Fußball ist Männersache

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Auch bei den Kleinen gilt Fußball schon als Männersport (Symbolbild: Getty Images)

Stimmt. Eine Kostprobe gefällig? Also, neulich, bei der D-Jugend…

Ein Kommentar von Jan Rübel

Letzten Samstag, auf dem Fußballplatz, habe ich endlich etwas verstanden. Das Spiel mit der Lederpille ist kein Spiel, zumindest für Manche. Fußball erscheint ihnen als Abstecken eines Reviers, die Hunde machen es uns vor, und im Beinheben seien angeblich Männer begabter als Frauen. Seitdem übe ich vorm Spiegel, dass es nicht so aussieht wie beim Ballett.

Ein Match der D-Jugend stand an, zwei Jungenmannschaften unter strahlender Sonne, ein laues Lüftchen wehte, und von der ersten Minute an wedelte ein Spieler mit den Armen, als wollte er abheben. Mehr ging es ihm indes darum, sich andere Spieler vom Leibe zu halten, sie hinzuschieben, wohin er sie wollte; vielleicht war er ein Fan von Batman. Auch das Sperren ohne Ball beherrschte der Junge perfekt, er ließ einfach gegnerische Spieler auflaufen und profitierte von der Tatsache, dass sich zu diesem Punktspiel kein Schiedsrichter eingefunden hatte.

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Von seinem Trainer gab es nicht gerade unparteiische Entscheidungen, er feuerte seine Mannschaft abwechselnd mit „Ist das dein Ernst?“ und „Ihr seid keine Mädchen“ an. Die parierte. Besonders Batman, im gegnerischen Strafraum avisierte er einen Verteidiger, hob den Ellenbogen und – zack, hatte der einen am Kopf verpasst gekriegt. Der Ball war nicht gerade in der Nähe gewesen, und spielszenenentscheidend war der Umgang der beiden miteinander ebenfalls weniger; dumm nur, dass der Verteidiger nun umfiel und erstmal liegen blieb.

Top Gun auf dem grünen Rasen

Ist-das-dein-Ernst-Trainer sagte dazu, natürlich, nichts. Ein paar aufgebrachte Eltern riefen ihm was zu, da nahm er seinen Spieler für ein paar Minuten vom Platz. „Sorry, der war kleiner als ich“, erklärte Batman seinem Ist-das-dein-Ernst die Situation. „Ich weiß, du bist ein fairer Spieler“, adelte der ihn.

Ich war etwas verwundert. Fußball unterliegt doch einigen Regeln, dachte ich, auf die Politik übertragen wirkt solch ein Spiel wie die Bankrotterklärung des Anarchismus, bei dem der Stärkere, oder in diesem Fall, der Rücksichtslosere Oberhand gewinnt.

Nun wurden die Eltern etwas lauter, vor allem, als der zu Boden gestürzte Verteidiger sich zu Ist-das-dein-Ernst aufmachte und ihn, recht ruhig und höflich übrigens, fragte, ob er mal seinem Spieler empfehlen könne fairer zu spielen, bittschön. „Was denn, ich hab ihn doch runtergenommen“, nörgelte der, „soll ich ihn etwa prügeln?“ Tja, ob er dies als ehrliche Option gedanklich durchspielte, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls erwiderte er den Eltern: „Das ist doch normale Härte. Also, ich will jetzt niemanden diskriminieren, aber Fußball ist doch nicht ohne Grund mehr eine Männersportart.“ Gut, dass er es den Zuschauern noch einmal erklärte. Die hatten nämlich vor diesem Spiel auf demselben Platz dem Aufeinandertreffen zweier Mädchenmannschaften beigewohnt, das war wohl weniger eine Sportart gewesen.

In der Pause dann die zweite Erleuchtung. Die Mutter von Batman schlenderte zur Mutter des gefoulten Verteidigers und sagte: „Sag deinem Sohn, er soll nach sowas nicht weinen. Fußball ist Männersache!“ Oha. Da lächelte die andere nur ungläubig.

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In der zweiten Halbzeit gab es dann weitere Flugversuche von Batman, die Tiefe des Raums auch ohne Ballbesitz wurde durchdrungen, man hatte sich ein wenig beruhigt; da tauchte in der letzten Spielminute der Vater des gefoulten Verteidigers auf. Nach Abpfiff marschierte der, mittlerweile unterrichtet, zu Batman und Ist-das-dein-Ernst. „Du hast schon beim Hinspiel so hingelangt.“ Und zum Trainer: „Der sollte nicht Fußball spielen, der sollte Boxen gehen.“

Das hätte er besser nicht gesagt.

Batmans Mama fuhr dazwischen. „Mach meinen Sohn nicht an, Du Arschloch!“, fauchte sie. Der, nicht unerregt, haute ihr eine Wasserflasche aus der Hand. Nun waren wir alle kleine Batmans, wir wedelten mit den Armen, nur jäh unterbrochen von der Mutter und ihrem prägnanten Ausspruch: „Du Scheiß-Türke!“

Ohje. Das ST-Wort. Da waren wir ein wenig baff. Zur übrigens mit einem osteuropäischen Akzent sprechenden Mutter fauchte der gescholtene Papi: „Geh du doch zurück, in dein Land!“ Mittendrin dürften ein paar so genannte Bio-Deutsche gestanden sein, und nun wusste niemand mehr, wer wohin sollte. Ich wollte jedenfalls langsam nachhause.

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Auf das ST-Wort folgte der Rassismus-Vorwurf. Ich meine, „Scheiß-Türke“ ist nichts anderes. Aber einer der Väter aus Batmans Mannschaft, die bei dieser Gemengelage eher beschämt abseits standen, raunte nur: „Bitte nicht so angehen, es ist eine Frau. Nicht mit Frauen.“

Jene Frau zog dann ab. „Man hat mich angegriffen“, rief sie empört, „eine Frau“. Ob jetzt auf RT Deutschland die Fakenews lief, ein Türke habe eine Russin attackiert, habe ich nicht kontrolliert. So ist das also: Jungs dürfen nicht weinen und müssen unfair sein, sie müssen austeilen. Und Frauen darf man ihren Rassismus nicht vorhalten, weil es Frauen sind. Ich gebe zu: Auch wenn ich etwas verstanden habe an diesem Samstagnachmittag, habe ich es dennoch nicht verstanden.

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