Ganz der Alte

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Ganz der Alte

Der Plagiator ist zurück in seinem Wahlkreis: In Diensten des CSU-Wahlkampfes erobert Karl-Theodor zu Guttenberg eine kleine politische Bühne. Wenn das ein Test für Größeres war, ist er geglückt.


Am Anfang steht erst einmal eine Entschuldigung: Es tue ihm leid, beteuert Oberbürgermeister Henry Schramm, dass die Stadthalle nicht größer sei. „Wir können nicht alle hier reinbringen.“ Die Übrigen müssten leider mit der Leinwand im Foyer Vorlieb nehmen. Stolz blickt der CSU-Mann in den proppenvollen Saal, auch wenn er weiß, dass das Interesse einem anderen gilt: dem „lieben Ka Te“, wie Schramm den Gast begrüßt, dem er kurz darauf die Bühne überlässt.

Gemeint ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Der in Deutschland in Ungnade gefallene und in die USA ausgewanderte Polit-Superstar erweist der CSU in Wahlkampfzeiten die Ehre. Von einer Rückkehr in die Politik will keiner laut sprechen, aber er taucht nun wieder öfter im Umfeld seiner Partei auf, etwa am vorigen Samstag beim 60. Geburtstag von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt.

Im Wahlkampf ist nun von sieben Auftritten die Rede, das oberfränkische Kulmbach machte am Mittwochabend den Auftakt: Hier ist die Familie zu Hause, hier wurde der Baron 2002 erstmals direkt in den Bundestag gewählt und startete seine rasante politische Karriere.


Seine Anhänger zeigen deutlich, dass die Plagiatsaffäre um Guttenbergs Dissertation, im Zuge derer er seinen Doktortitel verlor und schließlich im März 2011 von allen politischen Ämtern zurücktrat, für sie kein Thema mehr ist. Auch, dass er mit Frau Stephanie und den beiden Töchtern vor Jahren in die USA gezogen ist, tut der Liebe keinen Abbruch: Euphorisch und mit lautem Applaus begrüßen sie den 45-Jährigen, erst nach einer Minute auf der Bühne kann er einen Satz vollenden, den man auch versteht.


Der einstige Bundesminister stellt dann ziemlich schnell klar: Er habe aus seinem „selbst verursachten Versagen“ gelernt, sei „auch dankbar für manchen Spott und Häme, auch da nimmt man viel mit“, aber er habe alle „Konsequenzen gezogen und ertragen“ und könne daher „zumindest für mich sagen: Jetzt ist auch mal gut“. Es soll also nicht mehr ums Entschuldigen gehen, lieber will Guttenberg die Leute im Saal mitnehmen auf einen Streifzug „durch die Welt, die in den letzten Jahren in eine bedenkliche Unordnung geraten ist“.


Nun ist das einerseits ein eleganter Zug, mögliche konfliktreiche, eventuell von CSU-Ministern oder gar Horst Seehofer zu verantwortende Probleme zu umschiffen. Gleichzeitig klingt es unabhängiger, weltmännischer, als das, was normalerweise von CSU-Politikern zu hören ist. Es dürften auch nur wenige im Saal wissen, dass solch ein Streifzug durch die Außenpolitik Guttenbergs Standardrepertoire ist.

Der 45-Jährige spricht dann frei, gibt sich humorvoll, hat auch gleich die Lacher auf seiner Seite: Er turne hier mal lieber vorne auf der Bühne herum, stehe nicht hinterm Rednerpult, „weil ich sonst Gefahr gelaufen wäre, eine abgeschriebene Rede zu halten“.



Stammt dieser Gag von ihm?


Aus dem Streifzug wird dann eher ein wilder Galopp durchs Weltgeschehen, bei dem nicht jeder mitkommt. Kaum ein Konfliktherd, den Guttenberg nicht einbindet: Trump und Brexit, China und Naher Osten, Nordkorea und Venezuela. Dazwischen kriegen „der Herr aus Würselen“ alias Martin Schulz samt SPD sowie Gerd Schröder ihr Fett weg, das lockert auf.

Dass die Witze, die Guttenberg einbaut, immer platter werden? Geschenkt. Die Leute johlen, als er Kim Jong Un als „lustigen Dickmops mit lustigem Haarschnitt“ bezeichnet und über den Einstieg des Altkanzlers beim russischen Mineralölkonzern Rosneft mit „Alte Liebe rosneft nicht“ witzelt – eine Zeile, die die „FAZ“ exakt so am 17. August auf ihrer Titelseite brachte.

Geradezu in Wallung gerät die Halle jedes Mal, wenn Guttenberg einen Bogen spannt zu Deutschland, zum Lob auf Bayern, auf die CSU, oder noch besser: seine oberfränkische Heimat, der er auch in den USA zutiefst verbunden bleibt.


Die Begeisterung ist angesichts der Banalität mancher Aussagen etwa zur Flüchtlingspolitik - wo er Phrasen bringt wie „wer sich straffällig gemacht hat, hat das Land zu verlassen“ - bemerkenswert – umso mehr, da die Aura in der warmen Halle, die nach einem heißen Sommertag ein muffiger Geruchsmix aus Schweiß und Würstchenduft durchzieht, keineswegs als vorteilshaft für eine Politveranstaltung zu beschreiben ist.


Auch nach fast anderthalb Stunden Guttenberg-Show und zwei Minuten stehenden Ovationen erhält das Publikum nicht das ersehnte Bekenntnis zur Rückkehr in die Politik. Guttenberg, der sich als Berater in Politik und Wirtschaft verdingt, sagt nur: „Ich bin als engagierter Bürger hier.“ Die Wahl am 24. September werde er am Fernseher an der Ostküste der USA verfolgen.

Aber wer im Saal glaubt tatsächlich, dass Guttenbergs Auftritte keine Tests sind für eine Rückkehr in die deutsche Politik? Emmi Zeulner, Guttenbergs Nachfolgerin im Wahlkreis, verabschiedet ihn denn auch freundlich, aber augenzwinkernd: Er möge der CSU lange, lange erhalten bleiben. „In welcher Funktion auch immer. Das kann er am Ende wohl wirklich nur selbst beantworten.“

Guttenberg antwortet aber nicht, auch wenn er nach dem Abgang von der Bühne reichlich Zeit dafür hätte: Die Zuschauer umringen ihn erneut, lassen ihn nur meterweise vorrücken, erwachsene Männer und Frauen drängeln für ein Selfie oder ein kurzes Video mit dem verlorenen Sohn. Erst nach einer Dreiviertelstunde hat er sich mit seinen Personenschützern zum wartenden Auto vorgekämpft.

KONTEXT

Vita Karl-Theodor zu Guttenberg

Der Jurist

Der 44-jährige Jurist lebt seit fünf Jahren mit seiner Familie in den USA. Zuvor machte er in Deutschland eine steile, politische Karriere, die im Jahr 2011 abrupt endete.

Der Politiker

Der CSU-Politiker war zunächst Bundesminister für Wirtschaft und Technologie und danach bis 2011 Bundesminister der Verteidigung. Nachdem die Universität Bayreuth ihm im Zuge der Plagiatsaffäre um seine Dissertation den Doktorgrad aberkannt hatte, legte er Anfang März 2011 sämtliche politischen Ämter nieder.

Investor

Als Unternehmensberater und Investor machte er sich in New York anschließend selbstständig. Seine Firma Spitzberg Partners hat inzwischen sieben Niederlassungen.