Warum Franziska Giffey bei Digitalisierung an eine Hochzeitsapp denkt

·Lesedauer: 4 Min.
Hörte in Berlin Gründern zu: Oberbürgermeister-Kandidatin Franziska Giffey
Hörte in Berlin Gründern zu: Oberbürgermeister-Kandidatin Franziska Giffey

Die Sightseeing-Tour „Das politische Berlin“ macht Halt an 27 Bauwerken in der Hauptstadt. Der Bürokomplex in der Kronenstraße 1 gehört nicht dazu. Dabei hätte es anders kommen können, erzählt Patrick Bunk, der sein Startup Ubermetrics dort untergebracht hat. Das Gebäude habe einst die neue CDU-Zentrale werden sollen, dann kam alles anders, und nach 20 Jahren Leerstand sei er, Bunk, dann eingezogen, habe sich allerdings des Mobiliars entledigen müssen, weil ihm das „zu CDU“ gewesen sei.

Bunk ist nicht nur Gründer, sondern auch SPD-Parteimitglied. Zusammen mit Julian Leitloff, der das Startup Fractal gegründet hat und als Mitautor des Buchs „Keinhorn“ bekannt wurde, hat er Franziska Giffey eingeladen, die sich gerade um den Oberbürgermeisterinposten in der Hauptstadt bewirbt. Die Gründerinnen und Gründer wollen der ehemaligen Bundesfamilienministerin und Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln ein paar Wünsche mit auf den Weg geben und ihre Sicht in Sachen Digitalisierung hören.

„Warum ist ein Exit so wichtig?“

Aber erst mal erden. „Warum ist ein Exit so wichtig?“, fragt die SPD-Politikerin. Bunk erzählt die Geschichte vom VC-Geld und wie die Investoren ihr Kapital wieder zurück haben möchten. Und gerne etwas mehr. Schon wenn man Wagniskapital aufnimmt, treffe man die Entscheidung, das Unternehmen irgendwann nicht mehr sein eigenes nennen zu dürfen. Giffey beeindruckt: „Das muss man sich auch erst mal klarmachen.“

So, jetzt aber zu dem, was den Gründern am Herzen liegt. Digitale Bürgerämter zum Beispiel. „Wir müssen da produktorientierter vorgehen“ – Giffey hat die Szene-Lingo schnell verinnerlicht. Leitloff wirft eine Idee in den Raum: Die Stadt als App-Store. Während das Gespräch weitergeht, sieht man der Politikerin an, dass sie an dem Gedanken kleben geblieben ist. „Was meinen sie denn eigentlich damit, der Stadt als App-Store“, schießt es aus ihr heraus. Leitloff erklärt: Die Verwaltung soll Daten und Schnittstellen zur Verfügung stellen und Dritte können Apps damit bauen.

Der große Vorteil: Dann kann es mehrere Apps geben und die beste setzt sich durch. Als Zuhörer kann man sofort nachvollziehen, dass das Ergebnis nur besser sein kann als zum Beispiel eine landeseigene Senioren-App für die Mobilität in der Stadt. Oder Anwohnerparkausweise auf Knopfdruck. Giffey ist hingerissen, vielleicht auch weil Leitloff argumentiert, dass würde die Stadt ja dann weiter nichts kosten. Im schlimmsten Fall gibt die App die Daten an einen Dienstleister, der sie in die Formulare überträgt und beim Amt abliefert.

Sie habe gezeigt, dass Digitalisierung in der Verwaltung möglich ist

Die Politikerin kommt währenddessen in Schwärmen. „Eine Hochzeitsapp wäre toll, da kann man dann einfach direkt buchen, wenn man in einem bestimmten Bezirk oder einem bestimmten Veranstaltungsort heiraten will!“ Ein Umdenken in der Verwaltung sei schwierig, vor allem mehr junge Leute brauche es, eine starke Führung sei wichtig: „Das ist nicht zum Aussuchen, wir machen das jetzt!“ Sie selbst freilich habe im Familienministerium mit genau dieser Dringlichkeit gezeigt, dass Digitalisierung schon möglich ist.

Nächster Punkt: Mobilität. Klar, mehr Alternativen zum Auto müssen her. Giffey erzählt begeistert über den Boom von Senioren-Elektrodreirädern auf dem Land. „Allerdings sollten wir nicht sagen, dass eine Verkehrsgruppe schlechter ist als die andere.“ Und man müsse statt immer nur Elektroantriebe zu fordern ja auch vielleicht mal überlegen, ob nicht bessere Kraftstoffe für vorhandene Autos eine Lösung wären. Überhaupt fällt dem Zuhörenden auf, dass Giffey viele schlaue Fragen stellt. Wie können wir mehr E-Mobilität erreichen? Wie verteilt man den Straßenraum? Wie können wir… Irgendwie hätte man sich auch mal eine Antwort, ein So können wir… gewünscht, aber Giffey sei ja vor allem zum Zuhören hier, sagt sie dazu.

Dann hat sie aber doch noch eine sehr strikte Meinung. Als von Gründerinnenseite die Anmerkung kommt, die „2G“-Regelung für Clubbesuche spalte die Gesellschaft und belaste auch die Startup-Szene, bleibt Giffey hart. Das sei nur fair, es werde ja niemand in seinen Freiheiten eingeschränkt. Niemandem werde verboten, in einen Club zu gehen. Nur impfen lassen müsse er oder sie sich eben. Klar durchblicken lässt sie, dass beim Thema auch keine Kompromissbereitschaft besteht.

Gutes Karma

Was sie denn nun vom ganzen Zuhören mitnimmt in ihre Arbeit? Dass eine Zusammenarbeit zwischen Startup-Szene und Stadt eine gute Idee sei, die man unbedingt verfolgen sollte. Dass man Gründer-Mut auch in der Verwaltung fördern müsse und eine Fehlerkultur aufbauen. „Es traut sich ja gar keiner, etwas auszuprobieren vor lauter Angst, dass etwas schiefläuft.“ Dabei dürfe man die alte Welt nicht verteufeln, aber müsse sich mit Möglichmachern umgeben.

Die Gründerinnen und Gründer – nicht alle haben übrigens ein Parteibuch – hat Giffey offenbar überzeugt. Sie habe aufmerksam zugehört, sagen sie zufrieden nachdem die Politikerin weg ist, wohlwollend reagiert und auch manchmal nachvollziehbar gekontert, hier beim Gespräch in der Fast-CDU-Parteizentrale. Im Erdgeschoss des Bürogebäudes in der Kronenstraße 1 sitzt der Nah- und Mittelost-Verein, dessen Vorsitzender übrigens Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist. „Prima, das bringt gutes Karma.“

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.