegen Dietmar Hopp

Julian Weinberger
·Lesedauer: 4 Min.
Die Reizfigur: Während Dietmar Hopp vielerorts für sein Engagement geachtet wird, steht er für diverse Ultra-Gruppierungen stellvertretend für die Kommerzialisierung des Fußballs.  (Bild: 2020 Getty Images/Alex Grimm)
Die Reizfigur: Während Dietmar Hopp vielerorts für sein Engagement geachtet wird, steht er für diverse Ultra-Gruppierungen stellvertretend für die Kommerzialisierung des Fußballs. (Bild: 2020 Getty Images/Alex Grimm)

Ein Vereinsfunktionär im Fadenkreuz: Dietmar Hopp wird seit Jahren von Ultras angefeindet. Eine sehenswerte ZDF-Doku offenbarte nun, was hinter dem Konflikt steckt - und dass auch der DFB eine gewichtige Rolle spielt.

Die Fußballer des FC Bayern München und von der TSG Hoffenheim standen rund um den Mittelkreis zusammen, passten sich locker die Bälle zu, manche Spieler unterhielten sich mit ihren Gegnern. Was auf den ersten Blick wirkte, wie das Aufwärmen zweier Mannschaften vor einem Benefizspiel, war in Wirklichkeit der größte Eklat in der jüngeren Geschichte des deutschen Fußballs. Mehrmals hatten an diesem 29. Februar 2020 in der Arena in Sinsheim Münchner Ultras diffamierende Banner hochgehalten, die TSG-Mäzen Dietmar Hopp aufs Übelste beleidigten und das Spiel an den Rande eines Abbruchs brachten.

Was damals wirklich passiert ist und woher der Hass gegen Hopp rührt, versuchte am Samstagabend die Sportdokumentation "Der Prozess: Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde" im ZDF herauszuarbeiten. Und eins wurde im Film von Jochen Breyer und Jürn Kruse schnell klar: Es geht dabei um viel mehr, als den vermeintlich offensichtlichen Konflikt zwischen Ultragruppierungen der Bundesligavereine und Dietmar Hopp - die Fußballtraditionalisten auf der einen, das vermeintliche Gesicht der Kommerzialisierung des Fußballs auf der anderen Seite. Das, was Karl-Heinz Rummenigge im Anschluss "das hässliche Gesicht des Fußballs" nannte, involviert ebenso den DFB - und geht deutlich weiter zurück als nur bis zum Februar 2020.

Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp wird seit dem Bundesliga-Aufstieg seiner Mannschaft 2008 immer wieder mit Hassplakaten diffamiert - wie hier bei der Zweitliga-Partie Hannover 96 gegen Holstein Kiel im März 2020. (Bild: 2020 Getty Images/Cathrin Mueller)
Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp wird seit dem Bundesliga-Aufstieg seiner Mannschaft 2008 immer wieder mit Hassplakaten diffamiert - wie hier bei der Zweitliga-Partie Hannover 96 gegen Holstein Kiel im März 2020. (Bild: 2020 Getty Images/Cathrin Mueller)

"Da hat man in Hoffenheim die Büchse der Pandora geöffnet"

Bereits 2008 hatten die Anfeindungen gegen Dietmar Hopp beim Aufeinandertreffen seines Vereins mit Borussia Dortmund ihren Anfang genommen, als ihn BVB-Fans auf einem Banner wortwörtlich ins Fadenkreuz genommen hatten. "Diese Jugendkultur hat gelernt: Wir werden nur gehört, wenn wir Grenzen überschreiten", versuchte der langjährige BVB-Ultra Jan-Henrik Gruszecki, heute Berater von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, in der Doku zu erläutern.

Ähnlich argumentierten Angehörige der Münchner Ultras, die sich im Film erstmals vor der Kamera zu den Vorfällen im Februar 2020 äußerten. "Wenn wir sachlich die ganze Thematik beschrieben hätten, hätten wir niemals im Leben Gehör gefunden", verteidigte Simon M. das Vorgehen. Rechtfertigt das, Hopp öffentlich an den Pranger zu stellen und zu beleidigen? Es gebe eben "verschiedene Seiten der Emotionalität", so der Ultra ausweichend.

Hopp, der zuvor bereits jahrelang Diffamierungen ausgesetzt war, hatte 2017 begonnen, juristisch gegen Schmähgesänge und -plakate vorzugehen - ein "Dammbruch", wie es Gruszecki in der Doku nannte: "Da hat man in Hoffenheim die Büchse der Pandora geöffnet." Es folgten reihenweise Anzeigen, Prozesse wurden geführt, Fans verurteilt. "Hätte es die Strafanträge nicht gegeben, wäre diese Kette nicht ins Rollen gekommen", behauptete Anwalt Stefan Witte, der Ultras verteidigt.

Die Beleidigungen hörten nicht auf, schaukelten sich hoch und bewogen den DFB, eine Kollektivstrafe gegen BVB-Fans auszusprechen - und das, obwohl der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel 2017 derlei Kollektivverurteilungen noch ausgeschlossen hatte. Er habe das auch aus Kalkül getan, um bei der Bewerbung für die EM 2024 im eigenen Land eine friedliche Fanszene präsentieren zu können, räumte Grindel gegenüber Jochen Breyer ein. Drei Jahre später flog Grindel das eigene Versprechen um die Ohren.

Uli Hoeneß ist sich in der Causa Hopp sicher: "Hier gibt es nur ein Opfer und eine Gruppe, die schuldig ist - sonst nichts." (Bild: 2020 Getty Images/Alexander Hassenstein)
Uli Hoeneß ist sich in der Causa Hopp sicher: "Hier gibt es nur ein Opfer und eine Gruppe, die schuldig ist - sonst nichts." (Bild: 2020 Getty Images/Alexander Hassenstein)

Vielschichtige Aufarbeitung statt einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung

Am 29. Februar entlud sich der Konflikt zwischen Ultras und DFB mit Dietmar Hopp im Zentrum - und das nicht wirklich überraschend. "Es gab vorher Hinweise, dass in der Bundesliga etwas passiert gegen Dietmar Hopp", erinnerte sich Reporter Kai Dittmann. Bayern-Ultra Simon ging in der Doku sogar noch weiter. "Ich denke, die ganze Liga wusste Bescheid."

Doch wie konnte Dietmar Hopp - der laut Uli Hoeneß sozialste Mensch, den er kenne - überhaupt zu einer solchen Hassfigur werden? Diese Frage vermochte die 45-minütige ZDF-Doku in der Kürze der Zeit nicht in Gänze zu beantworten. Dafür ist die Materie zu komplex, das Problem zu vielschichtig, eben keine Schwarz-Weiß-Zeichnung, wie sie Hoeneß in gewohnt polterhafter Manier in der Doku beschrieb: "Er hat überhaupt nichts Illegales gemacht." Und weiter: "Hier gibt es nur ein Opfer und eine Gruppe, die schuldig ist - sonst nichts."

Das große Verdienst der Sendung ist es, einer solchen Vereinfachung vorzubeugen. Stattdessen skizziert die Doku die verschiedenen Dimensionen des Konflikts, lässt Ultras, Funktionäre, Anwälte und Klubvertreter zu Wort kommen. Nur eines ist schade: Dietmar Hopp konnten die Macher nicht zur Mitarbeit bewegen.

Am 29. Februar 2020 wurde Dietmar Hopp (links) im Spiel gegen den FC Bayern München mit Transparenten aufs Übelste beleidigt. Karl-Heinz Rummenigge sprach anschließend vom "hässlichen Gesicht des Fußballs". (Bild: 2020 Getty Images/Matthias Hangst)
Am 29. Februar 2020 wurde Dietmar Hopp (links) im Spiel gegen den FC Bayern München mit Transparenten aufs Übelste beleidigt. Karl-Heinz Rummenigge sprach anschließend vom "hässlichen Gesicht des Fußballs". (Bild: 2020 Getty Images/Matthias Hangst)