Warum Frauen jagen

1 / 2

„Isch XXXX deine Mudda“

Herr K. entdeckt die Szene der Battle-Rapper. Doch er scheitert kläglich, als er versucht, seine neue Attitüde ins Büro mitzunehmen.


Herr K. macht sich ein bisschen Sorgen. Immer mehr Frauen jagen neuerdings. Und dabei geht es nicht um Last-Minute- oder Supersonderangebote, sondern um „Rotwild, Damwild, Feldhasen oder auch mal einen Fuchs“, erklärt Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung beim Lunch in der Kantine. Sie macht gerade den Jagdschein und erzählt gern davon, wie schwer die Prüfungen sind. Nicht nur für sie.

Die Journalistin Tanja Rest hat ihren Kampf um den Jagdschein jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ ebenso beschrieben wie ihr dabei sich wandelndes Verständnis für die so fremdartige Natur um uns herum. Es klang sehr philosophisch. Vielleicht hat sie auch Pläne, daraus ein Buch zu machen. „Operation Freiwild – eine Frau geht ihren Weg“ oder so. Da kam ihr allerdings eine Niederländerin namens Pauline de Bok zuvor, deren Buch nun heißt: „Beute. Mein Jahr auf der Jagd“.

Der Bedarf an Frauenliteratur für angehende Jägerinnen scheint groß, denn die Autorin Antje Joel nennt ihr zeitgleich erschienenes Buch einfach nur „Jagd – Unsere Versöhnung mit der Natur“, was wiederum klingt, als tanze sie manchmal nackt im Morgennebel ihren Namen auf einer Waldlichtung.

Da brodelt jedenfalls etwas. Nur was? „Leute, die sich damit auskennen, nennen den Jagdschein auch das ‚grüne Abitur‘“, doziert Frau Stibbenbrook. Die Herren am Kantinen-Tisch schweigen betreten. Herr K., Berger aus dem Marketing und Koslowski sortieren sich erst mal. Jagen? Das war doch lange gesellschaftlich ähnlich akzeptiert wie Heroin-Abhängigkeit.

Herr K. kennt immerhin ein paar weibliche Angehörige des niederen Landadels, die etwa die Parforcejagd aber vor allem als Heiratsmarkt begriffen und viel lieber über ihre selbst gemachten Chutneys sprachen. Damit ließ sich selbst beim Lions Club eher punkten als mit Fachsimpeleien über Repetierbüchsen. Auf rustikalere Fuchsjagden bei der britischen Verwandtschaft wurden sie weniger gern angesprochen. Früher. Seit einiger Zeit spürt Herr K. auch in diesen Nischen neues Selbstvertrauen.

„Müssen Sie dann bei jedem totgefahrenen Karnickel in Ihrem Bezirk das Gekröse nach Trichinen durchforsten?“, fragt Koslowski so naiv wie pragmatisch. „Hängt bei Ihnen dann auch mal ein aufgebrochener Hirsch im Badezimmer?“ Und weil sich Frau Stibbenbrook zunächst nicht wehrt, setzt er noch nach: „Was lief denn da schief, dass Ihr Frauen plötzlich die süßen Bambis abknallen wollt?“, worauf sie funkelt: „Wer sagt Ihnen denn, dass wir nur Vierbeiner erschießen?“

Das ist der Moment, in dem sich Berger schnell verabschiedet und Herr K. fürchtet, dass ihre Kollegin gleich eine handliche Damenpistole aus einem Schulterhalfter unter dem Sakko zieht. Sie fängt dann aber doch nur einen langen Vortrag an über Rousseau und tiefe Wahrheiten der Jagd, Authentizität, regionale Küche und Werte im Wald.

Als Herr K. abends nach Hause fährt, sitzen Frau Stibbenbrook und Koslowski immer noch zwischen den längst hochgestellten Stühlen. Sie hat ihn erlegt, ohne dass Blut floss. Vielleicht wird doch noch was aus den beiden. Horrido und Weidmannsheil!

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK