Der Freund meines Feindes


Man solle die Hoffnung nie aufgeben, sagte Donald Trump am Donnerstagabend. Zuvor hatten Reporter den US-Präsidenten nach einem Treffen mit dem japanischen Premier Shinzo Abe und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in gefragt, ob er immer noch auf die Hilfe Chinas setze, um einen militärischen Konflikt mit Nordkorea zu vermeiden. Seit dem jüngsten Test einer Interkontinentalrakete durch den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un herrscht auf der koreanischen Halbinsel höchste Alarmstufe. Trump selbst hatte versprochen, dass die Nordkoreaner niemals über eine Rakete verfügen würden, mit der sie einen nuklearen Sprengkopf bis zum amerikanischen Festland feuern könnten. Entsprechend groß ist der Druck auf den US-Präsidenten, die Bedrohung jetzt schnell einzudämmen.

Vor zwei Tagen wetterte Trump auf Twitter darüber, dass der Handel zwischen China und Nordkorea zuletzt um 40 Prozent gestiegen sei. Peking gilt als wichtigster Verbündeter der Nordkoreaner und hält das Regime von Kim mit Rohstoff- und Lebensmittellieferungen am Leben. Genau deshalb hatte Trump gehofft, Xi könnte die Daumenschrauben anziehen und die Nordkoreaner so zur nuklearen Abrüstung bewegen. Zumal der US-Präsident nach seinem ersten Treffen mit dem Chinesen in Florida im April voll des Lobes über das gute Verhältnis zu Xi war. Doch der denkt bislang gar nicht daran, die Kohlen für Trump aus dem nordkoreanischen Feuer zu holen.



Zwar wird Kim auch für Peking immer mehr zu einem unkalkulierbaren Ärgernis. China hat die Nukleartests Nordkoreas nahe der chinesischen Grenze verurteilt. Noch mehr fürchten die Kommunisten in Peking jedoch, dass das nordkoreanische Regime zusammenbrechen könnte. Die Wiedervereinigung mit dem Süden wäre die logische Folge. China hätte dann nicht nur amerikanische Truppen direkt an seiner Grenze stehen, sondern auch eine Flüchtlingskrise am Hals. Besser wäre es für China, die USA würden direkt mit Kim verhandeln. Genau das wird Xi Trump in Hamburg erneut vorschlagen.

Doch der US-Präsident will sich auf einen langwierigen Poker mit Nordkorea nicht einlassen. „Die Zeit der strategischen Geduld ist vorbei“, hatte US-Außenminister Rex Tillerson kürzlich angekündigt. Das scheint inzwischen auch für das Verhältnis zu Peking zu gelten. In der vergangenen Woche verhängten die Amerikaner im Zuge der Korea-Krise auch Sanktionen gegen eine chinesische Bank. Zudem hat Washington einen 1,4 Milliarden teuren Waffendeal mit Taiwan beschlossen. Ein Affront für Peking, das den Inselstaat als abtrünnige Provinz betrachtet. Trump schickte zudem ein Kriegsschiff nahe einer Insel im südchinesischen Meer, was Peking postwendend als Angriff auf seine territoriale Souveränität verurteilte. Und schließlich hängt über den Beziehungen auch noch das Damoklesschwert von Strafzöllen, mit denen Trump chinesische Stahlimporte abwehren will. Noch ist die Entscheidung zwar nicht gefallen, doch die Drohung sitzt in Hamburg mit am Tisch.



Nicht zuletzt ringen die alte und die neue Supermacht um die globale Führungsrolle in der Welt. Trump weigert sich, die liberale Weltwirtschaftsordnung zu garantieren und hat sich stattdessen einem wirtschaftlichen Nationalismus verschrieben. Xi sieht die Chance, dieses Führungsvakuum zu füllen. Bereits bei seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat sich Chinas Präsident als neuer Schutzherr für Freihandel und Globalisierung angeboten – auch wenn das Reich der Mitte mit seinen protektionistischen Maßnahmen zu Hause sicher kein Musterschüler des freien Handels ist. Und auch beim Klimaschutz nutzen die Chinesen den Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen, um ihre Rolle als zuverlässiger Partner in internationalen Fragen zu unterstreichen.

Über dem Treffen in Hamburg liegt also nicht nur der Schatten Nordkoreas, sondern auch die Frage, wem die Welt künftig folgen soll.