„Ich hab‘ dich nicht mehr lieb“: Sollten wir mit unseren Freunden Schluss machen?

Ena Clarke
Freie Autorin
An schöne Momente in unserer Freundschaft erinnern wir uns gerne. Doch was passiert, wenn die Enttäuschung überwiegt? (Bild: Getty Images)

Beziehungen beenden wir, auch wenn es weh tut. Warum wir das in Freundschaften oft nicht übers Herz bringen – und wann es an der Zeit wäre, loszulassen.

Hand aufs Herz: Hast du schon mal mit einem Freund oder einer Freundin Schluss gemacht? Denke ganz genau nach! Und bevor du fragst: Nein, betrunkene Streitigkeiten, an die man sich tags darauf nur verschwommen erinnern konnte, sind genauso ausgenommen wie ultrahocherhitzte Erlebnisse mit Freunden, die einander die Partner ausgespannt oder einander in ähnlicher Weise belogen haben.

Hast du ausgesprochen, dass du kein Interesse mehr an der Freundschaft hast?

Gemeint sind die Freunde, die immer noch in deinem Telefonbuch herumgammeln, mit denen du vielleicht lange Zeit ganz viel und dann plötzlich nur noch ganz wenig zu tun hattest (warum auch immer) oder bei denen du dich schon seit Jahren mal wieder melden wolltest, aber irgendwo ist da ein ungutes, unangenehmes Gefühl, das dich davon abhält… Kurz: die stillen Freundschaftsleichen. Hast du denen jemals gesagt, dass du kein Interesse mehr an der Freundschaft hast?

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Falls du dich ausschließlich an die Trennung deiner letzten Liebesbeziehung erinnern kannst, bist du sicher nicht alleine. Woher kommt das nur, dass wir uns wie selbstverständlich von unseren Lebens(abschnitts)partnern trennen, uns aber irgendetwas davon zurückhält, Schluss zu machen mit Freundschaften, die keine Zukunft mehr haben?

Warum trennen wir uns von Lebenspartnern, nicht aber von Freunden?

Naja, wirst du vielleicht sagen, mein Partner hat mich einfach so enttäuscht, irgendwann wusste ich, dass er nicht der Richtige für mich ist, da musste ich mich trennen. Und ja, klar: Beziehungen sind anders als Freundschaften, sie haben einen Anfang und leider oft auch ein ganz klares Ende und sind insgesamt von vornherein definierter, was Erwartungen, Ansprüche und Wünsche angeht. Diese können sehr eindeutig enttäuscht werden, auch weil sich alle Wünsche auf eine einzige Person konzentrieren.

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Und dann kommt das gemeinsame Ziel hinzu – das Glück, der nächste Urlaub, das Eigenheim oder einfach nur eine Woche ohne Streit: Man arbeitet gemeinsam auf etwas hin – das verbindet, macht Mühe, tut manchmal weh und ist es häufig wert. Wenn dieses gemeinsame Ziel verschwimmt oder man sich über den gemeinsamen Weg nicht mehr einig ist, spürt man bald ganz deutlich: Wenn ich nicht bis an mein Lebensende mit einem Kompromiss leben will, muss ich einen Schlussstrich ziehen. Erst dann bin ich frei für Neues.

Eine Beziehung muss alles, eine Freundschaft kann viel können

Freundschaften sind viel flexibler als Beziehungen. Sie sind weniger klar vordefiniert, sie haben meist nur einen Anfangs-, aber fast nie einen Endpunkt. Sie können viel, während eine Beziehung alles muss – und das macht auch den Reiz einer Freundschaft aus: die Freiheit, mit dem Freund oder der Freundin so sein zu können, wie man sein will, in genau diesem Moment.

Bei Freundschaften gilt: Du bekommst selten alles, was du brauchst, von einer Person. (Bild: Getty Images)

Natürlich sind auch Freundschaften an Erwartungen und Wünsche gebunden, die enttäuscht werden können, oder auch an Interessen, die sich auseinander entwickeln können. Passiert dies, verlaufen sich die Kontakte dann aber eher, als dass der Freundschaft ein explizites Ende gesetzt wurde. Warum?

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Wir machen es uns oft schlichtweg zu einfach. Denn in den meisten Fällen ist uns, wenn wir ehrlich sind, die Freundschaft einfach nicht wichtig genug – und uns dessen Ende das Drama einer Trennung nicht wert. Vielleicht handelte es sich um Teilzeitfreunde, auch Convenience-Freunde oder gute Bekannte genannt, mit denen uns vielleicht nur ein einziges Interesse, sagen wir das Bergsteigen, verbunden hat.

Die endgültige Trennung gibt es – wir haben sie nur nicht ausgesprochen

Verschwindet diese Gemeinsamkeit oder taucht ein neuer Mensch auf, mit dem das Hobby noch mehr Spaß macht, gerät die dünne gemeinsame Basis ganz schnell ins Wanken. Aber das entstehende Loch wurde ja schon wieder gefüllt – entweder mit einem neuen Interesse und/oder einem neuen Freund. Freund 1 steht aber natürlich weiterhin im Adressbuch, vielleicht ergibt sich ja mal wieder die Gelegenheit und sowieso. Wir bleiben in Kontakt, ja? Ja, klaaar!

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Oder aber es handelt sich um das Gegenteil: Uns ist die Freundschaft zu wichtig, als dass wir dem Ganzen ein Ende setzen und unseren Freund verletzen wollten. Vielleicht haben wir irgendwo ganz tief drinnen noch die Hoffnung, dass der Kontakt sich wieder intensiviert, weil das im Laufe der Jahre ja schon öfter vorgekommen ist. Dass es nur ein vorübergehendes Time Out ist, der sich einfach etwas hinzieht, weil man den verletzenden Kommentar von neulich noch nicht verkraftet hat. Aber leider sind genau diese vorübergehenden Pausen, in denen man sich nur kurz zurückziehen wollte, so oft das sich langsam einschleichende Ende einer Freundschaft. Und da ist sie: die endgültige Trennung, die einfach nur nie jemand ausgesprochen hat.

Wir haben uns schon von vielen Freunden getrennt – nur nie darüber gesprochen

Schulden wir es unseren Freunden nicht, dass wir uns ehrlich, in Würde und mit Stil von ihnen trennen? Wenn du diese Frage mit “Ja” beantworten kannst, hat deine Freundschaft die besten Chancen, zu überleben – schließlich hast du ja noch genug Respekt vor dem anderen, um dich um sein Seelenheil zu sorgen.

Oft kann ein klärendes Gespräch schon helfen, die Freundschaft wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. (Bild: Getty Images)

Vielleicht reicht es aber für den ersten Schritt ja auch schon, wenn wir die Sache von einer anderen Seite her betrachten – und Freundschaften mehr wie Beziehungen behandeln: als wunderbares Geschenk, das man wertschätzen sollte, auch wenn es nicht immer nur Spaß macht. Das gemeinsame Ziele hat, für die man arbeiten kann und sollte, weil jede Freundschaft wichtig ist.

Das sind wir nicht nur unseren Freunden schuldig, sondern vor allem uns selbst. Sollten wir dann gemeinsam zum Schluss kommen, dass die Freundschaft ein Kompromiss ist, mit dem wir nicht leben können, wird es uns leichter fallen, darüber zu sprechen und uns im Guten zu trennen. Ohne unangenehmes Gefühl, ohne Reue. Dafür macht man doch gerne wieder Platz im Telefonbuch.