Die Furcht vor dem September

Herbststurm statt Spätsommer: Der September gilt als schwierigster Börsenmonat. Dieses Mal haben Anleger auch Grund zur Unruhe. Vor allem der starke Euro gilt als Belastung. Richten soll es EZB-Präsident Mario Draghi.


Der September wird wohl seinem Ruf als schwierigster Börsenmonat auch in diesem Jahr wieder gerecht. Gleich eine ganze Reihe von Herausforderungen könnte den Aktienmarkt belasten: So trübt vor allem der Blick in die USA die Stimmung. Nicht nur steht der schwelende Konflikt mit Nordkorea im Raum, nach der Sommerpause droht den Vereinigten Staaten sogar der Regierungsstillstand. All das hat in den vergangenen Wochen den Dollar geschwächt und den Euro wieder zum Gewinner gemacht. Doch genau das ist Anlegern hierzulande ein Dorn im Auge.

Mit Spannung warten sie daher schon auf die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag. Die zentrale Frage ist zwar: Wann steigt die Notenbank aus ihren Anleihekäufen aus? Aber Experten rechnen auch damit, dass EZB-Präsident Mario Draghi etwas zum starken Euro sagen wird.


Ein klares Signal in Richtung Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm oder gar einen Beschluss dürfte es kaum geben, meint Commerzbank-Ökonom Michael Schubert: „Aber EZB-Präsident Mario Draghi wird vermutlich erstmals andeuten, dass die Notenbank 2018 weniger Anleihen kaufen wird als bisher.“ Aktuell erwirbt die EZB Anleihen im Volumen von 60 Milliarden Euro im Monat.

DZ Bank-Analyst Hartmut Preiß sieht die EZB jedoch auf einer schwierigen Gratwanderung: Auf der einen Seite sei eine Modifikation der Anleihekäufe unvermeidbar. Auf der anderen Seite liege die Inflationsrate in der Euro-Zone immer noch auf einem niedrigen Niveau. „Wir gehen davon aus, dass die EZB spätestens auf der Sitzung am 26. Oktober 2017 anstehende Änderungen des Kaufprogramms bekanntgeben wird.“

Am Donnerstag gar nichts zu machen, das ist wohl keine Option für Draghi, wie Schubert meint. Laut Protokoll der vergangenen Sitzung hatten Ratsmitglieder schon da vor einem zu langen Hinauszögern notwendiger Anpassungen gewarnt, da diese zu „einer ausgeprägten Volatilität an den Finanzmärkten“ führen könne, wenn die Kommunikation dann doch noch geändert würde.

Daher dürfte der Notenbankchef wohl auch etwas zum Euro sagen: „Wenn Draghi nächste Woche unbesorgt klingt, würde der Euro wahrscheinlich weiter aufwerten, und das würde das Risiko erhöhen, dass der Rat kostspielige geldpolitischen Gegenmaßnahmen beschließen müsste“, meint Marco Valli, Volkswirt von Unicredit.


Um die starke europäische Gemeinschaftswährung haben sich zuletzt auch Aktienstrategen verstärkt Gedanken gemacht. Der Wechselkurseffekt werde die Unternehmensergebnisse im dritten Quartal jedoch wohl insgesamt weniger belasten als die jüngste Aufwertung des Euro suggerieren mag, meint Commerzbank-Aktienexperte Markus Wallner. Zwar habe der Euro seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar deutlich aufgewertet. In der vergangenen Woche hat er zeitweise sogar die Marke von 1,20 Dollar überschritten.

Da der Euro aber zuvor abgewertet hatte, liege der Durchschnittskurs von Juli und August nur ungefähr fünf Prozent über dem Durchschnitt des dritten Quartals 2016. „Nichtsdestotrotz sollte der stärkere Euro die Ergebnisse einiger Dax-Unternehmen wie Fresenius, Infineon und Continental spürbar belasten“, betont Wallner. Bereits im August hat der starke Euro daher den deutschen Aktienmarkt gebremst. Der deutsche Leitindex verlor insgesamt 0,5 Prozent.


Hurrikan Harvey wird weitere Auswirkungen zeigen

Ein wesentlicher Grund für die Dollar-Schwäche liegt darin, dass die Marktteilnehmer zunehmend an der Handlungsfähigkeit von US-Präsident Donald Trump zweifeln. Wegen des Labor Days bleiben die Märkte in den USA am Montag geschlossen. Ab Dienstag wird es aber spannend, wenn der US-Kongress aus der Sommerpause zurückkehrt. Ihm bleibt nur noch bis Ende September Zeit, eine Anhebung der Schuldenobergrenze zu beschließen. Ansonsten droht ein sogenannter Government Shutdown, also ein Regierungsstillstand. Präsident Trump wollte auf diesem Weg die Finanzierung des Mauerbaus zu Mexiko erzwingen.

Analystin Claudia Windt von der Helaba weist auf den Hurrikan Harvey hin, der in Texas gewütet hat. Präsident Trump benötige nun vom US-Kongress „die Bewilligung von Flutopferhilfe in erheblicher Höhe“. Ob dies einen Kompromiss wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher mache, bleibe aber zunächst offen.


Da im Katastrophengebiet wichtige Raffinerien geschlossen werden mussten, hat Harvey in der vergangenen Woche aber bereits das Preisgefüge am Ölmarkt kräftig durcheinandergewirbelt: Die Rohölpreise sind gefallen, die Benzinpreise dagegen gestiegen. „So lange die Raffinerien ausfallen, wird sich hieran kaum etwas verändern“, betont Commerzbank-Währungsexpertin Barbara Lambrecht.

Daneben werden Investoren in der neuen Woche auch die Nordkorea-Krise im Auge behalten. Diktator Kim Jong Un hatte die USA zunächst mit dem Test einer Rakete, die über Japan flog und dann ins Meer stürzte, provoziert. Das hatte auch für erhebliche Unruhe an den Finanzmärkten gesorgt. Gegen Ende der Woche zeigten dann die USA Kampfbereitschaft und flogen gemeinsam mit südkoreanischen Jets ein Militärmanöver entlang der innerkoreanischen Grenze. Deeskalation sieht anders aus.


Indexüberprüfung der Deutschen Börse steht an

Neue Firmendaten, die die Börsen bewegen könnten, gibt es in der nächsten Handelswoche indes nur wenige. In Deutschland wartet lediglich der Börsenneuling Vapiano am Mittwoch mit Quartalszahlen auf. Bereits am Dienstagabend entscheidet die Deutsche Börse über die künftige Indexzusammensetzung der Dax-Familie. Experten rechnen mit Änderungen in MDax und SDax. Unter anderem soll der Groß- und Einzelhändler Metro wieder in den Mittelwerteindex einziehen. Seit der Aufspaltung des Konzerns im Juli hat die Holding Ceconomy, die das Elektronikgeschäft unter sich vereint, als Rechtsnachfolgerin der alten Metro-Gruppe den Platz im MDax behalten.

Vom Wahlkampf vor der Ende September anstehenden Bundestagswahl erhoffen sich die Analysten indes keine Impulse für den Aktienmarkt. Das liegt zum einen an relativ unspektakulären Wahlprognosen und zum anderen an den sich nur wenig unterscheidenden Wahlprogrammen. „Trotzdem wäre es nicht verwunderlich, wenn besonders internationale Investoren, vor größeren Neuinvestitionen, die Wahl abwarten“, meint DZ Bank-Experte Michael Bissinger.

In den Fokus rückt daher die Konjunktur, wozu sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone einige Veröffentlichungen anstehen. So stehen am Dienstag beispielsweise in der Euro-Zone die Einkaufsmanagerindizes für den Dienstleistungssektor im August auf der Agenda. Aus Deutschland kommen am Mittwoch die Auftragseingänge der Industrie im Juli und am Donnerstag die Industrieproduktion. Die USA melden die Auftragseingänge der Industrie bereits am Dienstag.


Selbst wenn es positive Neuigkeiten von der Konjunkturseite geben sollte, warnt Markus Reinwand, Aktienexperte von der Helaba, vor Kursverlusten – wegen eines Börsenmusters. Dabei hat er nicht unmittelbar den September im Blick, sondern weist auf ein anderes Phänomen hin: „Die Historie hat gezeigt: Siebener-Jahre haben es in sich, insbesondere die Herbstmonate!“

Differenziert man das Saisonmuster am Aktienmarkt nach Jahresendziffer – also 1897, 1907, 1917 und so weiter – ergeben sich laut Reinwand sehr unterschiedliche Verläufe. In den Nuller-Jahren sei die Kursentwicklung mager gewesen, die Fünfer-Jahre seien dagegen positiv gewesen. In den Siebenern habe der US-Index Dow Jones bis August deutlich zugelegt und im Herbst dann spürbar verloren. Sollte das Muster auch dieses Mal gelten, liegen schwierige Börsenmonate vor uns.