Frauenquote in Vorständen vom Bundestag beschlossen – so reagieren jetzt Baywa, Talanx und Co., die noch keine Frauen an der Spitze haben

·Lesedauer: 5 Min.

Große Unternehmen in Deutschland müssen künftig bei der Besetzung von Posten auf der höchsten Management-Ebene Frauen stärker berücksichtigen. Der Bundestag hat am Freitag das "zweite Führungspositionen-Gesetz" beschlossen. Das Vorhaben der großen Koalition sieht vor, dass in börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten und mehr als drei Vorstandsmitgliedern künftig mindestens eine Frau im Vorstand sitzen muss.

Bei Neubesetzungen der Posten muss darauf Rücksicht genommen werden. "Eine Bestellung eines Vorstandsmitglieds unter Verstoß gegen dieses Beteiligungsgebot ist nichtig", heißt es im Gesetz. Mit dem Gesetz ändern sich auch für andere börsennotierte oder mitbestimmte Unternehmen, die nicht unter die Mindestvorgabe fallen, die Regeln: Sie sollen künftig begründen müssen, wenn sie für ihren Vorstand ohne Frauen planen — wenn sie also eine "Zielgröße Null" in ihren Berichten angeben. Geschieht das nicht, drohen Bußgelder. Die Berichtspflichten für Unternehmen werden entsprechend verschärft.

Nach Angaben der Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar), die sich seit Jahren für das Thema einsetzt und die Entwicklung der Besetzung von Aufsichtsrats- und Vorstandsposten ständig verfolgt, fallen 66 börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen unter die neuen Vorgaben für einen Mindestanteil von Frauen im Vorstand. 24 davon haben demnach bisher keine Frau in der obersten Management-Etage.

Diese Unternehmen haben noch keine Frau im Vorstand

Die Organisation veröffentlichte erstmals auch eine Liste dieser Unternehmen. Nach dem Stand von Ende März haben folgende Unternehmen keine Frauen im Vorstand: Aurubis, die Bauer Aktiengesellschaft, BayWa, Deutz, ElringKlinger, Freenet, Hapag-Lloyd, HeidelbergCement, Hochtief, Hugo Boss, Indus Holding, Knaus Tabbert, Koenig & Bauer, Krones, MTU Aero Engines, Rheinmetall, Rhön-Klinikum, Sartorius, Symrise, Talanx, Traton, Wacker Chemie, Wüstenrot & Württembergische.

Da der Stand der Liste von Ende März ist, sind einige Daten schon überholt. Es wird noch das Energieunternehmen Uniper geführt, bei dem jedoch Tiina Tuomela seit dem 29. März Finanzvorständin ist, sowie die Wacker Chemie AG, bei der seit dem 12. Mai Angela Wörl Mitglied des Vorstands ist.

Business Insider hat die Unternehmen, die künftig unter die Quotenregelung fallen, diese aber bislang nicht erfüllen, gefragt, was sie unternehmen wollen, um diese Lücke zu schließen. Die meisten geben an, dass aufgrund laufender Verträge mit bestehenden Vorstandsmitgliedern kurzfristige Änderungen nicht möglich seien, sie jedoch zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Vorständin gemäß der Richtlinie einführen würden, da sie sich an Gesetze hielten.

Wenige Unternehmen sprechen sich konkret für die Mindestbeteiligung aus

Es gibt auch einige wenige Unternehmen, die die neue Regelung positiv sehen, obwohl sie sie noch nicht erfüllt haben. Von Symrise, einem Hersteller von Duft- und Geschmackstoffen, heißt es: "Wir begrüßen die Quote zum Frauenanteil in den Vorständen deutscher börsennotierter Unternehmen ausdrücklich." Das Unternehmen habe sogar eine eigene Frauenquote. "Langfristig wollen wir auch in unserem Vorstand einen Frauenanteil von 20 Prozent erreichen", sagt eine Sprecherin auf Anfrage von Business Insider. Dafür setze sich das Unternehmen schon jetzt auf allen Hierarchieebenen ein: 45 Prozent der Beförderungen im Jahr 2020 entfielen bei Symrise auf Frauen.

Um den Anteil von Frauen grundsätzlich auf allen Führungsebenen zu erhöhen, setze der Automobilzulieferer ElringKlinger vor allem auf die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle Mitarbeitenden in vielfältiger Weise. Dazu gehören unter anderem neue Regelungen zum mobilen Arbeiten, Gleitzeitregelungen, Arbeitsverhältnisse auf Teilzeitbasis oder Beratungskonzepte für die Pflege von Familienangehörigen. Auch seien in internen Personalentwicklungsprogrammen Frauenquoten (beispielsweise 50 Prozent bei High-Potential-Programmen) enthalten, "um die Chancengleichheit weiter zu fördern und den Nachwuchs gezielt zu entwickeln."

Die Versicherungsgruppe Talanx wird noch konkreter: Sie strebt an, bis Mitte 2022 eine Frau im Vorstand der Talanx AG zu haben. "In unserer Nachfolgeplanung legen wir Wert darauf, dass mindestens drei Nachfolger benannt werden. Unter diesen muss zwingend eine Frau sein", sagt ein Sprecher gegenüber Business Insider.

"Bei gleicher Kompetenz werden Frauen bevorzugt"

Von dem Telekommunikationskonzern Freenet heißt es: "Bei gleicher Kompetenz werden Frauen bei der Einstellung und Neubesetzung von Posten bevorzugt." Auch auf anderen Ebenen biete das Unternehmen unter anderem Möglichkeiten zur Förderung wie Elternzeitpaten an, die Frauen im Mutterschutz und in der Elternzeit begleiten, um sie im Unternehmen zu halten und den Wiedereinstieg zu erleichtern.

Stören tun sich einige Unternehmen an dem Begriff der "Zielgröße". 12 Unternehmen der Liste hatten hier null angegeben. "Die Zahl null ist keine Absage an Frauen im Vorstand, sondern drückt die Tatsache aus, dass in diesem kurzen Zeitraum keinen Entscheidungsbedarf gibt", sagt etwa ein Sprecher von Hochtief.

Der Begriff Zielgröße sage nichts über das tatsächliche Engagement hinsichtlich der Förderung von Frauen aus, so auch eine Sprecherin der BayWa AG. Diese ist bei BayWa aktuell bis zum 30. Juni 2022 mit null Prozent angegeben, was das Unternehmen damit begründet, dass es laufende Verträge mit den Mitgliedern seines Vorstandes habe, weshalb das Unternehmen "keine andere Wahl habe, als die Zielgröße null anzugeben".

"Aus unserer Sicht wichtiger als eine Frauenquote auf Vorstandsebene ist ein klares Bekenntnis der Unternehmensführung zu Diversity und Inclusion auf allen Hierarchieebenen", sagt die Sprecherin. Der Frauenanteil in der 1. und 2. Führungsebene der BayWa AG liege aktuell bei 21 Prozent und solle in den kommenden Jahren weiter steigen.

7 große Unternehmen haben schon vor der Abstimmung Frauen in Vorstand berufen

Das geplante Gesetz hat jedoch schon im Vorfeld etwas verändert: Sieben große Unternehmen haben seit Bekanntwerden der Gesetzespläne und bereits vor der Abstimmung im Bundestag weibliche Vorstandsmitglieder berufen, heißt es von Fidar. Genannt werden Adidas, Bayer, Eon, Fielmann, Infineon, Knorr-Bremse und Südzucker.

Die neuen Regeln für Vorstände ergänzen die bereits bestehenden Vorgaben für Aufsichtsräte. Mit dem "ersten Führungspositionen-Gesetz" von 2015 wurden Firmen ab einer bestimmten Größe – in der Regel ab 2000 Beschäftigten – verpflichtet, frei werdende Posten in dem Kontrollgremium mit Frauen neu zu besetzen, bis mindestens ein Anteil von 30 Prozent erreicht ist. Dort wo diese Quote gilt, liegt der Frauenanteil inzwischen bei mehr als 35 Prozent. Der Aufsichtsrat wiederum bestimmt meist über die Besetzung des Vorstands.

Nach dem Bundestagsbeschluss muss das neue Gesetz nun noch durch den Bundesrat.