Fußball: Kommentar: Ruf nach Salary Cap ist zu billig

Die Reformpläne zur wirtschaftlichen Gesundung des Fußballs von DFB-Präsident Fritz Keller mögen gut gemeint sein, sind aber nicht zu Ende gedacht. Statt effektheischerisch nach Gehaltsobergrenzen zu rufen, sollten Verbände, Funktionäre und Spieler lieber gegen die Wettbewerbsflut rebellieren und Gianni Infantino und Co das Handwerk legen. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Filippo Cataldo.

Es klingt ja gut: Demütiger und nachhaltiger müsse der Fußball werden, hat DFB-Präsident Fritz Keller gefordert. Die Protagonisten des Geschäfts müssten sich hinterfragen, beschränken - und immer an die Enkel denken. Gehaltsobergrenzen, Deckelungen von Beraterhonoraren und andere "sinnvolle Regulierungen des Fußballs" solle man einführen, um den Sport so gesünder zu machen und wieder näher an die Menschen zu rücken.

Wahrscheinlich meint es Fritz Keller wirklich gut. Womöglich ist es dem DFB-Präsidenten wirklich ernst mit seinem Fünfstufenplan für mehr Nachhaltigkeit im Fußball. Doch die Ideen, die Keller am Dienstag vorgestellt hat, wirken leider wie so vieles, was der bodenständige Winzer und frühere Präsident des SC Freiburg in seiner bisherigen Amtszeit angepackt hat: durchaus honorig und gut gemeint, aber eben auch schlecht vorbereitet, nicht zu Ende gedacht, höchstens an der Oberfläche kratzend - und ein bisschen naiv.

Gehaltsobergrenze: Einigkeit der Funktionäre sollte skeptisch machen

Wenn eine große Koalition aus Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Hannovers Macher Martin Kind und DFL-Chef Christian Seifert nach Gehaltsobergrenzen ruft, sollte Keller eher skeptisch sein als jubilieren.

Der Ruf nach Salary Caps ist dieser Tage einfach - weil diese höchstwahrscheinlich ohnehin nicht kommen werden. Um Gehaltsobergrenzen im Fußball mit seinem offenen und unabhängigen Ligensystem per Gesetz einführen zu können, mangelt es an jeglicher rechtlicher Grundlage. Es würde nicht ausreichen - EU-weit (!) - Gesetze zu ändern. Der gesamte Wettbewerbsgedanke unseres Wirtschaftssystems müsste hinterfragt werden.

Natürlich könnten Ligen und Klubs Gehaltsobergrenzen freiwillig mit Tarifverträgen einführen. In den geschlossenen US-Ligen mit ihren Franchisesystemen ohne Auf- und Abstieg funktioniert dies leidig. Doch gegen eine Super League der europäischen Topklubs, die in Teilen dieser Logik folgen würde, hat sich zuletzt auch der FC Bayern ausgesprochen.

Gehaltsobergrenzen können umgangen werden

Tarifverträge im bestehenden Ligensystem einzuführen, wäre weit komplizierter. Und es bliebe immer noch das Problem der Durchsetzbarkeit. Wo offizielle Gehaltsobergrenzen sind, gibt es Schlupflöcher.

Als in den Kindheitsjahren der Bundesliga aus heutiger Sicht geradezu putzige Gehaltsobergrenzen galten (maximal 1200 Mark pro Monat plus Einsatzprämien), wurden die Fußballprofis eben mit windigen Repräsentatenjobs bei Mäzenen oder Sponsoren ausgestattet. Oder gleich aus schwarzen Kassen am Fiskus vorbei bezahlt.

Auch im Falle der Einführung von wie auch immer gearteten Gehaltsobergrenzen dürften findige Berater, Agenturen und sonstige Geschäftemacher die bereits existierende Schattenwirtschaft (Stichwort Football Leaks) ausbauen, damit sie (und ihre Klienten) weiter auf ihren Schnitt kommen. Wer mit Gehaltsobergrenzen auch nur die geringste Wirkung erzielen möchte, müsste auch die Werbemöglichkeiten für Spieler, die Verwertung ihrer Bildrechte und Erfolgsboni regulieren.

Der Sport ist und bleibt ein Verdrängungswettbewerb. ist ebenso systemimmanent wie das Streben nach Höher, Weiter, Schneller und die Verlockung zum Betrug.

Größtes Einsparpotential bei Spielergehältern

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich sind die ausufernden Spielergehälter geradezu obszön und niemandem vernünftig zu erklären. Wenn die Klubs mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes für das Salär der Spieler ausgeben (in der Bundesliga waren es zuletzt 53, in England 59, in Spanien 66, in Frankreich sogar 75 Prozent), besteht dort in der Tat das größte Einsparpotential.

Doch einfach nur den Spielern an die Geldbeutel zu gehen, ohne das System an sich zu ändern, würde kein einziges Problem lösen. Das Geld wäre ja trotzdem im Umlauf. Bevor man effektheischend nach gesetzlich regulierten Begrenzungen der Spielergehälter ruft, sollte man sich die Probleme der Branche genauer ansehen. So sollte man zum Beispiel erst mal Gianni Infantino und Co daran hindern, auch die letzten Werte zu Geld zu machen. Die geplante Klub-WM mit 24 Teilnehmern ist sportlich genauso un- und irrsinnig wie ein dritter Europapokalwettbewerb. Ein Boykott der geplanten Wettbewerbe: Das wäre eine echte Revolution, für die zu kämpfen sich lohnen würde.

Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL zu Gunsten der Amateure ändern, wäre ein guter Anfang

Dazu wird es genauso wenig kommen wie zu Gehaltsobergrenzen. Also pragmatischer: Viel sinnvoller und nachhaltiger als Salary Caps wäre die Einführung echter Sicherungs- und Solidarfonds, die den Namen auch verdienen. Wenn man die Einnahmen regulieren will, dann richtig: Statt den Klubs die Gelder aus der TV-Vermarktung annähernd komplett auszuzahlen, sollte ein fundamentaler Teil einbehalten und für Infrastruktur, Amateur-, Kinder-, Jugend-, Frauenfußball und am besten auch für Klimaschutz und Integrationsprojekte ausgegeben werden. Ebenso könnten nicht nur die TV-Rechte zentral vermarktet werden, sondern auch die Sponsorenrechte. Die Möglichkeit für Spieler, ihre Bildrechte an Drittfirmen zu verkaufen, könnte verboten, Beraterhonorare gedeckelt werden.

Wenn Keller und Co es wirklich ernst meinen, könnte etwa sofort der Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL geändert werden. Die noch unter Kellers Vorgänger Reinhard Grindel ausgehandelten Konditionen - der DFB erhält von der DFL 26 Millionen Euro pro Jahr für die Lizenzen der Bundesliga, zahlt aber seinerseits 20 Millionen an die Profiklubs zurück für die Abstellung der Nationalspieler und das Recht mit ihnen Werbung zu machen - sind lachhaft. Sogar das Finanzamt Frankfurt meint, dass der DFB sich da über den Tisch ziehen ließ. Den Grundlagenvertrag zu Gunsten der Amateure zu ändern, wäre mal ein guter Anfang.

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