Ganze Landstriche verlieren junge Menschen

Die Abwanderung der Jungen lässt ländliche Regionen veröden und führt zu Wohnungsnot in den Zentren. Eine Studie macht der Politik schwere Vorwürfe.


Eine noch unveröffentlichte Studie für die Wohnungswirtschaft beschreibt den Trend, den eine Jamaika-Koalition nach den Worten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Kernthema erhebt. Sie will „gleichwertige Lebensverhältnisse“.

Das Empirica-Institut hat für den Verband der Wohnungswirtschaft, GdW, und die Bundesstiftung Baukultur die Spaltung  ergründet. Die Regionalforscher kommen in der Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, zum Schluss, dass Bundespolitiker sich mehr mit dem Ausbluten von Kleinstädten und Dörfern beschäftigen müssen.

Oft würden sie mit Mietpreisbremse oder dem Wohnungsbau in Großstädten nur den Folgen nachhinken.  Bisher laufe vieles falsch: „Wenn der Bund hilft, Berlin billiger zu machen, ist das Umverteilung auf Kosten anderer Regionen“, sagt Studienleiter Harald Simons. Dann zahlten Abwanderungsgebiete für ihr Ausbluten mit. „Es drohen ganze Landstriche zu veröden“, heißt es.



Die Studie beschreibt: „Die Abwanderung insbesondere junger Menschen betrifft praktisch flächendeckend die ländlichen Räume Deutschlands und ist kein ostdeutsches Thema mehr.“ Insgesamt hätten etwa die Hälfte der 402 Landkreise und kreisfreien Städte zwischen 2010 und 2014 junge Menschen durch Abwanderung verloren. Die Jungen treibe nicht Armut oder Jobmangel. Die Arbeitslosigkeit ist in den Großstädten sogar höher. Niedrigere Löhne in der Provinz werden durch geringere Alltagskosten mehr als ausglichen. Doch Junge seien auf dem Land bereits Minderheit. „Die Grunderfahrung dieser Geburtsjahrgänge ist, dass sie wenige sind, dass sie zu wenige sind, um eine Stadt zu prägen“, heißt es. Kneipen und Kinos machten dicht, Freunde seien fort.




Gegenmittel zu finden, ist mühsam. Empirica gibt die Faustformel vor: „Stärken stärken.“ Es bringe nichts, allen Orten etwas zu geben, das bedeute nur „Nivellierung auf niedrigem Niveau“. Doch es gebe durchaus kleinere Städte, die sich behaupteten und noch Zuzügler anlockten. Solche „Ankerstädte“ mit schönem Kern und geringem Ladenleerstand müssten gefördert werden. Das Urteil von Empirica: „Nur etwa vier von zehn Städten in schrumpfenden Regionen wachsen, weniger als zwei von zehn wachsen überdurchschnittlich.“ Die gelte es zu unterstützen.

Ein Baukindergeld des Bundes finden die Forscher für ländliche Gegenden gut – wenn es gezielt eingesetzt wird. Nur der Hausbau in Baulücken oder das Sanieren alter Häuser dürfe dort gefördert werden, sagt Simons. Die Subvention könne helfen, die Jungen zu halten. Empirica plädiert zudem für weniger Bürokratie. So könne etwa der in Städten vom Taxigewerbe bekämpfte Fahrdienst Uber auf dem Land hilfreich sein. Gewerbetreibende sollten leichter regionale Produkte vermarkten können.