Das Dilemma des Christian Streich

Maximilian Lotz
·Lesedauer: 5 Min.

Nicolas Höfler ist eine Art Musterprofi beim SC Freiburg.

Der Denker und Lenker im Mittelfeld des Sport-Clubs. Einer, der auch über den Tellerrand hinausschaut, sich sozial engagiert und seit diesem Sommer das Gesicht einer Kampagne gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist. Doch aktuell steht der 30-Jährige, den sie in Freiburg nur "den Chico" nennen, sinnbildlich für die Formkrise der Breisgauer und das Dilemma von Trainer Christian Streich.

"Chico ist rausgenommen worden, weil es richtig war. Auch im Nachhinein ist es richtig, weil du die Dinge nicht einfach laufenlassen kannst", erklärte Streich den ungewöhnlichen Bankplatz seines Stammspielers gegen Mainz 05 auf der Pressekonferenz vor dem Spiel beim FC Augsburg (Bundesliga: FC Augsburg - SC Freiburg, Samstag 15.30 Uhr im LIVETICKER).

Freiburger Formkrise: Streich wegen Höfler im Dilemma

Die Spiele, bei denen Höfler seit dem Wiederaufstieg 2016 zunächst nur draußen saß, konnte man bis Sonntag fast an einer Hand abzählen und meist auf die Rückkehr nach einer kleineren Blessur zurückführen. Sechs Mal war dies in den vergangenen fast viereinhalb Jahren der Fall.

Gegen Mainz folgte das siebte Mal - als eine Reaktion auf sieben mehr oder weniger direkte Torbeteiligungen Höflers in dieser Saison, allerdings bei sieben Gegentoren. "Er hat ein paar Mal unglücklich gespielt. Wenn er einen Fehler gemacht hat, hat es ein Gegentor gegeben. Wenn er keinen gemacht hat, hat es einen Elfmeter gegeben, der keiner war. Da kommt dann alles zusammen", resümierte Streich.

Die 1:3-Niederlage gegen Mainz offenbarte das Dilemma: Ohne Höfler ist auch keine Lösung. Als der Mittelfeldspieler zur Pause für Lino Tempelmann eingewechselt wurde, hatte Mainz in Person von Jean-Philippe Mateta schon dreimal getroffen. Immerhin: Höfler war nach der Pause einer der Besten auf dem Platz. "Es waren trotzdem zwei, drei Fehler, aber danach suchen wir jetzt nicht die ganze Zeit. Er hat auch für eine gewisse Struktur gesorgt und das war wichtig", analysierte Streich. Man suche einen Weg, "dass er zu alter Stärke zurückfindet", meinte der SC-Coach. "Die zweite Halbzeit war der erste Schritt in die richtige Richtung."

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Die Freiburger haben noch mehrere nötig, um die immer rasantere Talfahrt zu stoppen. Seit dem 1. Spieltag wartet man auf einen Sieg. Die Mainzer haben mit ihrem Sieg den SC in den Keller gezogen, die Abstiegszone ist nur noch zwei Punkte entfernt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Und nicht allein an Höfler festzumachen.

Streich hadert mit Schiedsrichterentscheidungen

Streich haderte auch am Sonntag wieder mit unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen, dass etwa Matetas Schubser gegen Baptiste Santamaría vor dem Mainzer Führungstor nicht gepfiffen wurde. "Das ist nicht der Grund, dass wir verlieren, aber es ist unglaublich, dass man da das Spiel weiterlaufen lässt", echauffierte sich Streich. "Und so ist es Woche für Woche. In Leipzig kriegen wir einen unglaublichen Elfmeter gegen uns, jetzt kriegen wir so ein Tor. Es läuft natürlich auch im Moment gegen uns."

Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier brachte es bei Sky auf den Punkt: "Es ist in Summe zu viel, weil wir im Moment nicht gut genug sind, um solche Szenen zu kompensieren. Es liegt an uns, das sind null Komma null Ausflüchte. Wir müssen zusammen da durch, uns die Dinge hart erarbeiten. Geschenkt bekommt man nichts."

Im Vorjahr hatte der starke Saisonstart dazu beigetragen, dass die Freiburger eine sorgenfreie Saison spielen konnten und in knappen Spielen das Pendel auch mal glücklich zugunsten der Breisgauer ausschlug. Aktuell stimmte bei dem durchaus anspruchsvollen Auftaktprogramm zumeist die Leistung, bei den Remis gegen Wolfsburg und Bremen war man dem Sieg näher, doch insgesamt blieben die Ergebnisse aus.

Abgänge von Schwolow und Koch schmerzen

Insofern ist die Niederlage gegen Schlusslicht Mainz besonders alarmierend. "Für uns bedeutet es dieses Jahr, dass wir alles vergessen müssen vom letzten Jahr. Das habe ich von Anfang an gesagt", bemühte Streich sein übliches Mantra.

Zugleich zählte der 55-Jährige die Schwachpunkte auf. "Ich sehe gerade, wir haben sechs Fouls gemacht - das ist ehrenwert", flüchtete er sich in Sarkasmus: "Aber es war ein ganz, ganz schlechtes Zweikampfverhalten in der Umschaltbewegung insgesamt." Mit nur 771 gewonnen Zweikämpfen belegen die Freiburger ligaweit den vorletzten Platz. Auch habe man sich bei den Mainzer Toren in der Abwehr laut Streich "sehr naiv" verhalten.

Die 19 Gegentore werden nur von Mainz und Schalke überboten, Keeper Florian Müller - für den verletzten Mark Flekken kurzfristig zu Saisonbeginn von Mainz ausgeliehen - spielte noch nicht ein Mal zu null. Die Abgänge der Schlüsselspieler Alexander Schwolow, Luca Waldschmidt und Robin Koch schmerzen.

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"Wir haben Spieler verloren, die auch Körperlichkeit eingebracht haben. Einen Robin Koch können wir aufgrund seiner Körperlichkeit nicht ersetzen", gestand Streich. Rekordeinkauf Santamaría hat sich zwar im defensiven Mittelfeld gut eingefügt, ist vom Typ her aber eher ein stiller Stratege wie Höfler statt resoluter Abräumer. Neugzugang Guus Til, geholt für das offensive Mittelfeld, feierte verletzungsbedingt erst gegen Mainz sein Debüt und könnte in den kommenden Wochen noch wichtiger werden.

Streich ruft in Freiburg Abstiegskampf aus

Der Offensive mangelt es bei nur neun Toren, vier davon durch Toptorjäger Nils Petersen, an Durchschlagskraft. "Wir hatten 23 Flanken, aber wir sind nicht torgefährlich genug. Das verfolgt uns schon die letzten Wochen. Wir sind im Abschluss nicht stark genug", erläuterte Streich nach der Mainz-Niederlage.

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Sein Fazit: "So kannst du natürlich kein Bundesligaspiel gewinnen." Die Aufarbeitung sei "für uns alle nicht schön gewesen", berichtete Streich am Donnerstag und kündigte Änderungen in der Startelf an: "Es ist alles in Frage gestellt, es ist alles offen."

Bis Weihachten heißen die Freiburger Gegner Augsburg, Mönchengladbach, Bielefeld, Schalke und Hertha BSC - mit Ausnahme der Gladbacher aktuell Teams aus der unteren Tabellenhälfte. Nach zuletzt drei Niederlagen in Serie sollte der Sport-Club also möglichst bald wieder punkten, um nicht noch tiefer in den Keller zu rutschen.

Das weiß auch SC-Trainer Streich - nicht erst seit dem ernüchternden Resultat gegen Mainz. "Und was bedeutet es für diese Saison? Dass wir alles dafür tun müssen, dass wir in der Liga bleiben. Aber das ist ja nichts Überraschendes für Freiburg."