Friedrich Merz geht auf Anne Will los: "Verstehe nicht, warum Sie das machen!"

teleschau
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China schafft Fakten in der Weltwirtschaft, und Deutschland debattiert über Gendersprache. Friedrich Merz fühlte sich am Sonntagabend bei "Anne Will" wie im falschen Film. Grünen-Chefin Baerbock und Vizekanzler Scholz hielten süffisant dagegen.

Noch ist es ein weiter Weg für Friedrich Merz bis zur ersehnten Kür als CDU-Vorsitzender und womöglich auch Kanzlerkandidat. Sollte er aber tatsächlich als Spitzenkandidat für die Union in die nächste Bundestagswahl gehen, könnte der Wahlkampf munter werden. Einen Vorgeschmack darauf lieferte die jüngste Ausgabe des ARD-Talks "Anne Will". Die war offiziell zwar deklariert als Auftakt zur ARD-Themenwoche unter dem weitschweifigen Motto "Wie wollen wir leben?". Doch die Dreierbesetzung aus Merz, Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Vizekanzler Olaf Scholz hatte stellenweise schon die Schärfe einer Showdown-Debatte um die Kanzlerzschaft. Mit dem SPD-Finanzminister Scholz ist immerhin auch einer der Beteiligten designierter Spitzenkandidat seiner Partei.

Scholz und Baerbock präsentierten sich angriffslustig - jedoch deutlich subtiler als ihr konservativer Widersacher. Angesprochen auf sein Engagement als Aufsichtsratsvorsitzender der Fondsgesellschaft Blackrock, grantelte der Polit-Comebacker bereits den Turbokapitalismusvorwurf der Gastgeberin rüde aus dem Weg: "Das überrascht mich jetzt ein bisschen, ich bin da seit 'nem halben Jahr raus." Mit der Gesprächsführung der ARD-Talkerin war Merz auch beim Thema Kurzarbeitergeld nicht einverstanden. Eingeblendet wurde sein kontroverses Zitat aus dem September: "Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können. Wir müssen zurück an die Arbeit!"

"Ich verstehe nicht, ehrlich gesagt, warum sie das jetzt schon zum zweiten Mal machen", wetterte Merz gegen die Texteinblendung auf dem Screen im Studiohintergrund. Der Satz sei aus dem Kontext gerissen. Gleichwohl plädierte er nur für eine quartalsweise Verlängerung von Kurzarbeitergeld, je nach Lage der Dinge. "Vollständig falsch", hielt Olaf Scholz dagegen: "Die Unternehmen müssen heute wissen, in einer unsicheren Zeit, ob das für sie geht". Der Vizekanzler selbstbewusst: "Die halbe Welt kopiert das deutsche Kurzarbeitergeld-Modell."

Friedrich Merz ätzt bei "Anne Will": "Okay, jetzt steigt das Niveau"

Als Anne Will wenig später die Diskussion auf das Thema gendergerechte Sprache lenkte, platzte Merz vollends die Hutschnur. Auch weil Olaf Scholz kühl provozierte. Es helfe in der Sache wenig, so der SPD-Mann, mit jemandem zusammen zu regieren, "der nicht mal versteht, was damit gewollt ist". - "Sie glauben, die CDU und die CSU verstehen nicht, was Sie meinen?", hakte die Gastgeberin verblüfft nach. Scholz bejahte, Merz lachte sarkastisch auf: "Okay, jetzt steigt das Niveau!" Scholz, selbst erklärter Feminist, wies den CDU-Politiker süffisant lächelnd zurecht. Es gehöre zu "den Machtmethoden" mancher Männer, "ein bisschen komisch zu lachen, wenn es um Frauenfragen geht".

Merz verstand nun die Welt nicht mehr. An einem Tag, an dem China den weltweit größten zusammenhängenden Wirtschaftsraum für freien Warenverkehr geschaffen habe, werde diskutiert, ob es "Gläubiger oder Gläubigerinnen" in deutschen Gesetzestexten heißen müsse. Man solle an dieser Stelle die Prioritäten etwas sortieren und ordnen. "Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme, die wir lösen müssen", schimpfte Merz und griff abermals Anne Will an: "Ich bin hier in diese Sendung gekommen in der Annahme, dass wir wirklich mal über die Frage diskutieren: Wie leben wir in zehn Jahren in diesem Land? Darüber müssten wir mal diskutieren, anstatt über solche Gesetze."

Hier ergriff Annalena Baerbock das Wort. "Wenn wir darüber reden, wie wir in diesem Land in zehn Jahren leben, dann sollte schon die Hälfte der Bevölkerung auch in zehn Jahren mit dazugehören", hielt die Grünen-Chefin fest. "Und Fakt ist, Stand heute im Jahr 2020, dass wir strukturelle Diskriminierung haben." Dabei handele es sich nicht nur um Frauen, sondern auch um Menschen mit Migrationshintergrund oder Transsexuelle. "Die Frage ist doch: Sieht der Gesetzgeber, der Staat, all diese Menschen, all diese Vielfalt in unserem Land? Und wenn wir nicht bereit sind, diese Vielfalt zu repräsentieren, dann haben wir ein großes Problem in unserem Land."

Das mag sein. Eine lebhafte Debatte gibt es indes schon jetzt.