Günstiger als ein Taxi? Lilium will für 1,16 Euro je Kilometer fliegen

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Lilium will eine Alternative sei für Auto- oder Zugfahrten über Strecken bis 240 Kilometer
Lilium will eine Alternative sei für Auto- oder Zugfahrten über Strecken bis 240 Kilometer

Die SEC ist streng. Die US-Wertpapieraufsicht verlangt die Dokumentation fast aller Aussagen bei einem Börsengang. So finden sich jetzt zusätzliche Details zur anstehenden Kursnotierung des Elektro-Lufttaxi-Unternehmens Lilium in den Datenbanken der Finanzaufsicht. Sie wurden jüngst auf einer virtuellen Analystenveranstaltung publiziert, um die außergewöhnliche Entwicklung des deutschen Startups zu befeuern.

Den Unterlagen zufolge ist bis August die Kursnotierung an der US-Börse Nasdaq über das dort bereits gehandelte Finanzvehikel Qell geplant. Der Ticketpreis für das Lilium-Flugtaxi wurde auch genannt: 2,25 Dollar pro Meile oder umgerechnet rund 1,16 Euro je Kilometer. Das wäre günstiger als eine Taxifahrt.

Für Lililum geht es vor allem darum, weitere Investoren zu finden, die an das ambitionierte Vorhaben glauben und darauf vertrauen, dass sich das Unternehmen im Wettbewerb um Geld und Passagiere behauptet. Derzeit herrscht Goldgräber-Stimmung in dem relativ neuen Markt: Weltweit gibt es über 100 Startups, die Passagiere mit Elektro-Senkrechtstartern von A nach B transportieren wollen.

Eine Art Hubschrauberflug der nächsten Generation. Angeblich erwägt auch Volocopter aus Deutschland einen Börsengang und hat jüngst ein Modell für größere Distanzen (100 Kilometer) angekündigt. Lilium versteht sich als Alternative für Autobahn- oder Zugverbindungen über Strecken bis etwa 150 Meilen, also gut 240 Kilometer.

Vor Analysten nannte das Lilium-Management um den 36-jährigen Firmengründer Daniel Wiegand ehrgeizige Ziele. 2024 sollen erste Einnahmen aus dem kommerziellen Betrieb fließen, samt Produktion von 90 Modellen. Längerfristig könnten weltweit 1000 Modelle gefertigt werden, nicht nur von Lilium selbst, sondern auch von Drittunternehmen.

Beim operativen Ergebnis hofft das vor sechs Jahren gegründete Lilium bereits 2025 bei 1,3 Milliarden Dollar Umsatz auf schwarze Zahlen. Die aus dem Börsengang erwarteten 830 Millionen Dollar sollen zum Großteil in den Aufbau der Produktion am Firmensitz bei München fließen. Der Preis pro Modell wird auf vier Millionen Dollar veranschlagt.

China ist im Blickfeld

Als ambitioniert kann die Auslastung der Modelle gewertet werden: Sie sollen durchschnittlich 25 Flüge pro Tag mit durchschnittlich 100 Kilometer Distanzen bewältigen und zehn Stunden fliegen. Von den sechs Passagierplätzen sollen durchschnittlich rechnerisch 4,5 belegt sein. Hinzu kommt der Pilot im Siebensitzer-Modell.

Nach den Lilium-Berechnungen könnten pro E-Jet fünf Millionen Dollar Umsatz jährlich erzielt werden. Zehn Prozent des Jahres sei für Wartung oder andere Unterbrechungen abzuziehen. Im Großraum um die Flughäfen Köln-Bonn sowie Düsseldorf könnten 190 Modelle im Einsatz sein und 900 Millionen Euro Umsatz jährlich einfliegen.

Bemerkenswert sind die Investoren und Manager beim Lilium-Projekt. Zu den Großinvestoren gehört beispielsweise der chinesische Internet-Konzern Tencent. Das Lilium-Modell soll zunächst von den Aufsichtsbehörden in Europa (EASA) und den USA (FAA) zugelassen werden. Doch China ist im Blickfeld. Es gebe bereits eine Vereinbarung mit Tencent, dann Partner zu ihrer Cloud, Zahlungssystem und anderen zu werden, sagte ein Lilium-Manager den Analysten.

Datenanalysefirma Palantir steigt bei Lilium ein

Jüngst wurde bekannt, dass der US-Flugzeugausrüster Honeywell nicht nur die Flugsteuerung und Avionik für die Modelle liefert, sondern sich auch selbst beteiligt. Neuer Aktionär wird künftig auch die US-Datenanalysefirma Palantir, selbst erst seit knapp einem Jahr börsennotiert. „Palantir wird Lilium dabei helfen, diese Flugzeuge auf eine völlig neue Art zu bauen“, kündigte ein Palantir-Manager vor den Analysten an.

Die Luftfahrt ist für Palantir keine völlig neue Branche. So arbeitet das US-Unternehmen im Skywise-Projekt auch mit Airbus bei der Datenanalyse und vorausschauenden Wartung zusammen. Mit Stolz verkündete Lilium auch, dass der Ex-Airbus-Chef Tom Enders (62) künftig Verwaltungsratsvorsitzender des Startups wird. Dabei hatte Enders bei Airbus die Entwicklung der E-Demonstratoren Vahana und CityAirbus angestoßen, eine Art Vor-Prototypen.

Nun fördert Enders mit Lilium praktisch einen Konkurrenten, wenn Airbus selbst in das Lufttaxi-Geschäftsfeld einsteigt. Zwar ist es um die Airbus-Pläne etwas ruhig geworden, aber der Schein trügt wohl. „Wir verfolgen weiterhin die Flugtaxi-Pläne und es wird in diesem Jahr weitere Flüge des Demonstrators CityAirbus geben“, sagt ein Airbus-Sprecher auf Nachfrage.

Nach Brand neue Batterietechnik

Es sind also nicht nur Startups, die einen Markt in Lufttaxis für Passagiere oder Fracht sehen. Neben Airbus und Boeing ist auch der brasilianische Flugzeughersteller Embraer aktiv und hat jüngst einen Großauftrag erhalten. In China fliegen bereits Modelle des Anbieters „EHang“ autonom, also ohne Piloten. Der chinesische Konzern ist bereits an der US-Börse Nasdaq notiert. Bei neuen Modellen kooperiert EHang mit dem großen österreichischen Flugzeugteilekonzern FACC.

Lilium glaubt dennoch, durch seine besondere Technik einen Wettbewerbsvorsprung zu haben. So hat das Lilium-Modell 36 ummantelte Elektro-Turbinen für den Schub. Sie seien insgesamt leiser als die offenen Rotoren bei der Konkurrenz, heißt es. Zudem lasse sich das Lilium-Modell in eine größere Version mit 16 Menschen an Bord erweitern. Nach einem Brand bei einem Demonstrator vor gut einem Jahr wurde das Batteriekonzept geändert.

Seitdem ist kein Testflug mehr erfolgt. Nun werden pro Modell 72 Batteriemodule seitlich entlang des Rumpfs verbaut, gut geschützt von der Kabine, heißt es. Alles wird elektrisch gesteuert, es gibt keine Hydraulik mit Öl in dem Modell. Der neue Prototyp soll in Kürze abheben, wurde den Analysten versprochen. Es wäre wohl die passende Begleitung zur Börsennotierung.

Dieser Text erschien zuerst bei Welt.de.

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