Freddy Adu: Die gefallene Werbeaktie

Freddy Adu im Porträt

Malerische kleine Plätze, glitzerndes Wasser an der Küste, weniger als 20.000 Einwohner, ostschwedische Idylle. Der Ort von  Freddy Adus neuem Verein Oskarshamns AIK kommt daher wie die Filmkulisse eines Sonntag-Abend-Familienfilms. Gespielt wird in der 3. Liga. Amateurfußball. 

Adu ist mittlerweile 28 Jahre alt und der Hype um den damals 16-Jährigen mit Brillies im Ohr und Millionen auf der Bank, der als "US-Pele" eine ganze Nation euphorisieren sollte, ist nicht mehr als eine verblasste Erinnerung. 1989 wurde er in der ghanaischen Hafenstadt Tema geboren. Als er acht Jahre alt war, gewann seine Mutter in der Green-Card-Lotterie und es ging nach Amerika, aus der Armut in eine bessere Zukunft. Als körperlich herausragender Heranwachsender zog es ihn zum Fußball und nicht etwa zum Football.

Mit zwölf gewann er mit der Heights School die Maryland State Championship und erste Scouts notierten den Namen des schnellen Youngsters in ihre Notizbücher. Der Hype brach aus, als Adu kurz darauf an einem internationalen U14-Turnier teilnahm. Er wurde zum besten Spieler gekürt und erhielt ein Angebot von Inter Mailand. Auch wenn seine Mutter Emelia ihr Veto einlegte – der Wirbel um den Teenager war nicht mehr aufzuhalten.

Freddy Adu

Freddy Adu bereits mit 14 eine Gallionsfigur

Im Januar 2002 ging er auf die IMG Soccer Academy. Längst hatten die Medien Wind vom körperlich weit entwickelten und spielstarken Wunderkind bekommen. Als er 14 Jahre alt war, hatte er Angebote von Manchester United, Chelsea, Inter, Milan und der PSV Eindhoven vorliegen. Adu entschied sich vorerst gegen den Schritt nach Europa und blieb in Amerika, wo er einen Sechsjahresvertrag mit der Major Soccer League über eine halbe Million Euro unterschrieb – als jüngster Spieler seit 100 Jahren, der einen Major-League-Pro-Vertrag erhielt. Sein neuer Verein hieß Washington D.C. United.

"Wir wollten, dass Freddy seinen Traum verwirklichen und sein gottgegebenes Talent richtig entwickeln kann. Deshalb ist es das Beste in seinem Alter, dass er zu Hause bleibt und bei der MLS unterschrieben hat“, erklärte seine Mutter damals. Adu wurde zur Gallionsfigur des schwächelnden Soccers auserkoren. Er sollte der "US-Pele" werden und galt als "der beste 16-Jährige der Welt". "Freddy ist der beste junge Fußballspieler der Welt. Dass er weiter in seinem Heimatland spielt, wird ihn als Fußballer und vor allem als Persönlichkeit entscheidend weiter bringen", sagte Liga-Direktor Don Garber.

Adu wurde zum jugendlichen Popstar, der bei David Letterman auftrat und dank eines Werbedeals mit Nike in finanziellem Überfluss lebte. Obwohl er erst 15 war, war sein Trikot das meistverkaufte der Liga und es kamen 2000 Zuschauer mehr, nur um ihn spielen zu sehen. In Werbespots jonglierte er grinsend Bälle und selbst am Times Square in New York flimmerten seine Tricks für den Sportgiganten über die monströsen Bildschirme. Sein Gesicht zierte sogar plötzlich neben Ronaldinho das Cover des Konsolenspiels FIFA.

Adu jüngster Nationalspieler der Geschichte

2006 debütierte er schließlich für das US-Team und wurde zum jüngsten Nationalspieler der Geschichte. In der Vorbereitung auf die WM belagerten Journalisten das Training - nur wegen Adu. "Freddy hat noch einen weiten Weg vor sich. Er ist ein Kind. Er ist 16", sagte Nationaltrainer Bruce Arena, "er ist nicht mal Stammspieler in seinem Klub." Arena schien zu ahnen, dass es mit Adu ein böses Ende nehmen könnte.

Sportlich folgte nach seinem weltweit beachteten Wechsel für zwei Millionen Euro zu Benfica 2007 ein beispielloser Abstieg. Vom Wunderkind wurde er zum jungen Mann, der die Last, die sein Name mit sich brachte, nie tragen konnte. Taktisch fehlte ihm die Ausbildung und der körperliche Vorteil, der ihn in der Jugend groß gemacht hatte, nutzte ihm gegen die ausgebufften Verteidiger in Europa kein Stück. Nach Leihen zum AS Monaco, zu Belenenses, Saloniki und Rizespor ging es 2011 zurück in die Heimat nach Philadelphia. 

Die Medien schrieben "gescheitert" und prangerten den Weltkonzern Nike an, der Adu als Pionier für den US-Markt missbraucht hatte und ihm eine psychisch nie zu bewältigende Verantwortung aufgeladen hatte. Bei Philadelphia Union schien er sich kurz zu fangen, brach aber leistungsmäßig ein und fügte seiner tragischen Odyssee weitere Stationen hinzu. Brasilien, Serbien, am Ende sogar Finnlands zweite Liga. Auch beim damaligen Zweitligisten Ingolstadt hatte Benno Möhlmann nach einem Probetraining ein Veto eingelegt.

Adu gelang auf dem Rasen fast nichts, er hatte mit Übergewicht zu kämpfen und in seiner Heimat war er als "Fallen Star" längst in der Versenkung verschwunden. Nur sieben Partien in zweieinhalb Jahren absolvierte er bis 2015, ehe er im Juli aus Finnlands Kälte zu Tampa Bay nach Florida floh, wo er auf einem sonnigen Platz direkt neben einer Straße zusammen mit Jungs trainierte, die niemand kennt und die Studenten oder Fitness-Trainer waren.

Freddy Adu 09202012

Adu: "Ich bin glücklich"

Die Gründe für den Fall Adus liegen auf der Hand. "In vielerlei Hinsicht hat er mit 15 aufgehört zu lernen", sagte der damalige Monaco-Präsident Jerome de Bontin. Es war zu früh, es ging alles zu schnell. Die Erwartungen waren unermesslich, dabei hatte Adu nie das ihm attestierte Talent. Ihm fehlte es an Handlungsschnelligkeit, an Technik und an Auge – Defizite, die die Hysterie in den Hintergrund rückte. Der Mensch Adu wurde zum Außerirdischen, zum Alien, von dem man alles erwartete, bloß keine Fehler. Eine Tatsache, die einiges aussagt über die Fußballbranche und auch einen Teil dazu beigetragen hat, dass Klubs ihre Juwelen heute schützen wie rohe Eier, von Fans, Medien und Kommerz abschirmen.

Freddy Adu ist inzwischen 28, er spielt in Schwedens dritter Liga, aber ist er deswegen unglücklich? "Was die meisten Leute nicht wissen ist, dass ich mich dazu entschieden habe, Profi zu werden, weil meine Familie wirklich arm war. Wer würde nein zu Millionen sagen, wenn sich die eigene Familie so quält?", sagte er einmal fast schon entschuldigend und fügte an: "Ich bin glücklich, auch wenn mir das viele nicht zugestehen wollen." Er selbst wollte nie der Hoffnungsträger einer Nation sein oder der neue Pele. Er wollte bloß das Leben am Existenzminimum hinter sich lassen und mit seiner Leidenschaft Geld verdienen.

Das hat er geschafft, noch heute hat er viele Millionen, er kann sich dicke Autos und Uhren leisten, postet auf seinem Instagram-Account auch als Antwort auf diskreditierende Medienberichte Fotos von Armani-Anzügen und hübschen Frauen. Ihm dürften der Spott und das Mitleid der Branche herzlich egal sein. Er ist zu Reichtum und Ruhm gekommen. Einst als heißeste Aktie des Marktes gehandelt und als Werbestar berühmt, gilt er nun als Sinnbild des gescheiterten Wunderkinds. Für ihn persönlich ist das längst bedeutungslos.