Die ganze Autobranche interessiert sich für einen Tüftler aus Schwaben


Aichelau ist ein kleiner Weiler oben auf der Schwäbischen Alb mit ein paar Hundert Einwohnern. Nach Reutlingen sind es schon 25 Kilometer, nach Stuttgart ist es noch weiter.

Seit einigen Monaten ist der Ort in das Interesse großer Konzerne gerückt. Ein Post-Vorstand war schon da, häufiger kündigt sich Besuch aus der Autoindustrie an.

Das Interesse gilt weniger dem kleinen Dorf als vielmehr der dort ansässigen Paravan GmbH. Unternehmensgründer Roland Arnold hat etwas zu bieten, was in den nächsten Jahren große Bedeutung für das autonome Fahren bekommen könnte: Ein elektronisches Lenksystem, das ganz ohne Lenkrad und Lenkstange auskommt.

Paravan-Chef Arnold hat sich jetzt einen Partner ausgesucht, mit dem er seine Technik weiterentwickeln will. Der fränkische Zulieferkonzern Schaeffler ist für den 52-Jährigen der Wunschpartner geworden, am Montag haben beide Unternehmen ihre Kooperation verkündet. Ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem Schaeffler 90 Prozent hält, soll die Paravan-Technik für den Einsatz beim autonomen Fahren vorantreiben.


Dabei ist es eher ein Zufall, dass das Unternehmen Paravan mit gerade einmal 180 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von knapp 30 Millionen Euro auf einmal so interessant für die Autoindustrie geworden ist. Als Roland Arnold vor gut zehn Jahren seine eigene Firma gründete, hatte er etwas anderes im Sinn.

Der Firmenname verrät, worum es eigentlich geht. „Para-Van“ baut Autos so um, dass auch Behinderte im eigenen Wagen unterwegs sein können. Die Schlüsseltechnik ist einfach erklärt: Die Autos von Arnold brauchen weder Lenkrad noch Lenkstange. Sie werden über einen Joystick und elektronische Verbindungen gesteuert und nicht mechanisch über die Lenkstange. Bremse und Gas werden ebenfalls darüber gesteuert.

Weltweite Straßenzulassung

Das ist allerdings nicht alles. Die „Space Drive“-Technologie, so hat sie Arnold getauft, bietet ein hohes Maß an Sicherheit. Die Technik ist dreifach redundant ausgelegt, das Grundsystem darf also mehrfach ausfallen und ist dann immer noch steuerbar.

Der Clou für Schaeffler: Arnold besitzt für seine Behindertenfahrzeuge weltweite Straßenzulassungen. Paravan hat etwa 7000 behindertengerechte Fahrzeuge verkauft, die 500 Millionen Straßenkilometer hinter sich haben. „Unfallfrei“, wird bei Schaeffler betont. „Die ganze Sache wird uns um Jahre beschleunigen, das steht außer Frage“, ergänzt Automotive-Vorstand Matthias Zink im Gespräch mit dem Handelsblatt.


Autonom fahrende Autos werden keine mechanische Lenkung mehr besitzen, sondern werden ausschließlich elektronisch gelenkt. Arnold hat also etwas im Angebot, was viele Autohersteller gerne hätten.

Sowohl Schaeffler als auch Paravan schweigen darüber, was der Zulieferkonzern für die auch „Drive-by-wire“ genannte Technik bezahlt hat. Schaeffler hatte zuvor angekündigt, sich mit Akquisitionen zwischen 100 und 500 Millionen Euro verstärken zu wollen. Paravan dürfte sich in dieser Größenordnung bewegen.

Dass sich Arnold für Schaeffler entschied, begründet er mit der Firmenkultur: „Beide haben das Selbstverständnis von Familienunternehmen.“