Krawalle nach tödlichen Polizeischüssen auf 22-Jährigen in Frankreich

Feuerwehr löscht brennendes Auto in Nantes

Tödliche Polizeischüsse auf einen 22-Jährigen haben in Frankreich schwere Krawalle ausgelöst. Die Regierung verurteilte die Ausschreitungen in der Stadt Nantes am Mittwoch scharf. Das Justizministerium kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an. Die Regeln zum Schusswaffengebrauch durch Beamte waren erst kürzlich gelockert worden. Nach Angaben der Justiz wurde der Getötete per Haftbefehl gesucht.

Laut der Polizeileitung in Nantes hatte der junge Mann bei einer Verkehrskontrolle versucht, mit seinem Fahrzeug zu fliehen. Dabei fuhr er einen Polizisten an und verletzte ihn leicht am Knie. Ein weiterer Beamter schoss daraufhin auf den jungen Mann. Polizeikreisen zufolge wurde er an der Halsschlagader getroffen und starb im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft von Nantes erklärte, der junge Mann sei der Polizei wegen "bandenmäßigen Diebstahls" bekannt gewesen. Im Juni 2017 sei gegen ihn ein Haftbefehl ausgestellt worden.

Der Tod des 22-Jährigen löste Krawalle aus: Mit Molotowcocktails bewaffnete Jugendliche lieferten sich in mehreren Brennpunkt-Vierteln Auseinandersetzungen mit der Polizei. Rund 30 Autos wurden angezündet sowie mehrere Gebäude und Geschäfte, ein Einkaufszentrum brannte teilweise aus. Am Mittwochmorgen entspannte sich die Lage wieder. Es gab keine Festnahmen, knapp 200 Polizisten waren im Einsatz.

Frankreichs Innenminister Gérard Collomb kritisierte die Gewalt gegen Polizisten und die Sachbeschädigungen in Nantes "mit größtem Nachdruck". Zugleich rief der Innenminister zur Ruhe auf und stellte die Entsendung weiterer Sicherheitskräfte in Aussicht.

Das Justizministerium in Paris kündigte eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft und der Generalinspektion der nationalen Polizei an. Damit solle "völlige Transparenz" über den Tod des 22-Jährigen erreicht werden.

Zeugen widersprachen der Darstellung der Polizei. Eine Anwohnerin in Nantes, die ihren Namen nicht nennen wollte, sagte der Nachrichtenagentur AFP, der junge Mann "habe niemanden umgefahren". Hinter seinem Auto habe auch kein Polizist gestanden. Eine weitere Frau versicherte, sein Auto habe gestanden und er habe seine Papiere ausgehändigt.

Weitere Vorstadt-Bewohner in Nantes kritisierten das Vorgehen der Polizei scharf. "Die Polizei schießt einfach", sagte eine Frau. "Das ist skandalös." Andere fragten, warum der Beamte nicht auf die Autoreifen gefeuert habe, sondern auf den Kopf des jungen Mannes.

Die sozialistische Vorgängerregierung hatte die Regeln zum Schusswaffengebrauch für Polizisten gelockert und die Vorgaben für Notwehr ausgeweitet. Anlass war ein Angriff mit Molotow-Cocktails auf Polizisten in einer Pariser Vorstadt 2016, bei dem vier Beamte zum Teil schwer verletzt worden waren. Auch bei der Serie islamistischer Anschläge mit mehr als 240 Toten seit Anfang 2015 wurden die Sicherheitskräfte immer wieder zum Ziel.

Laut einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht der französischen Polizei stieg der Schusswaffengebrauch zuletzt an: Danach gaben Beamte 14 tödliche Schüsse alleine im zweiten Halbjahr 2017 ab. In Deutschland waren es laut Polizeihochschule Münster 14 im gesamten Jahr 2017. Die französische Polizeiführung erklärt den Anstieg mit der steigenden Zahl von Verdächtigen, die sich Kontrollen widersetzen und nicht mit den geänderten Vorgaben.